Läden in Braunschweig

Braunschweiger Kultfriseur: Zwischen Fassonschnitt und Eintracht

| Lesedauer: 7 Minuten
Friseur Ernst Burgdorf, Innungsmeister, in seinem Geschäft an der Friedrich-Wilhelm-Straße.

Friseur Ernst Burgdorf, Innungsmeister, in seinem Geschäft an der Friedrich-Wilhelm-Straße.

Foto: Bernward Comes

Braunschweig.  Ernst Burgdorf lebt schon immer an der Friedrich-Wilhelm-Straße 45 – in der Wohnung über seinem Friseursalon. Was sein Geschäft so besonders macht?

„Ich bin verbunden und verwachsen mit diesem Laden, ich mache hier weiter. Solange mich der Herrgott lässt, bleibt das hier mein Zuhause.“ Ernst Burgdorf sagt das mit seinem feinen Lächeln. Der Friseurmeister steht in dem Ladengeschäft an der Friedrich-Wilhelm-Straße 45, in seinem weißen Kittel, in der Brusttasche steckt ein Kamm. Ein Bild wie aus einer anderen Zeit.

Dabei ist Ernst Burgdorf sicher nicht von gestern. Als Vorsitzender der Prüfungsinnung ist er mit allen Trends und News der Branche vertraut. Aber das heißt ja nicht, dass sie für ihn eine Rolle spielen. Ernst Burgdorf steht für das klassische Friseurhandwerk. Fassonschnitt für Herren ist sein Spezialgebiet. Und das seit 1967. Da hat er gelernt.

Friseur Burgdorf gibt es seit dem 25. April 1878

Das allerdings nicht im Familienbetrieb, denn der war ab Mitte der 60 Jahre verpachtet. „Mein Vater ist mit 54 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben“, blickt Burgdorf zurück. Aus finanziellen Gründen wurde der Laden damals verpachtet. Da war er schon in der dritten Generation in der Familie, gegründet am 25. April 1878 von Urgroßvater Friederich, es folgten Großvater Julius und schließlich Vater Bruno. Firmensitz war zunächst Hintern Brüdern, später am Meinhardshof. Um 1900 zog das Geschäft an die Friedrich-Wilhelm-Straße. Hier wurde Ernst Burgdorf 1951 geboren. „Schon als Kind bin ich immer im Laden herumgelaufen, ich bin hier aufgewachsen“, erzählt er.

Die Lehre also woanders. Im damaligen Salon Alisch an der Kleinen Burg. Hier ist der junge Ernst auch lange Jahre als Geselle geblieben. Und hat sich eine Stammkundschaft erarbeitet. „Die Justiz, die Polizei und auch die Verwaltung sind ja ganz in der Nähe, viele Männer aus diesen Bereichen kamen zum Haareschneiden zu mir.“ Und blieben ihm treu.

Treue Kunden aus der Justiz, Verwaltung und von der Polizei

Vor allem aus der Justiz gingen zahlreiche Männer mit ihm, als er 1979 den Laden an der Friedrich-Wilhelm-Straße wieder übernahm. Auch die Verbindung zur Polizei blieb eng, der ein Jahr ältere Bruder Hans-Werner war Polizist geworden. „Und er hat den Polizeichor mitgegründet“, erzählt Ernst stolz von seinem Bruder, der genauso musikalisch war wie die ganze Familie. „Schon mein Vater hat gern und viel gesungen“, erinnert sich Ernst, „und ich spiele Klavier.“

Der Bruder ist 2018 gestorben. „Er fehlt mir“, sagt Ernst Burgdorf. Er war es auch, der den damals 13-jährigen Ernst mit zur Eintracht nahm. „Im Mai 1964 war ich das erste Mal im Stadion“, weiß er noch genau. Er hat auch schon als Kind gekickt, aber nie im Verein gespielt. „Im Bürgerpark gab es einen Bolzplatz, das war unser“, erzählt er. Gemeinsam mit Eintrachtspielern wie Michael Polyfka oder Amigo Elfert verbrachten die Jugendlichen ihre Freizeit. „Einfach so“, erinnert sich Ernst Burgdorf, „das wäre ja heute undenkbar.“

Seit der Saison 1966/67 hat Ernst Burgdorf alle Heimspiele besucht. Nur während seiner Bundeswehrzeit musste er aussetzen. Und wegen Corona natürlich. „Aber kommenden Freitag gegen Magdeburg bin ich wieder dabei“, sagt er.

