„Die Kurzarbeit bei VW Braunschweig hat sich bestens bewährt“

Braunschweig.  Nach den Produktionseinbrüchen wegen der Corona-Krise zieht die Auftragslage für das VW-Werk Braunschweig wieder an.

Batteriesystemfertigung im VW-Werk Braunschweig.

Batteriesystemfertigung im VW-Werk Braunschweig.

Foto: Kai-Uwe Knoth / VW

Das VW-Werk Braunschweig ist durch die bisherige Zeit der Corona-Krise mit einer unveränderten Zahl der Mitarbeiter gekommen. Auch ein neuer Ausbildungsjahrgang ist wie gewohnt an den Start gegangen. Werksleiter Werner Gose und Werks-Betriebsratschef Uwe Fritsch sprechen über Konkurrenz aus den USA, die Aufstockung der Batteriefertigung und darüber, für wie gut sie ihr Werk für die Zukunft aufgestellt sehen. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Herr Gose, die Corona-Krise war der Grund für die vierte Kurzarbeitsphase, die das VW-Werk Braunschweig gesehen hat. Läuft nun alles wieder auf dem Stand von vor dem Lockdown?

Werner Gose: Wir haben in unserem Werk Braunschweig keinen kompletten Lockdown gehabt, da wir zum Beispiel Lenksysteme für die Überseestandorte produziert und geliefert haben. Und auch im Bereich der Batteriesystemfertigung haben wir für viele neue E-Fahrzeuge wie den ID.3 weiter produziert. Ganz spurlos wird die Corona-Pandemie aber an uns auch nicht vorbeigehen. Die Anzahl unserer Mitarbeiter ist unverändert. Bei den Jahres-Produktionszahlen liegen wir Corona-bedingt natürlich zurück, aber die Auftragslage zieht spürbar an – und das ist gut.

Wir haben aber auch die Chance genutzt, unsere Anlagen zu ertüchtigen und auf den Wiederanlauf vorzubereiten. Es lag auf der Hand, dass wir nach Corona versuchen werden, Produktion aufzuholen. Und dafür braucht es gut funktionierende Anlagen. Mittlerweile befinden wir uns mit unserem Produktionsvolumen wieder auf Vor-Corona-Niveau. Natürlich haben wir weiterhin Sondermaßnahmen wie die täglichen Unterweisungen der Mitarbeiter vor den Schichten. Unser Ziel ist und bleibt, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein sicheres Arbeitsumfeld zu gewährleisten.

Herr Fritsch, wie sind die Werker mit der Kurzarbeit und den Veränderungen zurecht gekommen?

Uwe Fritsch: Für viele war das eine besondere Erfahrung, solange aus dem Betrieb raus und vom Arbeitsplatz weg zu sein. Die lange Kurzarbeitsphase liegt hinter uns. Das ist auch gut so. Die Kurzarbeit hat uns sehr dabei geholfen, den durch den Lockdown bedingten Produktionsausfall zu bewältigen. Das war durch die Zuzahlung auch sozial abgefedert: Das Instrument Kurzarbeit hat sich also bestens bewährt.

Jetzt haben die Produktionsprogramme für Braunschweig wieder etwas zugelegt. Da kommt es darauf an, mit flexiblen Schichtmodellen zu reagieren. Das ist im Übrigen eine unserer Stärken: Schnell und zuverlässig auf die veränderten Anforderungen unserer Kundenwerke im Konzern zu reagieren. Aber einen zweiten Lockdown wünscht sich mit Sicherheit keiner.

Herr Fritsch, im neuen Ausbildungsjahrgang sind 84 junge Menschen gestartet. Im vergangenen Jahr waren es 112. Ist das auch Corona geschuldet?

