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Sechs Autoren haben auf unserer Regionsseite eine eigene Kolumne: Susanne Jasper, Jacqueline Carewicz, Birte Reboll, Harald Likus, Thomas Parr und Tessa Cordes.

Wir haben einen Winzer glücklich gemacht

Und wenn ich das Gefühl habe, dass die Kräfte mich verlassen, suche ich Freunde auf und erzähle ihnen, wie es mir geht.

Als ich mich vor zehn Jahren gezwungenermaßen selbstständig machte und eine Gaststätte eröffnete, war es mein Ziel, Gesellschaften, Vereinen und verschiedenen Gruppen einen Raum anzubieten, in dem die Menschen beisammen sein können. Ich hatte insbesondere ausländische Bürger im Visier, weil ich mich gefragt hatte, wo die Afrikaner, die nicht deutschen West-Europäer, die Ost-Europäer, die in der Region arbeiten, ihre Freizeit verbringen.

Während meiner Recherchen stieß ich zuerst auf die Vertreter einiger sozialer Netzwerke, die die Gelegenheit nutzten, um ihren Mitgliedern in der realen Welt zu begegnen. Nach einigen Veranstaltungen ergab sich, dass die Mitglieder von sozialen Netzwerken sich eher vor dem Computer wohl fühlten, als in einer Gaststätte. Zum Beispiel veranstalteten die Betreiber eines Internetradios ein Konzert und dachten dabei, dass ihre Zuhörer sich auf den Weg machen würden, um Musiker live auf einer Bühne zu sehen. Nur die Radiomacher waren anwesend. Statt vorbeizukommen und Eintrittskarten zu kaufen, verfolgten die Radiofans das Konzert auf dem Bildschirm zu Hause und klickten dabei „like“.

Zu den verschiedenen Gruppen, die sich mit der Zeit etabliert haben, gehört eine lose Gesellschaft aus Franzosen und Frankophilen, die im Braunschweiger Land leben und arbeiten. Sie finden sich jedes Jahr in meiner Gaststätte zu einem Weinfest im November zusammen. Ein befreundeter Winzer, Maurice, bringt einen frischen und saisonalen Wein aus dem Beaujolais, der in einem Ambiente aus Gelächter und Gesprächen getrunken wird. Für das Abendprogramm sorgen Musiker oder Kleinkünstler.

Nachdem die Schließung der Gaststätte für den Monat November beschlossen worden war, rief mich der Winzer besorgt an. Er sagte, er müsse wohl einen Teil seiner diesjährigen Produktion in die Kanalisation kippen, weil alle Veranstaltungen, an denen er sonst teilnimmt, ausgefallen seien. Er dürfe nicht nach Deutschland fahren, um seine Kunden zu beliefern. Ich bat ihn um eine Bedenkzeit und versprach ihm, mich umgehend zu melden, sobald ich eine Lösung finde.

Während ihrer aktiven Zeiten als Tennisspielerin habe ich Steffi Graf sehr bewundert, und sie ist bis heute mein Vorbild geblieben. Solange ihre Gegnerinnen den Matchball nicht gewonnen hatten, hat Steffi Graf nie die Hoffnung verloren, das Blatt noch zu wenden. Und oft hat sie es geschafft. Sie spielte, sozusagen, bis zur letzten Sekunde.

Diese Tugend mache ich mir zu eigen, und jedes Mal, wenn ich in der Not bin, denke ich, solange die letzte Stunde nicht geschlagen hat, habe ich noch eine Chance. Und wenn ich das Gefühl habe, dass die Kräfte mich verlassen, suche ich Freunde auf und erzähle ihnen, wie es mir geht. Oft wird mir vorgeworfen, dass ich zu offen sei. Aber nach einem Gesprächsaustausch nehme ich immer etwas mit, oder ich komme auf eine Idee.

Nach dem Telefonat mit dem Winzer beschloss ich, mich an meine Stammgäste zu wenden. Viele von ihnen haben mich seit März durch diesen Corona-Sturm getragen, indem sie tatkräftig Essen abholen. Es ist mehr als Solidarität, die Bevölkerung sorgt meiner Meinung nach für Gerechtigkeit, indem diejenigen, die keine Sorge um ihre Existenz haben, sich bemühen, die kleinen Geschäfte von nebenan nicht untergehen zu lassen.

Die Reaktion meiner Stammgäste war überwältigend. Sie haben so viel Wein bestellt, wie der Winzer in der Vergangenheit noch nie in unserer Region verkauft hat. Ich durfte eine Woche später Maurice die frohe Botschaft übermitteln, dass er dieses Jahr seinen Wein nicht allein trinken oder in die Kanalisation kippen wird. Er solle mir die Bestellung per Fracht senden. Was für ein Gefühl. Wir haben einen kleinen Winzer aus dem Beaujolais glücklich gemacht. Ich höre jetzt auf zu schreiben, und gönne mir ein Glas. Prost!

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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