Plädoyer für Rübezahl

Braunschweig  Ein Symposium widmete sich dem Komponisten Hans Sommer.

Magnus Piontek als Rübezahl (links) am Theater Gera.

Magnus Piontek als Rübezahl (links) am Theater Gera.

Foto: Sabina Sabovic

Ein treuer Junge muss er gewesen sein. Hans Sommer vervollkommnete seine mathematische Begabung bei dem nur wenig älteren Mathematiker Richard Dedekind, später Professor auf der Polytechnischen Hochschule. Wiederholt war Sommer auch hier sein einziger Hörer. Die beiden wurden Freunde und teilten auch die Leidenschaft für Musik, wie Professor Thomas Sonar in seinem Vortrag beim Sommer-Symposium am Musikinstitut der TU erzählte.

Gerd Biegel wusste zwar von Meinungsverschiedenheiten über den Neubau der Universität zu berichten, Dedekind war eher für einen Rückzug in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm am Innenstadtrand, Sommer, inzwischen auch Professor, strebte ins Zentrum. Aber Freunde seien sie doch geblieben. Sommer folgte Dedekind im Amt des Universitätsdirektors nach, legte aber nach gelungenem Einzug ins neue Haus der nun Technischen Hochschule 1881 das Amt nieder.

Seit 1884 lebte er nur noch als Musiker. In dem Lied „Beruhigung“ auf ein Gedicht Wilhelm Raabes stellt er diese Wende in seinem Leben als glückliche Entscheidung dar, die den zehrenden Ansprüchen von Mathematik und Physik (in der stiefväterlichen optischen Fabrik Voigtländers) endlich eine Beruhigung in der musischen Bestimmung entgegensetzt. Der Musikwissenschaftler Jürgen Habelt, zugleich Organisator des Symposiums, zeigte das im Gegensatz der zwei Liedstrophen: die beunruhigend verlegten Akzente der ersten weichen in der zweiten natürlicher Betonung und freudigen Tonsprüngen. Sommers dramatischer Ansatz wurde so schon im Lied deutlich, das belegte Anna Lena Liefke auch am Beispiel der „Sappho-Gesänge“. Erst recht sollte er sich später als ausdrucksstarker Opernkomponist erweisen.

Der ersten Begegnung mit Richard Wagner bei dessen Kurzbesuch zum „Tannhäuser“ in Braunschweig 1875 folgten bald schon weitere Kontakte mit Richard und Cosima Wagner in Bayreuth, wo er die Proben und ersten Festspiele besuchte. Die Wiener Musikwissenschaftlerin Clara Maria Bauer belegte, wie Sommer das Bayreuther Netzwerk nutzte, etwa Richard Strauss dort kennenlernte, mit dem er später den Vorläufer der Gema gründete. Christian Cöster zeigte, dass Sommers in der Oper „Saint Foix“ ausprobierte Stilmittel eines Konversationstons direkte Wirkung auf Strauss’ „Intermezzo“ hatten.

Grundsätzlich folgte Sommer allerdings ganz und gar dem verwobenen Kompositionsstil Wagners mit seinen Leitmotiven, bekannte sich auch ausdrücklich zu diesem Vorbild und gründete den Braunschweiger Zweig des Wagner-Vereins zur Unterstützung der Bayreuther Festspiele. Ausschnitte aus seiner Oper „Rübezahl“, 2016/17 in Altenburg-Gera zu sehen, ließen das hören.

Dramaturg Felix Eckerle erläuterte die Konzeption. Leider hatte sich das Braunschweiger Staatstheater damals gegen eine Kooperation entschlossen. Kulturdezernentin Anja Hesse bedauerte dies und wünschte sich dringend wieder eine Hans-Sommer-Oper im Staatstheater.

TU-Institutsleiter Bernhard Weber betonte, dass Sommer nicht unter die bloßen Wagner-Epigonen zu rechnen sei. Allerdings zeigte das Abschlusskonzert, dass nicht die Kammermusik seine Stärke war, sondern eben die Vokalmusik. Das vorzügliche Trio Image setzte sich sorgsam für Sommers Trio Es-Dur ein, aber Brahms’ Trio op. 8 riss danach mit ganz anderer Kraft und Komplexität mit. Wir brauchen Sommers Liednoten, überhaupt seinen Nachlass, ein Werkverzeichnis.

Hans Christoph Mauruschat als Nachfahre zeigte sich für eine öffentliche Überantwortung des bislang familiär gehüteten Schatzes offen. Ein Zusammenwirken von Stadt und Uni wäre hilfreich. Gut, dass das TU-Musik-Institut so vehement für Sommer eintritt.

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