Warum dieser „Tatort“ aus München einer der stärksten war

Berlin  „Der Tod ist unser ganzes Leben“: Im 26. Jahr mit Batic und Leitmayer war der „Tatort“ München so spannend wie selten. Aus gutem Grund.

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) ist angeschossen. Er wird diesen Fall nur so gerade eben überleben.

Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) ist angeschossen. Er wird diesen Fall nur so gerade eben überleben.

Foto: BR/Hagen Keller

Verschwommen, düster, humpelnd: So beginnt der „Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben“. Ein gutes Bild, denn was ist, erkennen die Kommissare Leitmayr und Batic nur schwer. Sie kommen nur schleppend voran auf der Suche nach der Wahrheit. Und überhaupt: Dunklere Minen haben Batic und Leitmayr noch selten durch München getragen.

Dass das einer der spannendsten Krimis und eine der besten Kommissar-Charakterstudien nicht nur aus der Münchner „Tatort“-Reihe war, liegt an vielen Faktoren.

Die aufregende Handlung

Nachdem er einen zweiten Mordversuch begeht, können die Kripo-Männer Ivo Batic und Franz Leitmayr den Museumswärter Thomas Barthold fassen. Er soll ein halbes Jahr zuvor schon Ben Schröder vor den Augen von dessen kleinem Sohn und seiner Frau Ayumi erstochen haben. Das ist der Fall, den Batic und Leitmayr im München-„Tatort: Die Wahrheit“ (Ausstrahlung im Oktober 2016) nicht aufklären konnten.

Bei einem Transport des Untersuchungshäftlings kann Barthold fliehen – und wird, wie die beiden JVA-Beamten, die ihn fuhren, erschossen. Batic wird verdächtigt, den Mörder getötet zu haben, weil ihm eine persönliche Beziehung zu Ayumi Schröder, Witwe des Mordopfers, unterstellt wird. Batic gesteht – und Leitmayr ist fassungslos.

Doch schließlich wird klar: Ayumi Schröder hat die JVA-Beamten bestochen. Sie habe mit dem Mörder ihres Mannes sprechen wollen, sagt sie. Als die Beamtin ihre Waffe auf Batic richtet, erschießt Ayumi sie – und schließlich auch den Mörder Barthold. Batic wollte die Witwe mit seinem Geständnis decken, damit der kleine Junge nicht auch noch seine Mutter verliert.

Die großen Fragen

Was ist Wahrheit? Wem kann man vertrauen? Und wie stellt man sicher, dass Gerechtigkeit herrscht? Monumentale Lebensthemen nimmt sich dieser „Tatort“ vor – und verhebt sich nicht. Abschließende Antworten gibt’s natürlich nicht, dafür die Beschäftigung mit philosophischen Fragen bei hochspannender Sonntagabendunterhaltung.

Die herausragenden Schauspieler

Die „Tatort“-Urgesteine Udo Wachtveitl (Leitmayr) und Miroslav Nemec (Batic) sehen so schlecht aus wie selten – und sind dabei in Höchstform. Der Fall ist hart, das ganze letzte Jahr seit dem ersten Mord war hart: Die Gesichtszüge hängen, Sorgenfalten graben sich tief in die Stirn, doch trotz aller Verletzungen brennt die Leidenschaft für das Ziel, die Wahrheit zu finden und so etwas wie Gerechtigkeit zu erreichen.

Gerhard Liebmanns spielt den psychopathischen Museumswächter Barthold ebenfalls grandios: Bis auf unattraktiven Emotionen wie Mordlust und Freude am Quälen ist er gefühllos – kalt, krank, supergruselig.

Das virtuose Drehbuch

So viel Spannung! Dieser München-„Tatort“ hat mehr Action als die meisten Filme, in denen silberhaarige Männer die Hauptrollen spielen. Fernseh-Krimi klingt zu zahm, das ist ein ausgewachsener Thriller – mit viel Gewalt, Schmerz, kaltem Schweiß. Aber eben auch Kammerspiel-Drama: Ist es das alles wert? Kann die Kommissar-Freundschaft die kapitalen Lügen überstehen? „Was kommt denn jetzt noch?“, fragt Nemecs Batic zerrissen, „keine Frau, kein Leben, nur Leichen – der Tod ist unser ganzes Leben.“

Filigran verschränkt Autor Holger Joos die Rückblenden aus verschiedenen Perspektiven. Und trotzdem wird die Geschichte, die auf Erol Yesilkays Idee basiert, nur facettenreicher, nicht unübersichtlicher – und unterstreicht das Thema: Was ist wahr?

Die kunstvolle Kamera

Dass sich in diesem Fall – wie im Leben – vieles nicht so genau fassen lässt, betont auch Kameramann Jonas Schmager („Kriegerin“) mit seinen kunstvollen Bildern. Er spielt mit Schärfe und Unschärfe, nimmt mit Makro-Objektiv kleinste Kleinigkeiten wahr, was aber den Blick aufs große Ganze schwierig macht. Mit dem Fischauge verzerrt er Räume so, dass den Kommissaren – und dem Zuschauer – die Decke auf den Kopf fallen könnte. Und Schmager porträtiert diese spannenden Figuren in hartem Licht: Das macht sie naturgemäß auf der einen Seite hell – und auf der anderen sehr dunkel.

Die preisverdächtige Regie

„Der Tod ist unser ganzes Leben“ ist der erste Fernsehfilm von Regisseur Philipp Koch. Sein Talent, schwierige, schmerzende Geschichten zu erzählen, hat der Mittdreißiger aber auch schon mit seinem mehrfach ausgezeichneten Film „Picco“ gezeigt, der auf dem Foltermord im Siegburger Jugendgefängnis 2006 basiert. Wie schwierig das Leben zu verstehen ist, dass vieles nicht so ist, wie es scheint, und dass Recht und Gerechtigkeit fast nie einfach zu bekommen sind, möchte man sich von Koch gern noch häufiger in Filmen zeigen lassen.

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