Der Armee entkamen die Karas nur knapp

Lebenstedt  Die sechsköpfige Kurdenfamilie floh 2013 unter Lebensgefahr vor dem syrischen Bürgerkrieg.

Die Flüchtlingsfamilie Kara mit Vater Houssen Auni, Mutter Niruz und Sohn Mohammed.

Foto: Comes

Die Flüchtlingsfamilie Kara mit Vater Houssen Auni, Mutter Niruz und Sohn Mohammed. Foto: Comes

Der neunjährige Mohammed Kara ist Kurde. Als er vor knapp drei Jahren mit seiner fünfköpfigen Familie vor dem Bürgerkrieg aus der heute völlig eingekesselten syrischen Stadt Aleppo floh, sei er ein völlig verängstigtes Kind gewesen, erinnert sich seine Mutter Niruz (4). Oft habe er sich eingenässt. Heute lacht der schüchterne Junge fröhlich. An der Grundschule Am Ostertal habe er bereits viele Freunde gefunden, sagt Mohammed. Alles Deutsche, darunter auch Mädchen. Man merkt: Der Junge fühlt sich wohl in Lebenstedt, hier ist seine neue Heimat. Anders denken die Eltern. Für Vater Houssen Auni (50) steht fest: „Wenn ich in Syrien in Sicherheit wäre und nur ein kleines Zimmer bekäme – ich würde es nehmen“.

Angst um ihr Leben hatten die Karas spätestens, als in ihrem Wohnviertel täglich Bomben fielen und geschossen wurde. „Wir lebten in einem Kriegsgebiet“, erinnert sich Houssen Kara, der in einer Fabrik für Eisenverarbeitung angestellt war. Die Lage spitzte sich dramatisch zu, als eines Tages Soldaten in die Wohnung der Karas eindrangen.

Der Vater war in der Firma, seine Frau mit Tochter Asima (17) und den Söhnen Mohammed, Diar (14) und Omar (20) allein zu Haus. Die Männer wollten den Ältesten gewaltsam für den Militärdienst rekrutieren. Schnell habe sie Omar im Wandschrank versteckt, erinnert sich Mutter Niruz. Sie habe vor Panik geweint, die Soldaten hätten sie geschlagen, die Tochter an den Haaren gerissen. Statt des Sohnes wollten sie nun Vater Houssen mitnehmen. Niruz Kara gelang es, die Männer abzuwimmeln. Noch bevor die Soldaten zurückkehrten, war sie mit ihren Kindern überstürzt geflohen.

Mit Houssen traf sie sich in der kleinen, von Kurden stark besiedelten Stadt Afri, von da aus ging zu Fuß weiter über die türkische Grenze. Acht Monate hielt es die Familie dort aus. Alle, selbst die Kinder mussten arbeiten, um die horrende Wohnungsmiete zu bezahlen, erinnert sich der Vater.

Lang ersehnte Hilfe kam aus Bonn. Die Schwägerin hatte erfolgreich einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt, besorgte den Karas ein Visum und Flugtickets.

FLÜCHTLINGE

Bis Ende 2015 nahm die Stadt 2260 Flüchtlinge in Salzgitter auf. Davon gelangten über die Erstaufnahme 1060 Menschen hierher, 1200 über die Quotenzuteilung. 1006 Flüchtlinge sind in der Stadt untergebracht (Stand Dezember). Sie leben in den Zentralen Unterkünften Nord-Süd-Straße (210) und Ringgasse (33). Dezentral wohnen sie in der Lohnhalle Haverlahwiese (82), im Altklinikum (40), in Thiede (12), Immendorf (64) und im Forellenhof 23. 121 Menschen leben bei Verwandten.

Aus Syrien kommen die meisten Flüchtlinge (31 Prozent). Weitere stammen laut Angaben der Stadt aus palästinensischen Gebieten (8), Asien (7,8), Serbien (5,5), Kosovo (5,2), Montenegro (5,1), Albanien (3,9), Cote d’Ivore (3), Sudan (3,4) oder sonstigen Ländern (27).

Seit zwei Jahren sind sie nun schon in Deutschland, seit 22 Monaten in Salzgitter. Der Antrag der Karas auf Asyl ist genehmigt, sie wohnen in der Bruchmachtersen Straße. Und sie sind voller Dankbarkeit gegenüber den Deutschen: Mutter Niruz besucht einen Nähkurs, das Radeln hat sie schon gelernt. Asima macht ein Praktikum als Kita-Erzieherin, Omar lässt sich zum Friseur ausbilden. Nur Vater Houssen wartet – auf einen Platz in einem Sprachkursus.

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