Die Einrichtung zwischen Kult und Eintrachtliebe

Das Geschäft mit der Einrichtung aus den 80er Jahren ist Kult. Dunkles Holz, ovale Spiegel in der Damenabteilung, grüne Ledersessel – und ganz viel Eintracht natürlich. Mannschaftsfoto, Vereinslogo, sogar ein Pokal vom ersten Eintrachtfan-Chorwettbewerb ist zu sehen. „Das war ein Chorwettbewerb im Kleinen Haus“, erinnert sich Ernst Burgdorf, „es ist aber bei der einen Veranstaltung geblieben.“

Tatsächlich hat er Kunden, die lassen sich die Haare bei ihm schneiden, weil sie dann in aller Ruhe über Eintracht fachsimpeln können. „Auch ganz junge Männer sind dabei“, freut sich der Chef. Manchmal ist er überrascht, aber die jungen Leute mögen den kultigen Laden, schätzen auch, dass keine Musik läuft. Und natürlich den professionellen Fassonschnitt.

Die Friedrich-Wilhelm-Straße war die gute Adresse für viele Fachgeschäfte

Ernst Burgdorf lebt schon immer in der Wohnung über dem Friseurgeschäft. Er kennt die Friedrich-Wilhlem-Straße genau. „Früher war es hier anders“, sagt er mit leiser Wehmut. Wäsche Sander, Blumen Gerling, Schuh Weferling, Feinkost Meyer und viele andere Fachgeschäfte zählt er mit Namen auf. „Das war eine richtig gute Einkaufsstraße“, erinnert er. Die Veränderungen über die Jahre haben in seinen Augen keine Verbesserung gebracht. Für ihn war es ein Fehler, die Straße zur Fußgängerzone umzugestalten. „Gucken Sie doch raus“, sagt er, „wer geht denn hier lang? Kein Mensch.“

Und nicht nur das hat sich verändert. Sein Handwerk auch. Und die Kunden. „Gerade die Frauen haben früher viel aufwendigere Frisuren getragen“, erzählt er von Hochsteckfrisuren und Dauerwellen. Die allerdings gab es auch eine Zeit lang bei Männern. „Ich hatte auch über viele Jahre eine Dauerwelle“, verrät er. Seine Lebensgefährtin Jutta Fabisch, Friseurmeisterin mit eigenem Salon in Kralenriede, hat ihm die Locken gedreht. „Wir sind schon lange verbunden“, sagt Ernst Burgdorf, „aber wir behalten unsere eigenen Geschäfte und unseren jeweiligen Hausstand.“ Vielleicht ein Rezept.

Mit den Veränderungen in der Frisurmode hat sich auch die Ausbildung gewandelt. „In meinen Glanzzeiten hatte ich drei angestellte Friseurinnen für den Damenbereich und immer Lehrlinge“, erzählt Burgdorf. Die mussten damals noch lernen, Haarteile und Perücken anzufertigen oder ein Onduliereisen über einer Flamme zu erhitzen und damit Wellen zu formen, ohne etwas zu versengen.

Die über 100-jährige Geschichte hat ein Ende

144 Jahre Friseur Burgdorf. Vier Generationen. Mit Ernst Burgdorf wird diese Geschichte enden. Er hat keine Kinder. Und wenn, würden die vielleicht gar nicht Friseur werden wollen.

Der Beruf hat sich eben geändert. „Die Menschen auch“, sagt Ernst Burgdorf, der froh ist, dass ihm seine Stammkunden treu bleiben. „Ein Mann aus Hannover kommt regelmäßig, er ist weit über 80 Jahre alt“, sagt der Friseurmeister, „ein anderer kommt aus Hildesheim, schon der Vater mein Kunde, und ein Paar reist alle paar Wochen aus Hannoversch-Münden an.“

Sie alle schätzen den Meister in seinem Handwerk, den Eintrachtfan und den etwas altmodischen Mann. „Ich bin wahrscheinlich der letzte Friseur in Braunschweig, der noch einen weißen Kittel trägt“, sagt er zum Schluss mit seinem feinen Lächeln.

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