Die Kinder der Wohlstandsghettos

Braunschweig  Sinnlich packt erst das dritte Stück beim Festival „Fast Forward“ des Staatstheaters.

Eine Rolle Drahtzaun ist quer durch die Hausbar gespannt. Scheinwerfer gehen an, wenn jemand in den Bereich der Bewegungsmelder tritt. Am Rand mischt einer Tequilas und verteilt sie kostenlos an das Publikum. Brasilien ist ein Land der Gegensätze – und eines enormen Wohlstandsgefälles. Die Reichen schotten sich von den Armen ab. Das müssen sie auch, wenn ihnen ihr Leben lieb ist.

Die drei Schweizer Protagonisten von „Brazilification“ sind die Kinder dieser weißen Wohlstandsghettos. Sie verarbeiten die Wut, per Geburt die ewig bösen Reichen zu sein, während alle Welt sich für die entrechteten Wohlstandsopfer einsetzt.

Auch wenn unklar bleibt, was tatsächlich Biografie und was Fiktion ist, stellt der Abend mit großer Ernsthaftigkeit Fragen, führt uns in das Dickicht von verschiedenen Wahrheiten über die Situation in Brasilien, jenseits der üblichen Gutmenschen-Klischees.

Mittendrin im Wohlstandsdiskurs sind wir auch zu Beginn der Performance „Dehors“ des belgischen Regisseurs Antoine Laubin. Ein Kubus ist auf die Bühne des LOT-Theaters gebaut. An den Wänden Projektionen, dazwischen wir – und die Darsteller. Mit Mikros laufen sie zwischen uns umher und reden auf uns ein. Wer Französisch nicht versteht, spürt immerhin die Dringlichkeit mit der sie das Thema Obdachlosigkeit angehen.

Leider verpufft die Nähe mit dem Fallen der Planen. Wir müssen auf der Tribüne Platz nehmen und verfolgen, wie aus einer Lostrommel Schicksale gezogen und von den sechs Performern rudimentär in Szene gesetzt werden, während ein Countdown quälend langsam die Sekunden bis zum Ende zählt.

Kraftvoll und sinnlich kommt auf einer blutroten Bühne im Haus III eine dänische Version der „Orestie“ daher. Rote Körper verknoten sich miteinander, wenn sechs Darsteller mit Schlachthof-Hauben noch einmal den Albtraum der Familiengeschichte der Atriden lebendig werden lassen. Regisseurin Anja Behrens entwirft ein Psychogramm der traumatisierten Elektra.

Dabei gelingt ihr das Kunststück, mit kraftstrotzenden roten Bildwelten und einem Soundteppich aus Musik und genau artikuliertem Text vergessen zu machen, dass die Geschichte auf Dänisch erzählt wird. Es braucht keine Untertitel, um die unendliche Verstrickung aus Gewalt und Schuld nachzuvollziehen, die in dieser Inszenierung viel mehr sinnlich denn intellektuell erlebbar wird. Auch so kann Theater sein.

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