K.O.-Tropfen im Glas: Braunschweigerin wurde vergewaltigt

Braunschweig.  Die 44-Jährige berichtet, was ihr widerfahren ist, weil sie warnen will: „Es kann jeden treffen, auch bei Bekannten.“

Der beste Schutz, um nicht Opfer von K.O.-Tropfen zu werden: Man sollte sein Getränk nie unbeaufsichtigt lassen.

Der beste Schutz, um nicht Opfer von K.O.-Tropfen zu werden: Man sollte sein Getränk nie unbeaufsichtigt lassen.

Foto: Jens Kalaene / dpa

K.O.-Tropfen sind tückisch. Man sieht sie nicht, riecht sie nicht, schmeckt sie nicht. Doch die Folgen für die Opfer können gravierend sein. Eine Braunschweigerin (44), die wir hier aus Gründen der Anonymität Anne nennen, hat sich dazu durchgerungen, ihre Erfahrungen zu schildern, um zu warnen.

Im Frühjahr vergangenen Jahres war sie mit anderen Mitgliedern ihres Vereins zum Abendessen mit einem anderen befreundeten Verein eingeladen. Ein Restaurant ist angemietet, ungefähr 40 Leute kommen zusammen. Man kennt sich. Nur drei etwas jüngere Männer aus dem anderen Verein sind Anne unbekannt. Es gibt deftiges, gutbürgerliches Essen. Die Stimmung ist heiter, man sitzt nett beisammen, plaudert. Von 19 Uhr bis etwa 22 Uhr trinkt Anne drei Gläser Weinschorle und einen Kurzen.

„Keine Dosis, von der man einen Filmriss bekommt“, sagt sie. „Zumal ich gut gegessen hatte. Doch gegen 22 Uhr merkte ich, dass ich nicht mehr ganz Herr meiner Sinne war. Bis zu dem Zeitpunkt konnte ich mich noch an alles erinnern und weiß, wie es mir ging, war leicht angeheitert, aber nicht betrunken. Plötzlich fühlte ich mich wie in Watte gepackt, etwas aufgekratzt, kichernd. Ich weiß noch, dass mir schlecht wurde und ich zur Toilette gegangen bin – und von da an weiß ich nichts mehr.“

Zwei bis drei Stunden Blackout

Filmriss. Alles weg. Zwei bis drei Stunden Blackout. Annes Erinnerung setzt erst nach Mitternacht wieder langsam ein, als sie mit den anderen Vereinsmitgliedern im Hotel ankommt. Sie fühlt sich unglaublich müde, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Als sie wenig später ins Hotelbett sinkt, fällt sie sofort in tiefen Schlaf.

„Am nächsten Morgen bin ich mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht, mir war sauschlecht, und ich hatte Halsschmerzen“, erzählt sie. „Außerdem hatte ich Schmerzen im Unterleib und starken Durchfall. Auf der Toilette fiel mir dann der Geruch von Sperma auf.“

Anne ist irritiert. Beim Frühstück hört sie von den anderen, dass sie am späten Abend ungewöhnlich ausgelassen und enthemmt gewesen sei. Sie fragt, was sie denn in dieser Zeit kurz vor Mitternacht getrunken habe, weil sie sich ihren Zustand nicht erklären kann. Kaffee und Wasser, erzählen die anderen. „Aber ich würde abends nie Kaffee trinken“, sagt sie. Das Ganze wird immer rätselhafter.

Fotos zeigen sie mit fratzenmäßigem Grinsen

Auf Handyfotos vom späten Abend ist sie mit einem fratzenmäßigen Grinsen zu sehen, total aufgedreht. So, wie sie sonst nie ist. Dann wirft ihr einer ihrer Vereinsfreunde noch einen verärgerten Kommentar an den Kopf, schimpft über ihr Verhalten und Sex auf dem Klo. Anne bohrt nach, was er damit meint. Was ist in den Stunden vor Mitternacht passiert, an die sie sich nicht mehr erinnern kann?

Er berichtet ihr, was er beobachtet hat: Demnach war Anne nicht allein auf der Toilette. Einer der jungen Männer, die sie nicht näher kannte, sei ihr gefolgt. Als nach zehn Minuten weder der Mann noch Anne zurückgekehrt waren, schaute der Freund nach. Ihm kam das Ganze merkwürdig vor. Auf der Damentoilette hörte er Geräusche, das Stöhnen von zwei Menschen, die Sex miteinander haben. Er war verärgert. So etwas hatte er Anne nicht zugetraut. Er geht wieder zurück zu den anderen. Kurz danach kam der junge Mann aus der Toilette, ging zu seinen Kumpels und klatschte sich ab.

