Juniorwahl – Demokratie zum Üben

Braunschweig  Bei einem landesweiten Schulprojekt zur Landtagswahl haben neun Braunschweiger Schulen mitgemacht.

Wahlhelferin Amrei Wichmann (19) nimmt die Wahlberechtigungen der Schüler entgegen.

Foto: Rudolf Flentje

Wahlhelferin Amrei Wichmann (19) nimmt die Wahlberechtigungen der Schüler entgegen. Foto: Rudolf Flentje

Daria Cholszczynska wirft ihren gefalteten Wahlzettel in die Urne. Schlurfend kommt sie aus dem Klassenraum. Die Realschülerin hat gerade zum ersten Mal gewählt. Sie reagiert etwas ratlos auf die Frage, warum Wahlen wichtig sind. „Der Staat wird wohl besser oder schlechter durch die Wahl“, sagt die 16-Jährige zögerlich. Mit ihren Eltern spricht sie nicht über Politik.

Es ist Juniorwahl in Niedersachsen. Neun Schulen in Braunschweig machen mit, eine davon ist die Realschule Sidonienstraße. Hier dürfen 137 Schüler aus den Klassen acht bis zehn an die Urne. Petra Strompen hat ihre Schule für die Juniorwahl angemeldet. Wochenlang hat die Politiklehrerin zusammen mit ihrer Kollegin Dorothea Steiner ihre Klassen darauf vorbereitet.

Juniorwahl – was ist das? Seit 1999 findet sie bundesweit statt, parallel zu Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen, veranstaltet von „Kumulus“, einem gesellschaftspolitischen Verein. Unter 18-Jährige haben die Möglichkeit, freiwillig unter echten Bedingungen eine Wahl durchzuspielen. Viele Eltern scheinen mit ihren Kindern nicht über die Wahl zu sprechen, stellt Dorothea Steiner enttäuscht fest. Sie erhofft sich mehr Aufklärung der Schüler durch die Juniorwahl. Im vorbereitenden Unterricht galt es herauszufinden, wofür die einzelnen Parteien stehen, und um politische Grundsätze und die Wahlordnung.

Die beiden Lehrerinnen hatten sich zuvor darauf verständigt, die NPD nicht vorzustellen. Sie wollten der Partei keinen Raum im Unterricht geben. Das umfängliche Kursmaterial lieferten die Organisatoren der Juniorwahl. So viel, dass man damit ein halbes Jahr Politikunterricht füllen könne, so Petra Strompen. „Wir haben uns fünf Wochenstunden mit der Juniorwahl beschäftigt, mehr Zeit konnten wir nicht einräumen“, sagt die engagierte Lehrerin, von der auch die Idee stammt, die Juniorwahl an der Realschule durchzuführen.

Es ist so weit. Aufgeregt stellen sich die Schüler klassenweise vor dem „Wahllokal“ auf. In dem umfunktionierten Klassenzimmer hängen selbstgeschriebene Infoplakate zur Landtagswahl. Zwei Wahlkabinen sind in der Ecke aufgestellt, ein umgedrehter Pappkarton dient als Wahlurne. Amrei Wichmann, die ihr freiwilliges soziales Jahr an der Schule absolviert, ist heute Wahlhelferin. Sie nimmt die Wahlberechtigungen entgegen, hakt die Namen ab. Kevin Cilek aus der 9b berichtet nach der Wahl: „Ich wusste vorher, welche Partei ich wähle. Wir haben die Parteien im Unterricht behandelt und zu Hause den Wahl-O-Mat gemacht.“ Ob die Juniorwahl Spaß gemacht hat? „Auf jeden Fall“, sagt Kevin mit verschmitztem Lächeln.

Bis 2022 sollen bundesweit alle weiterführenden Schulen daran teilnehmen, so lautet das ambitionierte Ziel.

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