Komm, lass uns leuchten

Braunschweig.  Lust auf Licht: Im Kunstverein Braunschweig werden die Modelle für den Lichtparcours 2020 ausgestellt.

Björn Melhus will einen roten Golf halb in der Oker versenken.

Björn Melhus will einen roten Golf halb in der Oker versenken.

Foto: Martin Jasper

Das wird ein crazy Sommer im nächsten Jahr beim Lichtparcours. Ein alter Golf knallt in die Oker, aber in der Karre geht die Party weiter, wochenlang: Grelles Diskogeflacker und harte Beats dringen raus. Hey, was ist da los?

Vielleicht hat der Fahrer sich ja an Straßenlaternen orientiert, die mitten aus dem Fluss ragen? Oder an der knallbunten Riesenboje, die da gestrandet ist? Oder an den vielen Angeln am Ufer, die Unterwasser-Geräusche in Lichtsignale verwandeln? Oder er wollte zu dem kalt glitzernden Container mitten im Fluss, aus dem Wasser sprudelt? Oder er war abgelenkt vom filigranen Geflirr schwebender bunter Neonröhren über den Wassern? Oder irregeleitet von geheimnisvollen Botschaften in roter Leuchtschrift? Oder geblendet von den wie Augenpaare aus dem Gebüsch strahlenden Autoscheinwerfern?

Aber vielleicht ist die Golf-Besatzung ja auch längst da raus, hat die vor langer Zeit stillgelegte Bedürfnisanstalt an der Steintorbrücke unter derem riesigen rosafarbigen Stahlsegel geentert, um dort mit der wiedererstandenen Klofrau Karaoke zu singen? Oder sind die Crash-Piloten eingekehrt zur orange glühenden Bar in einem alten Ufer-Pavillon mit Stillleben auf dem Dach, um die Nächte durchzumachen? Oder sind sie umgestiegen auf fluoreszierende Fahrräder und gleiten wie illuminierte Schwäne an den Ufern entlang? Oder sind sie längst auf den gleißenden Stufen der Himmelsleiter über dem Fluss in höhere Sphären emporgestiegen? Alles möglich in diesem Sommer.

Na gut, vielleicht wird es ja auch nicht so crazy. Vorerst haben wir ja vom Braunschweiger Lichtparcours 2020 nur Modelle. Sie sind zu sehen in der Villa Salve Hospes des Kunstvereins. Insofern macht es auch wenig Sinn, sich jetzt schon kritisch damit auseinanderzusetzen. Denn, um Otto Rehagel zu zitieren: Was zählt, ist auf dem Platz. Will sagen: Erst wenn die ausgewachsenen Werke nächstes Jahr in Stadt und Natur entlassen werden, wird man ihre Wirkung ermessen können. Und bis dahin fließt noch viel Wasser die Oker herunter.

Was man aber doch schon sagen kann: Die Modell-Ausstellung macht Lust auf jenes künftige Kunstlicht. Die meisten der 16 von einer Fachjury ausgewählten Modelle halten die Spannung zwischen sinnlicher Attraktion und intellektueller Irritation. Denn so eine Kunstaktion für jedermann unter freiem Himmel ist ja eine Gratwanderung: Pures Spektakel wäre zu billig, Konzeptkunst ginge am Publikum vorbei.

Wer sich wie gut hält auf dem Grat, wird man sehen. Die von Stine Hollmann organisierte Ausstellung ist nicht nur als Appetitanreger, sondern auch als solche sehenswert.

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