So arbeitet die Stadtbibliothek Braunschweig in der Krise weiter

Braunschweig.  Die Besucher fehlen, die Aufgaben nicht: Die Stadtbibliothek nutzt die Schließzeit zum Entstauben und startet ein kontaktloses Ausleih-System.

Silke Menzano sucht CDs, die ein Bibliotheksbenutzer zuvor bestellt hat, heraus. Das kontaktlose Ausleih-System bietet die Stadtbibliothek seit Dienstag an.

Silke Menzano sucht CDs, die ein Bibliotheksbenutzer zuvor bestellt hat, heraus. Das kontaktlose Ausleih-System bietet die Stadtbibliothek seit Dienstag an.

Foto: Bernward Comes

Es ist ungewöhnlich leise im dritten Obergeschoss der Stadtbibliothek. Da wo Eltern ihren Kleinsten für gewöhnlich aus Büchern wie „Pipi, Pups und Zähneputzen“ oder „Schlaf gut, Bagger Ben“ vorlesen, wo die Kinder mit Bauklötzen spielen und zwischen den Regalen davonstieben, könnte dieser Tage getrost der wissenschaftliche Lesesaal eingerichtet werden.

Doch obwohl die Stadtbibliothek wegen der Pandemie für den Publikumsverkehr gemäß der niedersächsischen Corona-Verordnung erneut schließen musste, ist es dort zwar leiser, aber keineswegs still. Denn hinter den Kulissen läuft der Betrieb weiter und in manchen Bereichen sogar intensiver als zu normalen Zeiten. Kurzarbeit Fehlanzeige.

Bewusst in E-Books investiert

Im vierten Stock beispielsweise, dem wissenschaftlichen Magazin, ist kein Buch neben dem anderen geblieben. „Wir haben 420.000 Bände kontrolliert“, sagt Bibliotheksleiterin Anette Haucap-Naß. Angefangen im ersten Lockdown und fortgesetzt im zweiten, haben die 75 Mitarbeiter alles aussortiert, was nicht zu den Sammelgebieten der Bibliothek gehört wie Literatur aus und über Braunschweig, die niedersächsische Städtegeschichte oder die niederdeutsche Sprache. Doppelausgaben mussten ebenso weichen.

„Das war wahnsinnig viel Aufwand“, sagt Haucap-Naß. Jedes Buch sei in die Hand genommen worden, um zu entscheiden, ob es bleibt oder nicht. Aber es habe sich gelohnt. Mit Blick auf die zahlreichen leeren Archivregale ergänzt sie: „Damit haben wir Platz geschaffen für die nächsten zehn Jahre.“ Im laufenden Betrieb wäre solch ein Kraftakt nicht denkbar gewesen, sagt sie. Jetzt werde der Bibliothek erspart, Bücher außerhalb lagern zu müssen. Außen-Magazine seien teuer und sie gewährleisteten unter Umständen nicht die perfekten klimatischen Bedingungen.

Die Bücher, die aussortiert wurden, werden entweder beim Bücherflohmarkt angeboten, den die Bibliothek einmal im Jahr veranstaltet. Oder sie werden weggeworfen. Unabhängig von der Aufräumaktion im Archiv sortieren die Bibliotheksmitarbeiter jährlich rund 30.000 Medien aus. Und ebenso viele Bücher, DVDs, E-Books, Hörspiele, Spiele, Zeitschriften und vieles mehr schaffen sie an. Haucap-Naß: „Wir sind kein Buchmuseum. Wir sind eine Informationsvermittlungsstelle, die aktuelle und zuverlässige Quellen bietet.“ Angesichts des erneuten Lockdowns hat die Bibliothek Ende des Jahres noch nicht ausgegebenes Geld aus dem Etat bewusst in E-Books investiert. Die Stadt Braunschweig weist der Stadtbibliothek jährlich rund 450.000 Euro für Neuanschaffungen zu.

Zwei Millionen Ausleihen pro Jahr

Durch die Kontrolle der Bestände hatten auch die Magazin-Mitarbeiterinnen, die die Bücher aufarbeiten und folieren, mehr zu tun als sonst. „Langeweile ist bei der Arbeit nicht aufgekommen“, sagt Andrea Beinlich. Das gilt auch für andere Abteilungen. Haucap-Naß berichtet, dass die Diplom-Bibliothekare ihre Sachgruppen durchgesehen hätten, die Mitarbeiter der Abteilung Belletristik hätten ihre Leseveranstaltungen geplant, in der Kinderbuchabteilung sei der Lesepool für die Sommerferien vorbereitet worden. Zudem seien alle Regale ausgeräumt und geputzt worden.