Fritsch: Ausbildung ist uns als Betriebsrat sehr wichtig. Das sind ja gewissermaßen Investitionen in die Zukunft des Unternehmens. Daran muss man die Unternehmensvertreter gelegentlich erinnern. Also keine Sorge: Insgesamt ist die Ausbildungskapazität bei Volkswagen konstant geblieben. Zu den 84 Auszubildenden kommen noch zehn dual Studierende, sowie Plätze für ein Sonderprogramm für junge Menschen, die schon eine abgeschlossene Ausbildung haben und mit Unterstützung von Volkswagen ein Studium aufnehmen. Und hinzukommen dann noch Ausbildungsstellen im Rahmen der „Fakultät 73“. Das sind über alle Standorte rund 200. Das richtet sich an Beschäftigte mit besonderen IT-Kenntnissen. Damit organisieren wir einen Teil des notwendigen Nachwuchs für IT-Qualifikationen aus den eigenen Reihen.

Wir erleben einige der schwächsten Automonate seit Jahrzehnten. Und die Corona-Krise könnte sich wieder verschärfen. Für wie gut aufgestellt halten Sie Ihr Werk, Herr Gose?

Gose: Natürlich sind wir immer abhängig von der Auftragslage. Als Komponentenstandort des Geschäftsfelds Fahrwerk und Batteriesystem haben wir uns schon sehr früh auf Komponenten für die E-Mobilität ausgerichtet. Die konsequente Transformation des Konzerns hin zu nachhaltiger Mobilität ist richtig, die Nachfrage unserer Fahrzeuge steigt – und wir sind mit unseren Produktgruppen Fahrwerk, Lenksystem und Batteriesystem überall vertreten. Somit sehe ich uns für die Zukunft sehr gut aufgestellt. Trotzdem werden wir natürlich nicht aufhören, unser Produktportfolio zu überprüfen und uns weiter zu optimieren.

Hat der Konkurrenzdruck in den vergangenen Monaten der Corona-Krise zugenommen?

Gose: Konkurrenz ist für uns nichts Neues, sondern gelebter Alltag. Wir stellen uns mit all unseren Produkten ständig dem Wettbewerb mit anderen Zulieferern. Es geht um Qualität, Ausbringungsmenge und Preis – das ist bei uns nicht anders, als bei anderen Unternehmen der Automobilindustrie auch.

Fritsch: Bei keinem der von Herrn Gose genannten Punkte wie Qualität und Kosten müssen wir den Vergleich mit Wettbewerbern scheuen. Klar ist nur, dass der Wettbewerb nicht auf Kosten von Beschäftigung und Arbeitsbedingungen geht. Das ist für uns als Betriebsrat unabdingbar.

Herr Fritsch, wo sehen Sie Verbesserungspotenzial beim werksinternen Managen der externen Krise?

Fritsch: Mit unseren Schutzmaßnahmen, die für viele andere Unternehmen auch außerhalb unserer Branche die Blaupause waren, wollen wir Covid-19-Infektionen verhindern. Das ist uns bisher sehr gut gelungen. Ich bin davon überzeugt, dass wir das auch weiterhin mit Disziplin und Konsequenz schaffen werden. Da haben sich nicht nur unsere Gesundheitsexperten, sondern auch unsere Kolleginnen und Kollegen ein dickes Lob verdient.

Unser Erfolg basiert auf hoher Qualität, Technologieführerschaft und Liefertreue. Das gilt natürlich auch für die Zukunft. Das sind zugleich auch wichtige Säulen für die Sicherung der Beschäftigung.

Nun soll auch die Batteriefertigung aufgestockt werden. Was steckt dahinter?

Gose: Die E-Mobilität ist auf dem Vormarsch und wir waren und sind von Anfang an dabei. Bei den Plug-in-Hybriden gibt es eine steigende Nachfrage im Markt. Schon seit Anfang des Jahres liefern wir zum Beispiel die Batteriesysteme für den Golf 8 GTE. Und auch weitere zusätzliche Produktionsumfänge können wir uns vorstellen. Da wir unser Produktportfolio ständig überprüfen und anpassen, können wir Produkt-Schwankungen nach oben und wenn nötig auch nach unten gut intern auffangen.

