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Zum BBR-Fest kocht der Chef, obwohl er kein gelernter Koch ist

Wer irgendwo einen Cappuccino trinken will, wird ermahnt: „Erst noch Namen und Adresse auf den Zettel schreiben.“

Alltag – dieser Begriff skizziert eigentlich eine Lebensweise, in der alles wie von selbst läuft. Mit Leichtigkeit und ohne viel Nachdenken. Doch diesen Alltag gibt es nicht mehr. Zum Brötchenkauf geht‘s nur mit Gesichtsmaske und selbst beim Spazierengehen oder beim Friseurbesuch muss ich darüber nachdenken, welches Risiko ich vielleicht eingehe. Wer irgendwo einen Cappuccino trinken will, wird ermahnt: „Erst noch Namen und Adresse auf den Zettel schreiben.“ Und bei den Fußballspielen, die ja ohne Zuschauer laufen, fälschen die TV-Macher für Fernsehübertragungen den Jubel anderer Spiele aus glücklichern Tagen in die Reportagen hinein. Wieso eigentlich?

Wie auch immer: Es ist zwar längst nicht so schlimm gekommen, wie manche das im März befürchteten, aber die Zeiten sind immerhin so verrückt, dass sich niemand – wirklich niemand – noch vor einem Jahr einen solchen Zustand für einen Roman hätte ausmalen können. Das gilt auch für Festlichkeiten.

Ein Beispiel. Erstmals seit Monaten habe ich mal wieder an einem Mittagessen teilgenommen. Der Anlass? Das 30-jährige Firmenjubiläum von BBR-Verkehrstechnik. In der Einladung von Geschäftsführer Christoph Bretschneider sowie der drei BBR-Gesellschafter (und BBR-Gründer!) Arne Baudis, Thomas Bergmann und Frank-Michael Rösch las sich das so: „Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, haben wir die Anzahl der Gäste auf 30 limitiert. Alle Rahmenbedingungen entsprechen den Vorgaben des Landes Niedersachsen. Unsere Speisen werden einzeln vorbereitet und von geschultem Personal unter Beachtung besonderer Hygienestandards serviert.“

An den Zweier-Tischen saßen jeweils zwei Gäste (natürlich eineinhalb Meter voneinander entfernt) und natürlich betrug auch der seitliche Abstand zu den anderen Tischen eineinhalb Meter. Mit Masken betraten die Gäste das Gebäude an der Pillaustraße. Maskierte Damen verteilten die Tischkarten, Fläschchen mit Desinfektionsmittel und auch eine zusätzliche BBR-Maske. Gastlichkeit von heute. Warum ich das so ausführlich ausbreite? Weil wir vorerst (und sicher längere Zeit) keine reale Chance haben, zur Normalität der Vergangenheit zurückzukehren. Also genießen wir den Alltag so, wie er nun mal mit Abstand und Maske bewältigt werden muss. Es wäre übertrieben, wenn ich diesen BBR-Event nun als unkompliziert-quirliges, gesellig-gemütliches Beisammensein bezeichnen würde. Es war anders, dennoch rundum top!

Oberbürgermeister Ulrich Markurth und auch IHK-Präsident Helmut Streiff trafen dafür die richtigen Worte. In etwa so: Das hat uns gefehlt. Endlich mal wieder Menschen erleben, hören, sehen und direkt mit diesem und jenem zu sprechen. Stimmt; denn Menschen (jedenfalls die meisten) brauchen nun mal die Nähe anderer Menschen. Es mag Braunschweiger geben, die gar nicht wissen, was sich hinter BBR verbirgt. Deshalb in Kurzform: In den 1980er-Jahren fanden sich drei Hamburger Elektrotechnik-Studenten in Braunschweig zusammen, wo Frank-Michael Rösch als Werkstudent bei Siemens jobbte. Ideenreiche Köpfe, denen die Siemens-Leute nach einigen Jahren empfahlen: „So geht das nicht weiter. Gründet doch eine eigene Firma.“

Das taten Baudis, Bergmann, Rösch und starteten im vierten Obergeschoss eines Hauses in der Jasperallee. Das Trio nannte ihr Mini-Unternehmen – die eigenen Initialen nutzend – BBR. Ihre Geschäftsfeld? Hochklassigste Verkehrstechnik für Bahnen. Heute arbeiten in den modernen Gebäuden direkt neben Opel-Dürkop 300 Mitarbeiter für Kunden in der ganzen Welt. Die drei Gründer (allesamt Jahrgang 1955) verabschiedeten sich 2017 (mit jeweils 62 Jahren) aus dem operativen Geschehen. Nicht ohne einen fähigen Geschäftsführer auszusuchen: Christoph Bretschneider. Er ist nun alleiniger BBR-Chef. Und sollte das mal irgendwie schiefgehen, dann könnte er – ich weiß nicht, wer es über die Tische hinweg rief – sicherlich auch als Gastronom sein Geld verdienen. Denn das Drei-Gänge-Menü an diesem Tag bereitete Bretschneider eigenhändig zu. Kompliment.

Zumindest diese Bemerkung verleitet mich zu einer Fußnote: Wer weiß schon, dass Braunschweig einen Sterne-Koch hat? Es ist Christoph Bob, geboren in Braunschweig, tätig in Italien. Ich wusste das auch nicht und lernte den 50-Jährigen kennen, als er – ein Autofan – mit seiner Schwester Ulrike Munte unsere Rennwagen-Werkstatt besuchte. Christoph Bob, der bei Alain Ducasse und anderen Spitzenleuten gelernt hat, darf sich seit 2017 mit einem Michelin-Stern schmücken. Er arbeitet seit 2011 im Hotel Monastero Santa Rosa hoch über der Traumküste von Amalfi.

Rezept für seine Küche? „Nur Spitzenprodukte aus der nahen Umgebung, natürlich auch viel Fisch.“ Bob kennt jeden seiner Lieferanten und favorisiert bodenständiges Kochen, aber eben hochklassig. „Nichts Überdrehtes. Wie etwa Steak mit Kaviar oder so etwas. Das kann ja jeder . . . “

Eckhard Schimpf erzählt jeden zweiten Sonnabend Geschichten aus seiner Heimatregion und über ihre Menschen.

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