Braunschweiger Therapeuten: Wir dürfen weiterhin arbeiten

Braunschweig.  Viele Patienten sagen Termine in den Praxen ab. Das bringt etliche Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen in Not.

Physiotherapeuten und andere Therapeuten dürfen – unter Einhaltung der Hygienevorschriften – medizinisch notwendige Behandlungen durchführen.

Physiotherapeuten und andere Therapeuten dürfen – unter Einhaltung der Hygienevorschriften – medizinisch notwendige Behandlungen durchführen.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und medizinische Fußpfleger sind von den Beschränkungen angesichts der Corona-Pandemie betroffen. Zwar dürfen sie weiterhin Behandlungen durchführen, die aus medizinischer Sicht notwendig sind. Das heißt: Wer ein entsprechendes Rezept vom Arzt hat, darf kommen – der Therapeut wird dann im Einzelfall prüfen, ob die Weiterbehandlung in der aktuellen Situation nötig ist. Doch viele Patienten sagen ihre Termine jetzt ab, wie mehrere Physiotherapeuten berichten.

Die Braunschweiger Ergotherapeutin Ariane Haußig sagt: „Noch bis vor wenigen Wochen arbeitete ich in meiner Praxis aufgrund fehlender Bewerber und hoher Anzahl an Patienten mit sehr hohem Pensum. Jetzt bleiben die Patienten aus, Pflegeheime dürfen nicht mehr aufgesucht werden. Keine Praxis war darauf vorbereitet und kann das auffangen.“

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SVH) mahnt: „Ohne Rettungsschirm bleibt die Patientenversorgung auf der Strecke.“ Sollten Praxen aus finanziellen Gründen schließen müssen, werde das auf Dauer massive Probleme nach sich ziehen. Die Heilmittelbereiche Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie leiden dem SHV zufolge seit Jahren unter sehr geringen Vergütungssätzen. „Und bei den derzeitigen Umsatzrückgängen um 60 bis 90 Prozent sind die finanziellen Rücklagen schnell aufgebraucht wenn es sie überhaupt gibt.“

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Dass viele Patienten ihre Termine jetzt absagen oder einfach nicht kommen, hat den Therapeuten zufolge vor allem zwei Gründe: Zum einen gehören viele der Patienten zur Risikogruppe und bleiben vorsichtshalber zu Hause. Zum anderen seien viele fälschlicherweise der Ansicht, dass die Praxen aufgrund der Kontaktverbote geschlossen seien.

Der Verband fordert finanzielle Soforthilfen von der gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen: „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil: Sie profitieren finanziell von dieser Situation. Denn die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie sind im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen. Für die Krankenkassen ist das ein Nullsummenspiel. Den Heilmittelerbringern rettet das aber deren Existenz.“

Auch die Physiotherapeutin Frauke Mecher betont, wie wichtig es etwa für Patienten nach Operationen oder nach einem Schlaganfall sei, dass die erforderliche Reha-Maßnahme weiter stattfinde. „Ich habe auch viele Kinder mit Behinderung in meiner Praxis – sie benötigen eine fortlaufende Behandlung.“ Sie fordert mehr Orientierung bei konkreten Problemen: „Sollten akute Patienten aus Angst vor einer Ansteckung nicht in die Praxis kommen wollen, so muss unbürokratisch ein Hausbesuch möglich sein. Hier benötigen wir dringend Klärung.“

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Ein großes Problem sei zudem, dass in Alten-und Pflegeheimen zurzeit so gut wie keine Therapien möglich seien. „Man kann zur Not mal eine gewisse Zeit aussetzten. Aber ich mag mir nicht vorstellen, wie es sich auswirkt, wenn über Wochen keine Lymphdrainage, Atemtherapie, Kontrakturprophylaxe und Mobilisation stattfindet. Sekundärschäden wie Lungenentzündungen, massive Bewegungseinschränkungen und Thrombosen könnten die Folge sein.“

Mecher nennt eine weitere Hürde: „Unter großen Mühen besorgen wir Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel und versuchen so, alle Vorsichtsmaßnahmen für die Patienten und für uns zu gewährleisten.“ Ihre Forderung: Auch die Therapeuten müssten dringend mit weiterem Schutzmaterial versorgt werden, analog zu Arztpraxen und Kliniken. Zur aktuellen Lage sagt sie, es sei eine Gratwanderung zwischen der Existenzsicherung mit Blick auf die Praxis und die Mitarbeiter, darunter alleinerziehende Mütter, sowie mit Blick auf den Schutz der Patienten.

Auch Andre Geldmacher und Stefanie Steinmann von der Praxis G&S Physiotherapie und Osteopathie in Rüningen sprechen von großen Einbußen. Zugleich setzen sie darauf, dass sich noch politische Lösungen finden. Und hinsichtlich der Corona-Sorgen appellieren sie an alle: „Wir müssen von der Hilflosigkeit wegkommen und uns positive Gedanken machen.“

Geldmachers Tipp: Jeder könne selbst etwas dafür tun, dass der Krankheitsverlauf im Fall einer Infektion möglichst milde ist. Es gehe darum, die Lunge und das umliegende Gewebe zu stärken. „Nehmen Sie sich ein Glas Wasser und einen Strohhalm und pusten Sie kräftig rein. Wenn man das fünf bis zehn Minuten macht, dient das zum Beispiel der Zwerchfelldehnung.“ Oder dies: „Legen Sie Watte auf den Tisch, saugen Sie sie mit einem Strohhalm an und bewegen Sie den Strohhalm samt Watte 50 Zentimeter nach links. Dann loslassen, kurze Pause und wieder Ansaugen und zurückbewegen.“ Dies klinge vielleicht banal, und natürlich gebe es auch andere Techniken, die nur von Therapeuten ausgeübt werden können. Aber grundsätzlich gelte: Alles gut für die Lunge!

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