Am Tag, als Conny Kramer starb

Salzgitter  Als Maik eines Morgens aufwacht, liegt sein Bekannter tot auf dem Sofa – er hatte sich den „Goldenen Schuss“ gesetzt.

Deutlich könne er sich noch an den Morgen erinnern, als er wieder wach wurde. An die Sanitäter, die Polizei und seinen Freund, der leblos auf dem Sofa lag. Doch an das, was passiert war, daran habe er keine Erinnerungen. Auch nicht an das, was an dem Abend zuvor geschah. Alles, an was er sich noch erinnert sei, dass er mit einem wohligen Gefühl einschlief. In der Salto-Suchthilfe sprechen Maik und Mario (Namen geändert) anlässlich Gedenktages für die Drogentoten am Sonntag, 21. Juli, über den Tod, ihre Sucht und den Versuchen ihr zu entkommen.

„Eigentlich war es der Horror“, berichtet Maik. Damals, das Datum wolle er nicht nennen, hatte er sich mit einem Freund getroffen, „um uns Cocktails zu setzen“, berichtet der 42-Jährige. Cocktails, das sind Mischungen aus Heroin und Kokain, die sich die Süchtigen spritzen.

„Wir teilten unseren Stoff und spritzten die halbe Nacht“, erinnert sich Maik. Beide seien sie gut drauf gewesen, doch dann sei er müde geworden. „Ich haute mich aufs Bett und schlief mit einem wohligen Gefühl ein“, berichtet Maik. Sein Freund habe sich noch einmal einen Schuss setzen wollen und bereitete seine Spritze vor. „Am nächsten Morgen merkte ich, dass etwas nicht stimmte“, sagt der 42-Jährige. Sein Freund atmete nicht mehr. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen.

„Beinahe jedes halbe Jahr ist einer aus der Szene krepiert“, berichtet Maik. Damals, ab Mitte der 1980er-Jahre in Salzgitter. „Wir haben uns oft im Park hinter dem Rathaus getroffen.“ Sei einer aus der Szene dort erst nach mehreren Tagen wieder aufgetaucht, habe es meist geheißen: „Wir dachten schon, dich hätte es erwischt.“

Während Maik mit 15 Jahren erstmals Haschisch rauchte, kiffte der 46-jährige Mario erstmals mit 21 Jahren einen Joint. „Wir wollten cool sein und dazugehören“, sagt Mario. Allerdings sollte es nicht dabei bleiben.

„Zunächst rauchte ich nur ab und zu an den Wochenenden“, sagt Maik. Das berichtet auch Mario. Erst als beide jeweils schwere Schicksalschläge erlitten, wurde es mehr. „Ich wollte den Schmerz einfach verdrängen“, erklärt Mario sein Verhalten heute, Maik nickt. Später stiegen beide auf Heroin um.

„Irgendwann kam einer mit einem Tropfen Schore auf Alufolie“, sagt Maik. Schore ist ein Begriff für Heroin in der Drogenszene. Sie erhitzten den Stoff und inhalierten den Dampf. „Ich zog zweimal“, sagt Maik. Dann habe er sich übergeben müssen. „Es schoss einfach heraus“, erinnert er sich. Aber dann habe sich dieses Gefühl eingestellt. „Man fühlt sich befreit und überlegen“, sagt Maik. Doch das Gegenteil sei der Fall, ergänzt Mario. „Ich merkte nicht, wie ich immer aggressiver wurde“, sagt er.

Während für Mario das Inhalieren des Heroins immer die Grenze war, ging Maik dazu über auch zu spritzen. „Für das Besteck hatte ich mir ein Versteck in meiner Wohnung präpariert“, berichtet er. Die Droge begann sein Leben zu bestimmen. „Etwa alle drei bis vier Tage habe ich mir einen Schuss setzen müssen“, sagt er. 2009 setzte er sich die Spritze zuletzt bis zu sechsmal am Tag. „Heroin macht nicht satt, aber es hilft zu vergessen“, sagt er.

Mario und Maik haben Hilfe im Substitution -Programm der Salto-Suchthilfe gefunden. Dieses umfasst neben der Suchttherapie auch die medizinische Begleitung während ihres Entzugs. „Ich hatte es zunächst mit Methadon probiert“, sagt Mario. Doch diese Ersatzdroge habe er nicht vertragen. „Sie gibt nicht so den Kick wie richtiges Heroin“, sagt er. Die Entzugserscheinungen würden zwar gelindert, „aber das Gefühl im Kopf ist anders.“ Mehrmals wurde er rückfällig, bis er auf das Medikament Suboxone umstieg.

„Jetzt kann mich schon länger ohne Medis bewegen“, sagt er. Ende des Monats könnte er ausschleichen, wie sie es nennen. Dann wird ihm der Arzt das Medikament, die Ersatzdroge nicht mehr verschreiben. „Es wird sicher schwer, doch ich will es wagen“, sagt Mario.

Auch Maik will den Absprung schaffen. „Ich will endlich clean werden“, sagt er. Seit vier Wochen ist er wieder im Programm, nach dem er mehrmals rückfällig geworden ist. „Ich bin froh über das Angebot“, sagt er. Nur zwei Wochen habe er warten müssen, bis er das Medikament erhielt, mit dem er den Ausstieg nun schaffen will.

Die Drogenszene in Salzgitter

Aufgrund der hohen Dunkelziffer ist es schwer, verlässliche Zahlen für Salzgitter zu erhalten.

Seit dem Jahr 2004 wurden in der Salto-Suchthilfe 2384 Abhängige betreut. In 70 Fällen spielten Opiate eine Rolle. Den größten Anteil haben Alkoholabhängige (1400).

Gab es in den 1990er-Jahren in der Stadt noch 5 bis 7 Drogentote im Jahr, ist diese Zahl seit dem zurückgegangen. Die letzten drei Fälle verzeichnete die Polizei in Salzgitter im Jahr 2010, berichten die Suchthilfe und die Polizei. In Niedersachsen sank die Zahl der Drogenopfer von 52 (2011) auf 49 (2012).

Die Entwicklung zeigt, dass zwar der Heroinkonsum weiter rückläufig ist, nicht aber der Konsum opiathaltiger Medikamente (Tramadol, Tilidin). Unter den Jugendlichen sind die herkömmlichen Drogen inzwischen weniger verbreitet.

Stattdessen stellen die zuständigen Stellen eine starke Zunahme von „beschleunigenden Drogen“ wie Kokain, Designerdrogen und Amphetaminen fest.

Am weitesten verbreitet sind aber weiterhin Nikotin und Alkohol. Diese Stoffe fordern auch die meisten Opfer.

Im Substitutions-Programm der Salto-Suchthilfe werden derzeit 75 Personen betreut, die unter ärztlicher Aufsicht die Ersatzdrogen Methadon, Polamidon, Bupremorphin, Suboxone und Methadicct erhalten. Bundesweit sind offiziell 75.500 Abhängige in Substitutions-Programmen gemeldet.

Die Aufnahme in das Programm kann sehr schnell erfolgen. Voraussetzung ist allerdings eine mindestens zweijährige Abhängigkeit und das Mindestalter von 18 Jahren. Des Weiteren sehen die Verträge vor, dass es zu keinem Rückfall oder anderweitigen Drogengenuss (z.B. von Alkohol) kommen darf. Dies würde das sofortige Ende der Maßnahme bedeuten. jms

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