Dann kam auch Anne zurück, gut drauf, wie ihr berichtet wird, total enthemmt, euphorisch, in bester Partylaune. Sie fiel mit vulgären Sprüchen auf, was sonst keiner von ihr kannte. Sie flirtete an der Bar heftig mit den Männern, völlig untypisch für sie, bis sich die Gesellschaft auflöste – und Annes Erinnerung allmählich wieder zurückkehrte.

„Da hat Dir einer was ins Glas gegeben“

Was war bloß in dieser Nacht mit ihr geschehen? Anne ist verzweifelt, schildert einer Freundin alles, was sie bis dahin weiß. Und die sagt sofort: „Da hat Dir einer was ins Glas gegeben, K.O.-Tropfen oder so etwas. Das warst doch nicht Du!“

„Ich war völlig fertig. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich dort mit einem Fremden Sex gehabt haben soll“, sagt Anne. „So etwas würde ich nie tun, zumal ich zu dem Zeitpunkt in einer festen Beziehung war.“ Trotzdem spricht alles dafür: das Stöhnen auf der Toilette, der merkwürdige Spermageruch und die unerklärlichen Unterleibsschmerzen. „Und es spricht auch alles dafür, dass ich nicht betrunken war, sondern unter Betäubungsmitteln stand. Alle Symptome passen dazu.“

Wie ging es weiter? Anne fühlt sich schmutzig, missbraucht, mies reingelegt. Sie duscht immer und immer wieder, weint pausenlos. Sie lässt den Abend mit Hilfe von Erzählungen Revue passieren. Als sie das Ganze realisiert hat, entscheidet sie sich, doch in ein Krankenhaus zu gehen, um sich untersuchen zu lassen. Viel zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt ist die Substanz längst nicht mehr nachzuweisen. Sie erstattet dennoch Anzeige wegen Vergewaltigung. Später gibt der junge Mann zu, mit ihr Sex gehabt zu haben. Er behauptet, sie hätten sich einvernehmlich dazu verabredet. Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwältin legt das Ganze zu den Akten.

„Ein Tropfen zu viel kann tödlich sein“

Anne beginnt eine Therapie. Manchmal denkt sie: Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nie erfahren, was in der Zeit passiert ist, an die ich mich nicht mehr erinnere. Hat der Typ vielleicht Fotos gemacht, mit denen er sich jetzt brüstet? Und wie konnte er in Kauf nehmen, dass sie bei einer nur minimalen Überdosierung hätte sterben können? „Ein Tropfen zu viel kann je nach Substanz und körperlicher Verfassung tödlich sein“, weiß sie inzwischen. Die Ungewissheit nagt sehr an ihr.

Sie hat Erfahrungsberichte betroffener Personen gelesen, sich überall schlau gemacht – und sie will andere warnen. „Wenn man den Verdacht auf K.O.-Tropfen oder andere bewusstseinstrübende Substanzen hat, sollte man keine Scham haben und sofort ins Krankenhaus gehen, damit Blut- und Urinproben genommen werden. Diese werden dann über das Netzwerk ,Pro Beweis’ gesichert“, sagt Anne. Das ist wichtig, weil die Substanzen innerhalb weniger Stunden abgebaut werden und nicht mehr nachweisbar sind. „Und man sollte unbedingt Anzeige erstatten, auch wenn man meint, es hat eh keinen Sinn. Damit wird der Vorfall beim Täter zumindest aktenkundig, und bei der nächsten Anzeige werden die ermittelnden Behörden hellhörig und ein besonderes Augenmerk darauf legen.“

Die Substanzen sind nur schwer nachzuweisen

Sexuelle Übergriffe und Raubdelikte mittels K.O.-Tropfen kommen seit Jahren immer wieder vor. Die Opfer werden mit ein paar Tropfen in ihrem Getränk willenlos gemacht oder betäubt. Unklar ist, wie hoch die Zahl der Straftaten ist. Seitens der Braunschweiger Polizei heißt es, die Fälle hätten abgenommen. Allerdings sei es sehr schwer zu ermitteln, ob eine Straftat stattgefunden habe, sagt Polizeisprecherin Carolin Scherf. „Die Opfer stellen oft erst spät fest, was passiert ist – dann lässt sich die Substanz aber nicht mehr im Körper nachweisen.“

Konkrete Zahlen kann auch Rosa Berger von der Braunschweiger „Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt“ nicht nennen. Im Sommer 2019 hat der Verein mit Förderung des Landessozialministeriums die Kampagne „Ich lass mich nicht K.O.-Tropfen“ gestartet. Seitdem gebe es mehr Zulauf von Frauen, die unter Tropfen sexualisierte Gewalt erfahren haben, und auch von Männern. Rosa Berger hat schon von etlichen Vorfällen gehört: Von der Frau, die sich aufgrund der Tropfen nicht mehr bewegen konnte, vergewaltigt wurde – und alles mitbekommen hat. Oder von dem Mädchen, das im letzten Jahr während des Karnevals missbraucht wurde – und keiner hat ihr geglaubt.

