Krankenpflegeschüler übernehmen eine Station im Marienstift

Braunschweig.  Zwei Wochen leiten Gesundheits- und Krankenpflegeschüler eine Station – das ist seit 2019 Teil der Ausbildung am Marienstift.

Die Auszubildende Josephine Brandis (links) ist für zwei Wochen stellvertretende Stationsleiterin der Station C2. Sie prüft den Blutdruck von Patient Günter Linde. Ihre Ausbildungskollegin Constanze Piter notiert die Werte in der Patientenakte.

Die Auszubildende Josephine Brandis (links) ist für zwei Wochen stellvertretende Stationsleiterin der Station C2. Sie prüft den Blutdruck von Patient Günter Linde. Ihre Ausbildungskollegin Constanze Piter notiert die Werte in der Patientenakte.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Günter Linde legt sich entspannt zurück auf sein Bett im Krankenhaus Marienstift. Vor zwei Wochen wäre das noch undenkbar gewesen. Nach einer länger zurückliegenden Bauchoperation bekam er nach einer Bauchfellentzündung einen Platzbauch. Unter der Haut lagen die Organe frei, ungeschützt vom Muskelgewebe. Dass er in so kurzer Zeit genesen ist, habe nicht nur an der hervorragenden Arbeit der Ärzte gelegen, sagt er am Tag seiner Entlassung, sondern auch an der der Krankenschwestern und -pfleger – und dabei sind die, die ihn auf der Station Chirurgie 2 betreut haben, noch ausnahmslos in der Ausbildung.

Dass die Gesundheits- und Krankenpfleger in ihrem dritten und letzten Ausbildungsjahr eine Station übernehmen, ist seit dem vergangenen Jahr Teil ihrer Ausbildung. Adrian Kuhnke, Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Praxiskoordinator im Marienstift, hat die Idee im Krankenhaus umgesetzt. „Mit dem Projekt wollen wir die Auszubildenden an den Alltag als examinierte Kraft heranführen, Handlungskompetenz fördern und Selbst- und Verantwortungsbewusstsein stärken“, sagt Kuhnke.

Für Josephine Brandis und Constanze Piter hat sich bereits in der ersten der zwei Wochen, in der sie die Station übernehmen, schon viel geändert. Piter sagt: „Bevor es losging, war ich super aufgeregt, ob ich weiß, wo ich anfangen soll, oder ob ich nur planlos herumstehe.“ Und dann das: Als ein Patient mit Bronchialkarzinom kurzatmig wurde und seine Finger blau anliefen, rief Piter sofort den Arzt. Als der nach einer Krankenschwester mit abgeschlossener Ausbildung verlangte, sagte Piter: „Nein, ich bin jetzt hier.“

In den wenigen Tagen hätten sie gelernt, sich durchzusetzen, sagt auch Brandis, die von ihren Kollegen zur stellvertretenden Stationsleiterin gewählt wurde. „Wenn etwas pflegerisch sein muss, dann fragen wir nicht, wann es dem Arzt passt. Dann setzen wir uns dafür ein, dass es sofort passiert.“ Verantwortung übernehmen, seine eigene Art und Weise finden, wie man Abläufe gestaltet – auch das habe dazu beigetragen, dass Piter jetzt sagt: „Wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, habe ich am Anfang immer noch angefügt: Ich will danach aber noch Medizin studieren. Jetzt sage ich stolz: Ich werde Krankenschwester.“

Den Plan zu studieren, haben Piter und auch Brandis allerdings nicht aufgegeben. Doch es sei nicht mehr das einzige Ziel. „Wenn es mit der Medizin nichts wird, bin ich trotzdem glücklich“, sagt Brandis. „Es gibt so viele Weiterbildungsmöglichkeiten in der Pflege.“ Und sollte es doch klappen, dann werde sie „das Menschliche, das man in der Pflege lernt,“ nicht vergessen.

Diesen Aspekt lobt auch Patient Linde: „Ich war viel und lange in Krankenhäusern. Auf Station zu liegen, ist harte Arbeit. Die Pflege, die ich hier bekommen habe, hat mich sehr aufgebaut.“ Die Stimmung im Krankenhaus beeinflusse die Genesung ganz wesentlich. „Das Marienstift hat eine Seele.“

Margit Weithäuser, Leiterin der Pflegeschulen am Marienstift sagt zum Programm für die Auszubildenden: „Diese Praxiseinheit ist eine hervorragende Möglichkeit, in der Ausbildung erlernte Fähigkeiten explizit zu trainieren.“ Natürlich stehe die Sicherheit der Patienten im Vordergrund, betont Pflegedirektorin Rosemarie Ölschläger. „Daher ist permanent eine Überwachung durch examinierte Pflegekräfte gewährleistet.“ Und die Schüler hätten vor den zwei Wochen umfassende Schulungen erhalten.

Kuhnke begleitet das Projekt zudem wissenschaftlich. Seine Bachelorarbeit in Pflegewissenschaften an der Ostfalia-Hochschule hat er im vergangenen Jahr über das Pilotprojekt geschrieben. Eine solche wissenschaftliche Begleitung war Weithäuser wichtig. „Ich wollte, dass das nicht nur auf der Gefühlsebene beurteilt, sondern daran gemessen werden kann, was die Auszubildenden an Kompetenzen erlangt haben.“

Um das zu erheben, bittet Kuhnke die Auszubildenden vorab und nach der Projektphase nach einer Selbsteinschätzung. Zudem fragt er in einem Fragebogen am Ende unter anderem ab, wie sich die Gesundheits- und Krankenpfleger in ihrer Rolle empfunden haben, wie die Teamarbeit funktioniert hat und wieviel Sicherheit sie gewonnen haben. Zudem geben die Teilnehmer jeden Tag eine Selbsteinschätzung ab und führen täglich ein Projekttagebuch. Kuhnke: „Ich bin total stolz auf die Auszubildenden. Sie haben bisher schon viele stressige Situationen und Notfälle gemeistert.“

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