Hubertus Meyer-Burckhardt: Bin immer gerne in Braunschweig

Braunschweig.  Im Interview sprach der Moderator und Fernsehfilm-Produzent über starke Frauen und dumme Männer.

Hubertus Meyer-Burckhardt war zu einer Lesung in der Buchhandlung Graff gekommen. Der 63-Jährige mag Braunschweig – nicht zuletzt, weil es viel von seiner Geburtsstadt Kassel hat. Unser Foto zeigt ihn beim Frühstücks-Interview auf dem Burgplatz.

Hubertus Meyer-Burckhardt war zu einer Lesung in der Buchhandlung Graff gekommen. Der 63-Jährige mag Braunschweig – nicht zuletzt, weil es viel von seiner Geburtsstadt Kassel hat. Unser Foto zeigt ihn beim Frühstücks-Interview auf dem Burgplatz.

Foto: Florian Kleinschmidt / Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Wir hatten schon mal das Vergnügen. Im April 2011 war das. Da war Hubertus Meyer-Burckhardt nach Braunschweig gekommen, um in der Buchhandlung Graff aus dem Roman „Die Kündigung“ zu lesen, seinem allerersten Buch.

Jetzt war er quasi als Geschenk des NDR wiedergekehrt. Der Braunschweiger Tierarzt Rolf Gramm hatte sich im Namen seines Rotary-Clubs bei der Aktion „Wünsch dir Deinen NDR“ für eine Benefizlesung zugunsten der Schülerhilfe im westlichen Ringgebiet beworben und den prominenten Fernsehmann für einen neuerlichen Besuch bei Graff gewonnen. 5000 Euro sind dabei zusammengekommen.

Diesmal las Meyer-Burckhardt aus seiner Gesprächssammlung „Frauengeschichten“. Dafür hatte er unter anderem Doris Dörrie, Elke Heidenreich, Erika Pluhar und Veronica Ferres nach ihrem Antrieb im Leben befragt und aufgeschrieben, was man von ihnen lernen kann.

Wir sitzen sonnenbeschienen beim Frühstückskaffee auf dem Burgplatz und Meyer-Burckhardt beginnt, von Braunschweig zu schwärmen. „Ich komme wirklich immer wieder gerne her“, versichert er glaubhaft. „Diese Buchhandlung ist sensationell, gut geführt und ihr Publikum immer toll.“ Braunschweig erinnere ihn an seine Geburtsstadt Kassel.

Wir kommen auf die Frauen zu sprechen, die er erklärtermaßen für spannender hält als die meisten Männer. Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Meyer-Burckhardt, dass er Simone de Beauvoir immer vielschichtiger gefunden habe als Sartre, Sony nicht so gut wie Cher und Tina um Klassen besser als Ike Turner.

„Frauen definieren sich sehr viel mehr über ihre Person, Männer hingegen über ihre Funktion“, meint Meyer-Burckhardt. Insofern erscheine ihm die Auseinandersetzung mit Frauen sehr viel wesentlicher. „Ich unterhalte mich doch viel lieber mit einer Person, als mit einem Funktionsträger“, meint er.

Schon lange hat er das Credo seiner Mutter verinnerlicht: Glücklichsein ist eine Entscheidung. Und er zitiert Erika Pluhar: „Das Leben ist auch dann ein Geschenk, wenn dir nichts geschenkt wird.“ Weise Worte, die nachwirken.

Alle zehn Frauen, die er im Buch versammelt habe, hätten sich dem Leben anvertraut. „Mich interessiert, wie die jeweilige Perspektive der Frauen auf ihr Leben aussieht. Auf ihre Lebensführung, auf das, was sie zu bewältigen hatten und haben.“ Diese Frauen hätten das Leben bei den Hörnern gepackt, seien immer wieder aufgebrochen, hätten nie das Schicksal für ein Scheitern verantwortlich gemacht. Die meisten dieser Frauen kenne er aus seiner Produzententätigkeit. „Dass sie prominent sind, hat mich dabei am wenigsten interessiert.“

Meyer-Burckhardt wirkt entspannt, auch wenn ihm ein Termin in Berlin im Nacken sitzt. Ein höflicher, aufmerksamer Mann. Gebildet, belesen, neugierig. Mit klarer Haltung, die er meisterlich zu formulieren vermag. Nebulöses Drumherumreden ist seine Sache nicht.

Wir kommen auf Donald Trump zu sprechen, und er sagt: „Der Wertekanon hat sich verschoben.“ Er ist fassungslos, wie sich Amerika verändert. „Leute wie Trump sorgen dafür, dass man Sachen wieder sagen darf, die man vor fünf oder zehn Jahren nicht hätte sagen können.“

Meyer-Burckhardt ist schockiert über die zunehmenden antisemitischen Übergriffe. Nein, er habe auch kein Patentrezept dagegen. Aber eines sei gewiss: „Die Gesellschaft kann etwas tun, indem sie unendlich in Bildung investiert.“ Es könne nicht sein, dass in Deutschland Lehrermangel herrsche, und es könne nicht sein, dass Lehrer so schlecht bezahlt würden.

Und noch etwas: „Zum inneren Frieden würde es sicher beitragen, wenn die Polizei eine größere Präsenz hätte.“ Wir müssten in sie investieren. „Ich glaube, diese Straftaten bleiben viel zu oft ungesühnt, weil niemand in der Nähe ist, der es bemerkt und zur Anzeige bringen kann.“ Er ist überzeugt, dass die Gesellschaft, ob berechtigt oder nicht, ein Gefühl habe, dass es im Land nicht mehr sicher sei.