Und beim Gang durch die zweite Etage, als es unter den Füßen knirscht, weist die Bibliotheks-Leiterin gen Boden: „Wir nutzen die Zeit, um hunderte Fliesen austauschen zu lassen.“ Beim genauen Blick fällt es auf: Der Fugenmörtel rissig, einige Fliesen gebrochen, beweglich unter den Füßen. Bundesweit sei die Stadtbibliothek eine der am Besten genutzten Bibliotheken. Normalerweise kommen täglich 2000 Menschen in die Stadtbibliothek, an guten Tagen leihten sie bis zu 11.000 Medien aus.

Im Eröffnungsjahr 2007 des jetzigen Standorts waren es nur rund 3000 Medien. Mit zwei Millionen Ausleihen pro Jahr hat sich die Zahl seit 2007 verdoppelt. Und so viele Füße sowie die Rollwagen der Bibliotheksmitarbeiter voller Medien hinterlassen ihre Spuren. Fliesen im laufenden Betrieb auszutauschen, sei äußerst schwierig. Zumal die umstehenden Regale mit Folie abgedeckt werden müssen.

„Bibliotheksarbeit ist auch viel soziale Arbeit.“

An die Regale werden vorerst weiterhin nur die Mitarbeiter der Bibliothek herankommen. Und das tun sie auch an diesem Tag, im Auftrag der Stadtbibliotheks-Benutzer. Silke Menzano sieht an einem Tisch CDs durch. Sie stellt die Medien zusammen, die jemand zuvor online oder per Telefon bestellt hat. Seit Dienstag ist das kontaktlose Ausleih-Modell der Stadtbibliothek aktiv. Und es werde sehr gut angenommen. „Schon am ersten Tag stand das Telefon nicht mehr still“, sagt Haucap-Naß.

28.000 aktive Nutzer hat die Stadtbibliothek. Schon am zweiten Tag nach dem Start des Ausleih-Systems ist der Boden des Foyers mit Bibliotheks-Taschen voller Bücher und anderer Medien bedeckt, die im Zehn-Minuten-Takt nach vorheriger telefonischer Anmeldung abgeholt werden können. „Aber bei der starken Nachfrage wird der Takt nicht zu halten sein, wir werden wahrscheinlich auf einen Fünf-Minuten-Takt gehen müssen“, sagt Haucap-Naß und ergänzt: „Es ist wichtig, dass alle, insbesondere die Kinder und Jugendlichen und die älteren Menschen mit den notwendigen Medien versorgt werden.“ Sie ist froh über die Möglichkeit. Das Fehlen der Menschen schmerze, sagt sie. „Wir lieben es, wenn unsere Bibliothek voller Menschen ist, wenn unsere Benutzer mit vollen Tüten und einem glücklichen Gesicht vor der Ausleihtheke stehen.“

Aber allein die Medien zu vergeben, sei natürlich kein Ersatz für das, was die Stadtbibliothek biete. „Es gibt viele Menschen, die ihren ganzen Tag in der Stadtbibliothek verbringen“, sagt Haucap-Naß. Vielen älteren Menschen gebe die Stadtbibliothek Struktur für ihren Alltag. Auch Obdachlose kämen. „Und es gibt Kinder und Jugendliche, die sich auffällig lange hier aufhalten, auch zu Schulzeiten.“ Da suchten die Mitarbeiter das Gespräch, gäben bei den entsprechenden Stellen Bescheid. „Bibliotheksarbeit ist auch viel soziale Arbeit.“

„Wir sind hier und erreichbar“

Und am Tisch in ihrem Büro, gleich neben dem Regal, in dem Bücher einem Stapel Masken Platz gemacht haben, sagt Haucap-Naß: „Jammern nützt nichts.“ Die Planung gehe weiter. Bei Veranstaltungen werde immer auch eine Variante mitgedacht, die bei einem eingeschränkten Betrieb möglich wäre. Und wenn beispielsweise die Kindergartenkinder nicht in die Bibliothek kommen können, um sich im gemeinsamen Projekt mit der Bürgerstiftung Braunschweig „LEsel“ einen Rucksack voller Bücher abzuholen, dann geht der Hausmeister der Stadtbibliothek damit eben zu ihnen.

„Wir sind hier und erreichbar“, sagt Haucap-Naß. Als die Stadtbibliotheks-Türen noch fester verschlossen waren als jetzt, als es das kontaktlose Ausleih-System noch nicht gab, ist auch schon mal eine Bücherkiste für einen Kindergarten gepackt worden, die nach Absprache dann vor einer Tür der Bibliothek abgeholt wurde. Fest verschlossen ist die Tür zum Buch nie.

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