Bestseller-Autor René Wadas: „Sprechen Sie mit Pflanzen!“

Börßum.   Der „Pflanzenarzt“ aus Börßum bei Wolfenbüttel schreibt Bestseller über naturbewusstes Gärtnern. Am 23. Mai berät er im BZV-Medienhaus.

René Wadas ist als „Pflanzenarzt“ bekannt geworden. Tomaten wachsen besser, wenn man sie streichelt, sagt er im Interview.

René Wadas ist als „Pflanzenarzt“ bekannt geworden. Tomaten wachsen besser, wenn man sie streichelt, sagt er im Interview.

Foto: Andre Tschernetzki

Gärtnern liegt im Trend. Der heimische Anbau von Obst, Kräutern und Gemüse wird auch im städtischen Raum immer beliebter. Küchen- und Biogärten sind ein heiß diskutiertes Thema. Doch im Gemüsebeet oder auf dem Balkon gedeiht längst nicht immer alles so, wie man es sich wünscht. Einer, der da viel Rat weiß, ist René Wadas. Der „Pflanzenarzt“ aus Börßum bei Wolfenbüttel weiß, was gegen Blattläuse, Raupen und Pilzerkrankungen hilft, auch ohne Chemie. Am Donnerstag, 23. Mai, 19 Uhr, erzählt er darüber im BZV Medienhaus. Vorab sprach Christian Göttner mit Wadas.

Ihr erstes Buch „Hausbesuch vom Pflanzenarzt“ landete vergangenes Jahr überraschend auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste. Was ist der Grund des Erfolgs?

Noch nie ist ein Buch über Pflanzenschutz so gut angekommen. Ich habe einfach versucht, das Thema verständlich aufzubereiten. Es sind authentische Geschichten aus dem Gartenleben. Ich bin das Sprachrohr zwischen den Universitäten und Kleingärtnern.

Sie haben bei vielen Menschen anscheinend einen Nerv getroffen: Echte Erde statt digitaler Daten, Pflanzen statt Computer und Co?

Es zieht zwar immer mehr Menschen in die Stadt, aber Bio wird bei vielen großgeschrieben. Die wollen auf ihrem Balkon oder ihrer Dachterrasse ihr eigenes Grün haben und ihr eigenes Gemüse anbauen. Der Trend geht nicht mehr zur schönen Geranie, sondern zum Kräuterbeet, wo man was ernten kann. Wer das tut, möchte das natürlich machen, ohne chemischen Pflanzenschutz.

Wie würde Sie die Pflanzenvielfalt in unserer Region beschreiben?

In der Stadt ist die Arten- und Pflanzenvielfalt größer als auf dem Land. Tatsächlich ist Stadt-Honig auch gesünder als Honig vom Land. Warum? Auf dem Land gibt es eine Monokultur. In der Stadt gibt es wilde Ecken, Unkrautflächen. Zwischen Pflastersteinen und in Fugen wachsen Unkräuter. Das ist gut so. Das findet man auf dem Land nicht mehr. Bis zum Feldrand wird der Acker angepflügt – da gibt es nicht mehr viel Platz für wilde Natur. Für Vielfalt. Aber das ist es, was unsere Insekten benötigen. Vor allem Wildbienen, die wir brauchen, um unsere Pflanzen befruchten.

Was kann der Einzelne tun?

Die Kleingärtner sollten ihre Gärten nicht zu akkurat halten, sondern auch einige Stückchen wild wachsen lassen. Auch ein Komposthaufen mit Gartenschnitt oder totem Holz ist gut für Insekten. Auch Bauernhöfe mit dampfenden Misthaufen eignen sich – doch die gibt es ja kaum noch. Heute gibt es vor allem abgeschottete Schweinezuchtställe, in die keine Fliege mehr reinkommt. Auch heimische Pflanzen und Gehölze, die Bienen- und insektenfreundlich sind, sollte man anpflanzen. Zum biologischen Gärtnern gehört ein intaktes Gleichgewicht. Wir schaffen das aber nur in der Gemeinschaft. Es geht auch um die Zukunft unserer Kinder.

Wie sieht Ihr eigener Garten aus?

Er ist nicht perfekt. Überall gibt es wilde Ecken. Wir haben einen Tümpelteich mit Goldfischen und einem Mühlstein, über den das Wasser läuft. Pinsel- und seltene Nashornkäfer laufen herum. Es gibt eine Kräuterspindel mit Salbei und Thymian, Himbeer- und Johannessträucher. Wir haben aber auch gepflegte Beete und schöne Rabatten. Auf einem Gemüseacker wachsen Kartoffeln, Zwiebeln und Bohnen zur Selbstversorgung. Alles, was ich an Pflanzenpflege empfehle, probiere ich mit meiner Familie selbst aus.

Sie betreiben auch ein Pflanzenkrankenhaus.

Ja, in einer alten Gärtnerei in Kissenbrück bei Wolfenbüttel. Da habe ich in der Saison Montag- und Dienstagnachmittag Sprechstunde und probiere viele Mittel aus. Da kommen Leute aus der Nähe, aber auch von weit her, um ihre kranken Pflanzen gesundpflegen zu lassen. Das wird sehr gut angenommen. Die Beratung ist kostenlos. Man kann mich aber auch für Privatbesuche als Pflanzenarzt buchen.

Was sind die häufigsten Krankheiten?

