Gifhorner Expertin begleitet Suche nach Atom-Endlager

Gifhorn.  Weite Flächen des Landkreises zählen mit Ton- und Salzgestein zu grundsätzlich geeigneten Standorten. Schon wird erste Kritik am Verfahren laut.

Im Wendland feierte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg Anfang Oktober das Aus des Endlagerstandorts Gorleben. Jetzt zählen weite Teile des Landkreises Gifhorn zu grundsätzlich geeigneten Teilgebieten für einen Standort. (Symbolfoto)

Im Wendland feierte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg Anfang Oktober das Aus des Endlagerstandorts Gorleben. Jetzt zählen weite Teile des Landkreises Gifhorn zu grundsätzlich geeigneten Teilgebieten für einen Standort. (Symbolfoto)

Foto: Markus Scholz / dpa

Der Landkreis Gifhorn hat bei der Suche nach möglichen Standorten für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle reichlich grundsätzlich geeignete Teilgebiete abbekommen. Erste kritische Reaktionen von Lokalpolitikern gibt es schon. Die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung in Peine (BGE) wiederum setzt auf Aufklärung und lädt alle Bürger aus dem Landkreis für Dienstag, 27. Oktober, von 20 Uhr an zur Online-Sprechstunde mit Experten per Youtube-Chat, per E-Mail (dialog@bge.de) oder am Telefon ein.

Derweil ist die Leiterin des Fachbereichs Umwelt in der Kreisverwaltung, Antje Präger, am Wochenende zur Kommunalvertreterin in der Arbeitsgemeinschaft zur Vorbereitung der Fachkonferenzen über die Teilgebiete gewählt worden. Das teilte die BGE-Kommunikationschefin Dagmar Dehmer am Montag mit. Präger bekommt mit der Funktion frühe und vertiefte Einblicke in den Fortgang des wissenschaftlich basierten Suchverfahrens.

Große Bereiche des Landkreises werden näher untersucht.

Im Moment steht fest: Kreisweit gibt es zahlreiche Gebiete, die nach den Kriterien der BGE günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle erwarten lassen. Sie wurden aus den identifizierten Gebieten durch Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien ermittelt und werden im weiteren Verfahren näher betrachtet. So finden sich nördlich von Wesendorf, östlich von Wahrenholz sowie zwischen Wittingen und Knesebeck Salzstöcke mit Steinsalz in steiler Lagerung. Weitaus größere Gebiete weisen zwei Arten von Tongestein auf. Prätertiärer Ton findet sich in einem breiten Streifen von der westlichen Kreisgrenze bei Müden bis zur Landesgrenze bei Sachsen-Anhalt bei Brome. Tertiäres Tongestein, also erdgeschichtlich jüngere Schichten, lagern ebenfalls im West-Ost-Ausdehnung im nördlicheren Kreisgebiet.

Endlager-Disskusion am 30. Oktober 2020

Der Landkreis zählt damit zu den 54 Prozent der Staatsfläche Deutschlands, die grundsätzlich für die dauerhafte Lagerung hoch radioaktiver Abfälle geeignet sind. 194.000 Quadratkilometer sind derzeit noch im Rennen. „Jetzt freuen wir uns auf die Diskussion mit den Bürgern über unsere Ergebnisse, unsere Methoden zur Anwendung der Kriterien des Standortauswahlgesetzes und die Arbeit an neuen Aufgaben mit unseren engagierten Wissenschaftlern“, hatte BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz bei der Vorstellung der Teilbereiche angekündigt.

Bürger können sich beteiligen, um Einfluss zu nehmen.

Der Zwischenbericht ist die Grundlage für die erste Phase der formalen Öffentlichkeitsbeteiligung zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine Fakten geschaffen sind. Damit erhielten Bürger die zugesagte Möglichkeit, auf die Ergebnisse des weiteren Standort-Auswahlverfahrens Einfluss zu nehmen.

Jubel über die ersten Ergebnisse brach im Landkreis erwartungsgemäß nicht aus. Die Gorlebener Endlagergegner von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg überreichten dem grünen Gifhorner Kreistagsabgeordneten Christian Schroeder eine symbolische Wendlandfahne. BI-Chef Martin Donat gab sich skeptisch: „Gorleben ist raus. Wir als Region sind nicht raus. Die Geschichte von Gorleben ist eine Mahnung, wie ein Konflikt eskalieren kann, wenn es politische Einflussnahme, mangelnde Transparenz und fehlende Mitbestimmung gibt – genau das sehen wir im laufenden Suchverfahren.“

SPD verstört über Teileignung des geschützten Großen Moores.

Die SPD in der Sassenburg erklärte das Große Moor kurzerhand als ungeeignet. Sprecher Jörg Heuer erklärte: „Die Grundwassergewinnung für die Großstadt Wolfsburg in Westerbeck, das Naturschutzgebiet Großes Moor und das Überflutungsgebiet Aller-Niederung hätten allein schon aufzeigen müssen, dass eine Endlagerung hier nicht stattfinden kann. Allen anderen Überlegungen werden wir vehement entgegentreten.“

Gifhorns grüne Landtagsabgeordnete Imke Byl, Sprecherin ihrer Fraktion für Umweltfragen, sagte auf Anfrage: „Der in wenigen Jahrzehnten produzierte Atommüll muss für den unvorstellbar langen Zeitraum von einer Million Jahren so sicher wie möglich verwahrt werden. Dabei muss es nach wissenschaftlichen Kriterien gehen.“ Die Grünen begleiteten den Prozess mit wachsamen Augen. Byl: „Es muss der am wenigsten schlechte Standort gefunden werden. Es gab in Deutschland eine Mehrheit für die Atomkraft. Jetzt haben wir den Atommüll und damit die Herausforderung, einen Endlager-Standort zu finden. Das geht nur mit einem transparenten, fairen und wissenschaftsbasierten Prozess, den wir auch immer eingefordert haben.“

Grünen-Abgeordnete: Landesgeld für eigene Standortgutachten der Kreise

Die Grünen betrieben gleichwohl keine Politik, Standorte vor Ort zu hintertreiben, so Byl: „Wir diskutieren entlang wissenschaftlicher Eignung. Aber einen unstrittigen Standort gibt es nicht. Die Lagerung von Atommüll ist nie völlig sicher, genauso wie die Atomkraft selbst. Deshalb ist es auch entscheidend, dass der Atomausstieg auch wirklich endlich vollständig vollzogen wird. Ich hoffe, dass einige ihre Lehre daraus gezogen haben.“

Die Grünen-Abgeordnete verwies darauf, dass der Landtag bereits fraktionsübergreifend beschlossen habe, den Regionen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie beispielsweise wissenschaftliche Gutachten in Auftrag geben können.

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