Forschung in Braunschweig: Mikroben, Mobilität und Mond-Projekte

Braunschweig.  2019 war ein großes Jahr für die Wissenschaft in Braunschweig: Wir zeigen einige Highlights.

Wissenschaftler aus Braunschweig und Hannover wollen den 3D-Druck auf den Mond bringen

Wissenschaftler aus Braunschweig und Hannover wollen den 3D-Druck auf den Mond bringen

Foto: Laserzentrum Hannover

Das herausragende Wissenschaftsereignis dieses Jahres war wohl die Bewerbung der TU als Exzellenz-Uni. Am Ende hat es nicht ganz gereicht – aber das Vorhaben hat vieles in Bewegung gebracht, getreu dem Motto der Uni: „we move“. Und ganz nebenbei gab es 2019 an der TU und den vielen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in Braunschweig viele spannende Neuigkeiten. Eine kleine Auswahl zeigen wir hier.

12 Millionen Euro für 5G-Reallabor

Die Forschung zum Mobilfunkstandard 5G in der Region Braunschweig-Wolfsburg wird vom Bund mit 12 Millionen Euro bezuschusst. Die Übertragung ist 100 Mal schneller als der aktuelle Standard 4G (LTE). Ein Reallabor soll entstehen. Die Federführung hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (Institut für Verkehrstechnik). Beteiligt sind unter anderem die TU und die Physikalisch-Zechnische Bundesanstalt. Forschungsbeispiele: ferngesteuerter Bahnbetrieb, Einsatz von Rettungsdrohnen im vernetzten Straßenverkehr, Diagnostik mit mobilen EKG-Westen.

Neues Antibiotikum

Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) und der TU München haben aus einem Krebsmedikament ein neues Antibiotikum entwickelt. Dieses soll gegen Infektionen mit gefährlichen multiresistenten Keimen (MRSA) helfen, die sonst kaum noch behandelbar sind. Demnächst soll die klinische Entwicklung beginnen.

Die erste Wasserstoff-Tankstelle

Die TU befasst sich mit emissionsfreiem Schwerlastverkehr. Das Institut für Thermodynamik und das Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge entwickeln mit Industriepartnern einen Wasserstoff-LKW, der Langstrecken fahren kann. Passend dazu: Die Shell-Tankstelle an der Hamburger Straße bekommt eine Wasserstoff-Tankstelle – die erste in Braunschweig. Mit Wasserstoff werden Autos betankt, die Brennstoffzellen haben. Diese wandeln den Wasserstoff in elektrische Energie um, mit der ein E-Motor betrieben werden kann. Mehrere Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft hatten sich für die Tankstelle eingesetzt.

Transport-Drohne im Flugversuch

In der unbemannten Luftfahrt ist viel in Bewegung – ein Schwerpunkt der Entwicklungen ist die Zustellung von Frachten per Drohne. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist hier maßgeblich an der Forschung beteiligt. Das Ziel: Humanitäre Hilfsgüter oder dringend benötigte Ersatzteile sollen flexibel, sicher und kostengünstig transportiert werden. Im Juli wurden erfolgreiche Flugversuche durchgeführt. Es geht dabei um Lasten bis zu 200 Kilogramm auf Distanzen bis zu 500 Kilometern.

Führend in der Batterieforschung

Das bundesweite Forschungsprojekt „ProZell“ startete im Oktober in die zweite Phase. 28 Forschungseinrichtungen befassen sich mit dem Aufbau einer Batteriezellenproduktion in Deutschland, vor allem mit Blick auf Elektro-Mobilität. Eine führende Rolle hat dabei weiterhin die TU, denn koordiniert wird das Gesamtprojekt von Professor Arno Kwade, der auch die zur TU gehörende Batterie-Forschungsfabrik leitet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt in den nächsten drei Jahren rund 30 Millionen Euro für „ProZell“ zur Verfügung. Generell geht es darum, Batteriezellen möglichst klein, leicht, leistungsfähig, günstig, schnell und in großer Stückzahl herzustellen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Batterie-Recycling, um die wertvollen Materialien wiederverwenden zu können.

Zentrum für Energiespeicher

Die Fraunhofer-Gesellschaft wird am Forschungsflughafen für 60 Millionen Euro ein Forschungszentrum für Energiespeicher bauen. Die Hälfte der Kosten trägt das Land. Es geht um die Entwicklung von Flüssig- und Feststoffbatterien, Brennstoffzellen (etwa für Mobilität und Industrie) sowie von Verfahren für deren industrielle Produktion. Im Februar wurde das Projekt gestartet. Bis der Neubau steht, laufen die Forschungsarbeiten nebenan im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik, das zur TU gehört. Die Uni ist in das neue Forschungszentrum eingebunden.

Zukunftslabor Mobilität

Das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik der TU koordiniert seit dem Herbst ein Projekt zur Digitalisierung der Mobilität. Die Wissenschaftler befassen sich unter anderem mit intelligenten Fahrzeugen, digitalen Mobilitätsdienstleistungen und mit der Kommunikation von Autos und Ampeln. Ein Fokus liegt auf der Kombination verschiedener Verkehrsträger wie Roller, Auto, Bus, Bahn und Schiff. Beteiligt sind unter anderem auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Ostfalia.