Vorfälle auch bei privaten Feiern oder Firmenpartys

„Alle Altersgruppen sind betroffen“, sagt Berger. Und etliche Opfer berichten ihr zufolge, dass die Tat sich nicht in einer Disko in anonymer Atmosphäre mit unbekannten Menschen ereignet hat, sondern bei einer privaten Feier oder einer Firmenparty. Die Kampagne soll daher dafür sensibilisieren, sich vor bewusstseinstrübenden Substanzen zu schützen. Sie richtet sich zum Beispiel an Studenten – unter anderem mit Plakaten und bedruckten Bierdeckeln.

„Was viele Leute nicht wissen: K.O.-Tropfen führen nicht zwangsläufig zur Bewusstlosigkeit“, sagt Berger. Je nach Substanz und Dosierung können sie zunächst auch aufputschend und enthemmend wirken. Teilweise werden sie daher als Partydroge genommen, insbesondere der Stoff GHB, auch als Liquid Ecstasy bekannt. Das Gefährliche: Schon eine geringe Überdosierung kann lebensbedrohlich sein. Was Berger besonders ärgert: Die Substanzen sind problemlos übers Internet erhältlich.

Fachtagung in Braunschweig

Um die Beweissicherung zu verbessern, organisiert der Verein im März eine Fachtagung für Vertreter von Polizei, Krankenhäusern und Staatsanwaltschaften. „Das Problem ist, dass sich die Substanzen innerhalb weniger Stunden im Blut abbauen“, sagt Rosa Berger. „Wir wissen von Toxikologen, dass die Blutprobe auf ganz bestimmte Weise zentrifugiert und gekühlt werden muss, um einen Nachweis überhaupt zu ermöglichen.“ Um Vorfälle aufzuklären, müssen also alle beteiligten Akteure schnell und sorgfältig handeln. Bei der Fachtagung in Braunschweig soll daher unter anderem erörtert werden, wie Kliniken und Polizei gut Hand in Hand arbeiten können.

Was Rosa Berger wichtig ist: „Niemand soll mit Angst feiern gehen. Es geht darum, aufmerksam zu sein und aufeinander aufzupassen.“

Fakten rund um K.O.-Tropfen

K.O. steht für knock-out: außer Gefecht gesetzt. Als K.O.-Tropfen werden verschiedene bewusstseinstrübende Substanzen bezeichnet. Oft handelt es sich um GHB (Gamma-Hydroxy-Butyrat) und GBL (Gamma-Butyro-Lacton). Die Stoffe sind farblos und nicht zu schmecken, wenn sie in Getränke oder Speisen gemischt werden. Sie wirken bereits nach wenigen Minuten.

Die Substanzen können je nach Dosierung zunächst enthemmend wirken. Die Opfer sind euphorisch, sexuell stimuliert, aber auch willenlos. Außerdem kann es zu Sprach- und Wahrnehmungsstörungen kommen, zu Benommenheit, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit, Atemnot, Koma und Atemstillstand. Typisch sind Erinnerungslücken. Alkohol verstärkt die Wirkung.

Wer den Verdacht hat, K.O.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben, sollte sich sofort an ein Krankenhaus wenden, damit Blut- und Urinproben genommen werden. Die Substanzen sind nur wenige Stunden nachweisbar. Auch die Polizei und Beratungsstellen sind wichtige Ansprechpartner.

An öffentlichen Orten und bei Feiern sollte man immer auf sein Getränk achten und keine offenen Getränke annehmen. Wer starke Wesensänderungen bei anderen bemerkt, sollte genau hinsehen. Wer selbst Übelkeit verspürt oder andere typische Symptome, sollte Freunde ansprechen.

Der Karneval naht, eine Zeit ausgelassenen Feierns. Aus diesem Grund machen die drei Karnevalsgesellschaften in den nächsten Wochen auf das Problem aufmerksam. Initiiert haben dies die Freibeuter, eine der großen Showgruppen des Braunschweiger Karnevals. Insbesondere mit Flyern werden sie darauf hinweisen, dass auch beim Feiern Regeln gelten, zum Beispiel diese: kein Komasaufen, keine harten Drogen. Und: „Wer K.O.-Tropfen in Getränke schüttet, gehört zum miesesten Gewürm.“

Infos gibt es bei der Frauen- und Mädchenberatung gegen sexuelle Gewalt: www.trau-dich-bs.de/k-o-tropfen

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