Hier zahlt sich auch aus, dass wir unsere Mitarbeiter schnell auf neue Arbeitsplätze qualifizieren – mit eigenen Programmen und immer unter Betrachtung der jeweiligen Person. Wir haben vor einigen Jahren mit der Entscheidung, uns von der Kunststoffteilefertigung zu trennen, den Grundstein für die Transformation des Standorts in Richtung E-Mobilität gelegt. Wir werden also weiterhin ständig abwägen, welche Produkte zukunftsfähig und gleichzeitig wirtschaftlich sind und welche nicht. Das handhaben wir in Braunschweig schon seit Jahren so und sind bisher damit immer gut gefahren.

Fritsch: Braunschweig ist ja das Werk für Fahrwerkskomponenten. Dazu gehören seit ein paar Jahren eben auch Hochvolt-Batterien. Das zeigt beispielhaft, wie wichtig es ist, sich auch um die technischen Innovationen zu kümmern und hier haben wir in Braunschweig in Sachen Batteriesystem ganz klar die Nase vorn.

Mit Ihren Komponenten gestalten Sie ein Stück Auto-Zukunft. Doch die wird, auch in Filmen, oft mit einer anderen Marke verbunden. Wer als Filmfigur ein bisschen krass drauf ist und die Zukunft verändern will, fährt Tesla (NCIS, How to get away with murder, Simpsons, Biohackers). Was entgegnen Sie den Filmemachern?

Gose: Jetzt haben sie aber auch fast nur amerikanische Serien genannt. Denken Sie mal an „I, Robot“ mit Will Smith. Das ist zwar auch ein Hollywood-Streifen, aber da war Audi im Fokus der modernen Fahrzeuge. Aber egal ob Traumfabrik Los Angeles oder Filmzentrum Babelsberg, ich empfehle, den ID.3 Probe zu fahren oder den neuen Golf GTE. Volkswagen bleibt ja nicht stehen. Und wir als Komponente tragen unseren Teil dazu bei. Und wer weiß, vielleicht erlebe ich ja noch den fliegenden Volkswagen. Dann aber bitte auch mit Komponenten aus Braunschweig.

Fritsch: Volkswagen will die E-Mobilität für alle in ausgezeichneter Qualität und zu vernünftigen Preisen vorantreiben. Das ist so ungefähr wie die Demokratisierung der E-Mobilität. Deshalb ist es wichtig, dass unsere I.D.-Flotte nicht nur auf Screens zu sehen ist, sondern viel mehr noch real auf den Straßen.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Gose: Corona ist noch nicht vorbei, auch wenn ich es mir persönlich anders wünschen würde. Der Braunschweiger Standort ist gut aufgestellt. Das meine ich im doppelten Sinne: Zum einen haben wir viele Präventionsmaßnahmen ergriffen und konsequent eingeführt, die die Menschen vor einer Infektion am Arbeitsplatz schützen sollen. Und gut aufgestellt sind wir auch in Sachen Weichenstellung für das Werk Braunschweig. Wir merken gerade in der aktuellen Situation, dass die konsequente Ausrichtung auf Elektromobilität und die Transformation in den vergangenen Jahren genau richtig sind. Dabei behalten wir aber auch die Komponenten für unsere hocheffizienten konventionellen Fahrzeuge im Blick – und im Portfolio. Insofern bleiben wir vielfältig und trotzdem zukunftsorientiert.

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ritsch: Es wird sicherlich noch geraume Zeit dauern, bis die vor allem wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie vollständig überwunden sind und wir wieder an das Vorkrisenniveau anschließen. Voraussetzung dafür ist, dass es keinen schweren Rückschlag gibt. Genauso wichtig war und ist aber die Beschäftigungssicherung bei Volkswagen. Sie ist der entscheidende Schutzschirm unter dem wir die Transformation, das heißt den Umstieg zur E-Mobilität und zur Digitalisierung, aber auch die erheblichen Folgen der Pandemie überhaupt stemmen können.

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