Impfstoff gegen Zecken

Zecken können viele Infektionserkrankungen übertragen. Wissenschaftler der TU haben ein Unternehmen gegründet (Norden Vaccines GmbH), um einen Impfstoff gegen Zecken zu entwickeln. Ihre Idee ist bereits patentiert und mehrfach preisgekrönt: Die Zecken sollen bereits zu Beginn des Bisses abgestoßen werden, bevor überhaupt Krankheitserreger ins Blut übertragen werden können. Die Ausgründung aus der TU sei erfolgt, weil man die anstehenden Arbeiten bis zur klinischen Prüfung an einer Universität allein nicht mehr leisten könne, so die Geschäftsführer.

Neues Forschungsflugzeug

Seit mehr als 30 Jahren unternehmen Wissenschaftler der TU Forschungsflüge mit einer Dornier Do128-6 „D-IBUF“. Dabei geht es vor allem um die Grundlagenforschung in der Meteorologie – zum Beispiel für die Gewitterforschung. Zudem wollen die Forscher mehr über Meereis-Prozesse in der Arktis sowie über Auswirkungen von Offshore-Windparks auf die Atmosphäre lernen. Ein weiterer Bereich sind umweltverträgliche und leisere Anflugverfahren. Die Dornier wird bald ausgemustert. Mit einer Förderung der Klaus-Tschira-Stiftung (4,5 Millionen Euro) hat die TU in diesem Jahr eine gebrauchte Cessna F406 gekauft. Diese hat eine Reichweite von 2200 Kilometern – fast doppelt so viel wie die alte Dornier.

Sprache der Mikroben

Braunschweiger Wissenschaftler erforschen seit diesem Jahr Kleinstlebewesen in spätmittelalterlichen Handschriften. Beteiligt sind die TU und das Leibniz-Institut „Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ in Stöckheim (DSMZ) sowie die Universitätsbibliothek Leipzig. Der Verbund aus Philosophie, Mikrobiologie und Kulturwissenschaften geht der Frage nach: Könnten Bakterien Auskunft über die Welt mittelalterlicher Handschriften und deren Nutzung in der Vergangenheit geben? Die Mikroben werden nicht als Schädlinge gesehen, sondern als Chance, Erkenntnisse über die Geschichten einzelner Bücher zu gewinnen.

Prüfstand für Fahrzeugtests

Das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) der TU erhält einen Klimarollenprüfstand. Das Land zahlt dafür fast fünf Millionen Euro. Damit lässt sich die Effizienz eines Autos unter realistischen Bedingungen analysieren, auch Angaben zu Emissionen und Kraftstoffverbrauch können ermittelt werden. Das Besondere an diesem Prüfstand: Laut der TU ist ein Temperaturbereich von minus 30 Grad bis 40 Grad vorgesehen, so dass die Forscher das Verhalten von Fahrzeugen unter arktischen bis wüstenähnlichen Bedingungen untersuchen können.

Virtuelles Notfallregister

Bisher werden Daten, die im Falle eines Unfalls lebensrettend sein können, an verschiedensten Stellen unabhängig voneinander gespeichert: zum Beispiel in der Smartwatch (Vitaldaten), beim Rettungsdienst, im Krankenhaus. Die TU, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) und die Medizinische Hochschule Hannover haben nun ein Projekt gestartet, um solche Daten zu verknüpfen und damit die Behandlung zu verbessern. Dazu muss eine technologische Grundlage geschaffen werden. Eine mögliche Anwendung: Das mit intelligenter Technik ausgerüstete „Smart Home“ erkennt einen Sturz, alarmiert den Rettungsdienst, sendet auch einen Grundriss mit Lageort des Gestürzten und öffnet die Haustür, wenn der Rettungsdienst kommt. Eine wichtige Anforderung: Datenmissbrauch muss ausgeschlossen sein.

Bakterien bekämpfen Methan

Mikrobiologen aus Braunschweig und von der Uni Wien haben seltene Bakterien entdeckt, die der Bildung des Treibhausgases Methan entgegenwirken. Diese leisten damit womöglich einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz, wie das Leibniz-Institut „Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ (DSMZ) mitteilt. Fundort des Bakteriums ist ein Moor im Fichtelgebirge – die Bakterien kommen aber weltweit vor. Moore sind für etwa 30 Prozent aller Methan-Emissionen verantwortlich. Den Wissenschaftlern zufolge wäre der Ausstoß ohne die Bakterien deutlich höher. Allerdings: An einen gezielten Einsatz der Bakterien gegen den Methan-Ausstoß denken die Forscher nicht. Vielmehr gehe es zunächst darum, das System der Methanproduktion besser zu verstehen.

3D-Druck auf den Mond bringen

Wenn der Weltraum weiter erkundet werden soll, könnte dem Mond als künftige Forschungsstation und Ausgangsbasis für Expeditionen eine große Bedeutung zukommen. Da die Kosten für Flüge und Transporte zum Mond sehr hoch sind, müssten Infrastruktur, Bauteile und Geräte am besten direkt dort hergestellt werden. Genau damit befasst sich jetzt das Projekt Moonrise: Wissenschaftler des Instituts für Raumfahrtsysteme der TU und des Laser-Zentrums Hannover wollen per Laser Mondstaub schmelzen, um ihn per 3D-Druck als Baumaterial nutzbar zu machen. Im Jahr 2021 haben die Forscher die Möglichkeit, ihre Technik mit der ersten Mondmission des Berliner Unternehmens PTScientists auf den Mond zu fliegen und zu testen.

Wir wünschen einen guten Flug!

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