Braunschweiger Kaufhaus leer gekauft: Galeria schließt

Braunschweig.  Nach 46 Jahren endet am Bohlweg eine Ära. Die letzten Artikel wurden in den letzten Tagen und Wochen in einer wilden Rabattschlacht verramscht.

Nur noch ganz wenige Artikel lagen am Mittwoch noch in den Regalen.

Nur noch ganz wenige Artikel lagen am Mittwoch noch in den Regalen.

Foto: Norbert Jonscher / NJ

Die noblen Kleiderpuppen im 1. OG haben nichts mehr anzuziehen. Die Kunden haben ihnen förmlich die Kleider vom Leib gerissen in den vergangenen Tagen. Unbekleidet stehen sie in einer Ecke, teilweise ohne Beine oder Oberkörper, ihr Blick fällt ins Leere. Nichts ist mehr da, was man kaufen könnte. Für die Puppen ist es ein trauriges Ende ihres schicken „Model-Daseins“ im einst so stolzen Galeria Kaufhof.

Leere im Bauch des Kaufhaus-Riesen

In den oberen Etagen, im Bauch des Kaufhaus-Riesen, herrscht bereits gähnende Leere. Die Schlussverkauf-Kunden haben alles ratzekahl leer gekauft. Nur noch das Erdgeschoss ist geöffnet, bietet Restposten zu überaus günstigen Konditionen an, bei denen niemand nein sagen kann. Bei Rabatten von 80 Prozent gab es kein Halten mehr.

Die Käufer stürmten das Kaufhaus, ja „schlachteten“ es förmlich aus und mancher fühlte sich an wilde Einkaufsgetümmel bei Sommerschlussverkäufen in den 1970er Jahren erinnert. Corona hin, Corona her – bis zu 1.000 Leute gleichzeitig, erzählt man sich, seien es an einigen Tagen gewesen.

Folge: Das Kaufhaus schließt nicht erst, wie geplant, am Samstag, sondern bereits am Mittwoch oder Donnerstag. „Vielleicht machen wir am Donnerstag auch gar nicht mehr auf“, erklärt die Betriebsratsvorsitzende Ute Jordan. Das hänge davon ab, ob überhaupt noch Ware da ist.

Kunden nehmen wehmütig Abschied

Ein Kaufhaus, in dem es nichts mehr zu kaufen gibt. Mancher mag es kaum glauben, fuhr gestern ein letztes Mal, bevor der Kaufhaus-Riese geht, in die Stockwerke, wo er einst Schuhe kaufte, Sportbekleidung, Spielzeug. Wehmut ist dabei.

Auch bei Ute Jordan und ihren noch verbliebenen 72 Kolleginnen und Kollegen. Für sie ist „ihre“ Ware nicht irgendein seelenloser Ramschartikel, der verhökert, unter die Leute gebracht werden muss. Sie alle hatten über alle die Jahre eine besondere Beziehung zu ihren Sortimenten, zu dem, was sie ihren Stammkunden mit bestem Gewissen empfahlen.

Dementsprechend bitter sei es in den letzten Tagen gewesen, dass Kunden mit den Sachen umgegangen seien „wie mit dem letzten Dreck, den keiner kaufen wollte“ und der sich nun als Schnäppchen anbietet. Ute Jordan hat’s beobachtet: „Das sind nicht mehr unsere Kunden, die jetzt im Haus sind.“ Sie gingen mit den vor leeren Regalen stehenden Kollegen in den Abteilungen teils respektlos um, wenn beispielsweise die gewünschte Größe oder Farbe nicht mehr da war. Das hätten die nicht verdient.

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Am 21. Mai 1974 eröffnet

15. Oktober 2020 – der Tag, an dem ein Kaufhaus-Riese den Braunschweigern adieu sagt. Es endet eine Ära, die mit einem Paukenschlag begann, am 21. Mai 1974, einem Dienstag. Gegenüber dem Schlosspark, auf einer Kriegsbrache, eröffnete damals Horten ein Warenhaus der Superlative.

„Eine ganze Welt in 6 Etagen“ – so titelte der Horten-Konzern, der das Warenhaus 1996 an Galeria Kaufhof übergab. Eine Region ist elektrisiert. In einer Zeit, als es noch nicht einmal das Wort Internet gibt, als man noch nicht die Waren per Knopfdruck zu sich ins Wohnzimmer ordern kann.

Horten propagiert: „Was die Welt zu bieten hat an Dingen, die man braucht, die nützlich, praktisch und notwendig sind, die das Leben schöner und bequemer machen, alles, was es an Köstlichkeiten und Kostbarkeiten gibt – wir bieten es an in den sechs Etagen unseres neuen modernen Warenhauses. Auf über 16.000 Quadratmetern breitet sich vor Ihnen aus, was Sie sich nur wünschen können: mehr als 100.000 Artikel aus aller Herren Länder.“

Fernsehgeräte im 3. OG, neben Bettwaren, Nähmaschinen, Teppichen, im 2. OG: Alles fürs Kind, daneben Badeartikel, Knabenbekleidung, im 1. OG: Damenhüte, Pelze, Schuhe, im EG: Haushaltswäsche, Fotokopierdienst, Schreibwaren, Strümpfe, Miederwaren und Herrenhüte, im UG: Lebensmittel, Heimwerkerbedarf, Alles fürs Bad.

Ein Querschnitt durchs Kaufhaus zeigt: Alles hat seinen Platz, wie in einem gut aufgeräumten Schrank. Das Kaufhaus als Waren-Magazin. Per Fahrtreppe gelangt der Kunde zum Ziel seiner Wünsche.

Was aus dem Galeria-Gebäude nach der Schließung wird, ist noch nicht abzusehen. Eigentümer ist die Volksbank BraWo.

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