Pflanzen sind für viele Insekten unwiderstehlich. Das ist das Schicksal jeder Pflanze, das sie von irgendwelchen Kleintierchen gerne gefressen wird. Natürlich gibt es Pilzkrankheiten wie den Mehltau, der sehr oft vorkommt. Aber den kann man leicht bekämpfen. Man nimmt einfach einem Teil Milch und sechs Teile Wasser – und der geht ganz schnell weg. Umso öfter man Pflanzen mit natürlichen Mitteln stärkt, umso besser ist die Wirksamkeit. Vieles ist aber auch wetterabhängig. 2018 war ein warmes Insektenjahr. Falls es 2019 feucht wird, wird es dagegen ein Pilzjahr. Es ist immer unterschiedlich. Ich gucke in Büchern nach, was alte Kräuterfrauen wie beispielsweise Hildegard von Bingen für uns Menschen aufgeschrieben haben – und beziehe dieses Wissen dann auf die Pflanzen, probiere und kombiniere.

Was befindet sich in Ihrer grünen Pflanzenarzt-Tasche?

Ein Gerät, mit dem ich den PH-Wert oder die Leitfähigkeit der Pflanze im Boden messe. Ich muss dem Besitzer visuell zeigen: Da ist kein Dünger drin. Dann habe ich natürlich Erste-Hilfe-Produkte wie meinen Rosenzauber drin. Und 20 Millionen kleine Helfer – Mikroorganismen, die dafür sorgen, dass der Boden reaktiviert wird oder Pflanzen widerstandsfähig werden. Schere und Lupe habe ich auch dabei.

Sind Sie ein Aufklärer und Kämpfer für die wilde Natur?

Eigentlich bin ich nur Biogärtner (lacht). Meine Aufgabe ist es, von A nach B zu wandern, jede Fernsehshow zu besuchen, um dieses biologische Gärtnern den Menschen näherzubringen. Zu zeigen, was man tun kann. Natürlich auch zum Ärger der Industrie: Man muss nicht immer Schädlingsmittel kaufen, sondern kann auch bestimmte Pflanzen gegen Blattläuse, Raupen oder Pilzerkrankungen im Garten einsetzen. Ich lerne auf diesem Weg auch immer selbst. Mein eigener Garten ist ein tolles Lernfeld. Aber auch Mitarbeiter von Gärtnereien, Gartencentern und Baumärkten, in denen ich Schulungen mache, inspirieren mich. Kleingärtner mit fünfzigjähriger Erfahrung auch. Ich sammele und sauge Wissen auf.

Man sollte immer hinterfragen, was man tut.

Ja, das machen wir schon bei Lebensmitteln, aber auch im Garten muss man das machen. Beispielsweise beim Düngerkauf. Wenn alle aufhören, Blaukorn zu kaufen, wird BASF diesen Mineraldünger irgendwann nicht mehr produzieren. Oder Glyphosat, das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt, das jede Pflanze tötet, die nicht eigens gentechnisch verändert wurde – wenn das keiner mehr kauft, wird auch das verschwinden. Daran muss man arbeiten.

Früher gab es keine Gartencenter und Unkrautvernichtungsmittel. Wie haben unsere Urgroßeltern ihre Gärten betrieben?

Die hatten keine Chemie, aber ein besseres Verständnis für die Pflanzen. Die wussten, was Wurzel, Stängel, Blatt, Blüte und Frucht bedeuten – und wo sich Pflanzen im Garten wohlfühlen. Wie man sie zusammenstellt und ihnen bei Schädlingsbefall hilft. Ich muss zugeben: Früher, in meiner Ausbildung als Gärtner, habe ich auch Gifte ausgebracht. Ohne Handschuhe. Doch irgendwann habe ich gemerkt: Da ist etwas nicht in Ordnung.

Welche Fähigkeiten haben Pflanzen?

Sie können schmecken, riechen und fühlen. Sie können beispielsweise über ihre Wurzeln kommunizieren und haben mehr Sinne als der Mensch. Nur sind sie anders als wir. Sehr viel langsamer. Und das macht es schwer, sie zu verstehen. Japanische Wissenschaftler haben zum Beispiel entdeckt, dass ein Baum eine Art Herzschlag hat. Der Herzschlag geht alle zwei Stunden, in denen sie ihre Pflanzensäfte pumpen. Man sieht dann, wie die Zweige etwas nach unten gehen und sich wieder aufbauen. Bäume senden Schwingungen aus – diese haben die gleiche Frequenz wie unser Herz. Es ist bewiesen: Wenn Sie einmal die Woche durch den Wald spaziergehen gehen, verdoppeln Sie Ihre Abwehrkräfte. Sie leben auch länger. Krankenhäuser sollten deshalb im Grünen stehen, Patienten nicht auf Beton schauen.

Wie kommunizieren Pflanzen noch mit uns?

Sie sprechen mit den Menschen. Zum Beispiel wenn eine Pflanze ihre Blätter hängen lässt, ist das ein Zeichen, dass sie Wasser benötigt. Wenn Sie ein mitfühlender Mensch sind, dann gießen sie sie. So hat die Pflanze das erreicht, was sie wollte. Das gleiche gilt bei Nährstoffmangel. Sie reagieren übrigens auch auf Streicheln: Wenn Sie Ihre Tomatenpflanzen jeden Tag ein bisschen streicheln, werden sie stabiler als die, die Sie nicht gestreichelt haben. Wenn Sie mit ihnen sprechen, werden sie auch besser. Es funktioniert! Uns Menschen fehlt im Moment der Respekt – der Respekt vor der Natur, den Tieren, den Menschen und Religionen. Alles, was passiert auf dieser Welt, muss im Rahmen bleiben. Man sollte mit offenen Augen durch die Welt gehen.

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