Als Bohnenkaffee noch Luxus war
2011-12-08T18:31:02+0100Erzählcafé zum Dritten – Diesmal erinnerten sich alteingesessene Salzgitteraner unter dem Motto "Uns geht’s wieder besser" an die Zeit des Wirtschaftswunders.
LEBENSTEDT. Elisabeth Lauer und Reinhold Jenders von der Evangelischen Familienbildungsstätte begrüßten sechs Teilnehmer, die gekommen waren um zu erzählen, wie sie und ihre Familien die Anfangsjahre in Salzgitter erlebten: Ilona Besser, Robert Hanne, Günter Marschall, Ernst Neumann, Karin Paul und Erika Prigge. Wie es nach dem Krieg in Watenstedt-Salzgitter aussah, beschrieb Elisabeth Lauer in ihrer Einführung: "Am 1. August 1947 bestand die Stadt überwiegend aus Baracken. Das sogenannte Wirtschaftswunder kam – wie alles in Salzgitter – mit drei bis fünf Jahren Zeitverzögerung", zitierte sie den ersten Oberstadtdirektor Günter Paslat. Im April 1945 zählte Lebenstedt 18000 Einwohner, davon waren 3600 Ausländer aus verschiedenen Nationen. "Multikulti gab es schon damals", so Lauer. 40000 Flüchtlinge hatte Salzgitter zu versorgen, denn viele von ihnen "hatten nur das, was sie auf dem Leibe trugen" (Ilona Besser). Auf 6000 schätzte man den Wohnungsbedarf der nächsten zehn Jahre, tatsächlich wurden 16000 gebaut. Die Arbeitslosigkeit war hoch nach der Demontage: Infrastruktur, Rathaus, Bahnhof – Fehlanzeige. Nur langsam ging es voran mit der jungen Stadt, die 1951 in Salzgitter umbenannt wurde. Eingekauft wurde im Zentral-Gewerbe-Park. "Meine Mutter bekam 30 Mark Haushaltsgeld pro Woche", merkte Ilona Besser an. "Ein Stück Butter kostete 1,65 Mark, ein Brot 1,20 Mark. Mein Vater verdiente als Facharbeiter 320 Mark", ergänzte Günter Marschall. Echter Bohnenkaffee war der Inbegriff von Luxus und wurde in Tüten zu 50 oder 100 Gramm verkauft. Karin Paul betrieb mit ihrer Familie einen Bekleidungsladen in Lebenstedt, der die hochwertige Marke "Bleyle" führte, die allen Teilnehmern noch gut in Erinnerung war. "Wir sind zu arm, um Plunder zu kaufen, so ging der Spruch damals" erinnerte sich Besser. Die Motorisierung verlief nur schleppend, Mopeds bestimmten das Straßenbild, nur jeder siebte Einwohner hatte 1957 ein Auto. Die nächste Veranstaltung mit dem Thema "Leben als Mann, Frau und Familie" findet am 11. Januar um 17 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte statt. Anmeldung unter (05341) 83 63 30.