Meyer-Burckhardt beklagt ein ungesundes Grundklima, entstanden durch egomane politische Protagonisten. „Die Türkei ist ja schon lange kein Staat mehr, der mir ein demokratisches Vorbild ist; aber die Amerikaner stehen doch eigentlich für ganz andere Werte“, seufzt er. Das sei deprimierend.

Wir sind mittendrin im politischen Frust, und Meyer-Burckhardt sagt resigniert: „Wenn ich ein Patentrezept hätte, ich würde es Ihnen sofort verraten.“ Trump sei gewählt worden – das sei ja das Irre. „Was ich sehe, ist das Auseinanderlaufen des Bewusstseins in den Städten und in der Provinz. „Der Brexit ist in der Provinz gewählt und Trump im ländlichen Bibelgürtel; wohingegen Erdogan in den kosmopolitischen Stadtteilen von Istanbul überhaupt nicht gewählt wird.“ Offensichtlich gehe da etwas auseinander. „Ich kann es mir nicht erklären.“

Immerhin ist die Jugend ein Lichtblick. Das Engagement der Klimaaktivisten von Fridays for Future beeindruckt ihn. „Natürlich finde ich es gut, dass junge Menschen auf die Straße gehen und versuchen, ihr Schicksal in die Hände zu nehmen – unter dem Eindruck, dass wir Erwachsenen das nicht in ausreichendem Maße tun.“

Doch er frage sich auch, wie eine Welt funktionieren könne, in der man nicht mehr fliegen dürfe. Wie solle das bloß gehen, wenn Geschäftsleute nicht mehr zu ihren Partnern dürften? „Und wollen wir jetzt alle nur noch im Spessart und in der Lüneburger Heide Urlaub machen und alle zu Provinzlern werden?“

Er hoffe inständig, dass es irgendwann einmal zu einem schadstoffarmen Massentransportmittel in der Luft komme. „Der gesellschaftliche Druck ist groß. Vielleicht führt er dazu, dass jetzt schnell Lösungen gefunden werden.“

In der Arena auf dem Burgplatz beginnt die Probe für „Nabucco“ und reißt uns aus unseren etwas schwermütigen Gedanken. Glockenklar und fröhlich hingegen die Stimme der Sopranistin.

Wir kommen auf die NDR Talk-Show zu sprechen. Wie würde er sich wohl ansagen, wenn er als sein eigener Gast in der Runde säße? Meyer-Burckhardt muss nicht lange nachdenken und verkündet in launigstem Ton: „Wir haben heute einen Menschen zu Gast, dessen Heimat die Sehnsucht ist, der vom Fernweh getrieben ist und jedem Besitz zutiefst skeptisch gegenübersteht ...“

Die Talk-Show hat ihn, der doch eigentlich immer mehr Filmproduzent und mehr Manager war, bundesweit bekannt gemacht. Meyer-Burckhardt ist beliebt als Moderator, obwohl er den Job lieber „Gastgeber“ nennt.

Der 63-Jährige hat eine eiserne Regel. „Ich frage persönlich, aber nie privat.“ Und schon gar nicht garstig. „Wir wollen schließlich keinen investigativen Journalismus machen“, betont er.

Die Programmforschung besage, dass die Menschen am Freitagabend „entpflichtet“ werden wollten. Bei Wein und Salzstangen wollten sie den Einstieg ins Wochenende genießen. „Bei uns geht’s so amüsant zu, dass mancher Zuschauer sicher gerne zwischen uns säße.“

Was hält er vom derzeitigen deutschen Film? „Ich komme derzeit wenig ins Kino, aber als TV-Produzent bin ich durchaus zufrieden mit den deutschen Produktionen“, betont er.

Ohnehin ist für Meyer-Burckhardt das deutsche Fernsehen das Beste der Welt. „Nennen Sie mir ein Land, wo drei Kulturkanäle frei empfangbar sind!“ Er erzählt auf: Arte, 3Sat, Phoenix. Wer da mangelnde Qualität beklage, jammere auf sehr hohem Niveau.

Meyer-Burckhardt ist jetzt 63, hat viel erlebt, viel gestaltet. Was mag da noch an Herausforderungen in ihm schlummern? „Im Gegenteil“, erwidert er lachend. „Ein Arzt würde sagen: Ich schleiche aus. Ich war lange im Vorstand bei Springer und bin es nicht mehr; ich war lange bei ProSieben im Vorstand und bin es nicht mehr. Auch nicht mehr in Aufsichtsräten großer Firmen und kein Geschäftsführer mehr.“

Er winkt ab. „Wenn ich heute Träume habe, dann sind das Reiseträume.“ Die Reisen blieben seine Antriebsfeder, und wahnsinnig gerne würde er mal in die Antarktis und auch in den Süden Argentiniens aufbrechen, nach Neuseeland und mit dem VW-Bus durch Alaska fahren – von Anchorage nach Kotzebue.

„Mein nächstes Nahziel aber ist Bulgarien“, verkündet er und wirft lässig die Städte Sofia und Plovdiv ins Gespräch. Plovdiv sei gerade Europäische Kulturhauptstadt, das wisse bloß kaum einer.

Und dann erzählt er von den Thrakern, die dort gesiedelt hätten – und wir ahnen: Der Wissensdurst und die Neugier dieses Mannes sind unstillbar. Ausschleichen hin oder her.

So freuen wir uns schon mal auf seinen nächsten Besuch in Braunschweig. Dann werden wir wieder um ein Gespräch bitten. Aller guten Dinge sind schließlich drei.

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