Ein lebender Teil der Operngeschichte

Braunschweig.  Der weltberühmte Komponist Aribert Reimann hat in Braunschweig die Proben seines neuen Werks begleitet.

Aribert Reimann in Braunschweig.

Aribert Reimann in Braunschweig.

Foto: Andreas Berger

Aribert Reimann schüttet sehr herzliches Lob für die Sänger aus nach der Hauptprobe seiner Oper „L’Invisible“ im Großen Haus. Das Orchester ermutigt er, die volle dynamische Breite auszuschöpfen – es ist in Tatjana Gürbacas Inszenierung auf der Bühne hinter den Sängern platziert. Man merkt es immer: Stimmen stehen im Mittelpunkt von Reimanns Leben.

Der Komponist begann als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin, wo er mit den Sängern ihre Partien aller Genres einstudierte. Und bereits enge Kontakte zu Dietrich Fischer-Dieskau oder Martha Mödl knüpfte, für die er später Opernrollen schuf. Professuren für zeitgenössisches Lied, die er später in Hamburg und Berlin innehatte, waren die logische Folge. Und seine Vorliebe für das Musiktheater. Neun Opern hat er komponiert, darunter mit „Lear“ und „Gespenstersonate“ Dauerbrenner des Repertoires. Wie fühlt man sich, wenn man Teil der über 400-jährigen Geschichte der Oper geworden ist?

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des 83-Jährigen. Gleich wieder im bescheidenen Ton seiner ruhigen Stimme sagt er dann: „Natürlich freut man sich, wenn man aufgeführt wird. Besonders freut mich, dass dafür nicht mehr speziell auf zeitgenössische Musik eingestellte Sänger eingesetzt werden, sondern dieselben, die auch Mozart oder Wagner singen. Es gibt eine Nachfrage von den Künstlern selber, das zeigt mehr noch als die Aufführungszahlen, dass man nun ins Repertoire gehört.“

„Lear“ war in den 80ern auch am Staatstheater Braunschweig zu sehen, eindringlich inszeniert von Hans-Peter Lehmann. Reimann erinnert sich noch an den Titelrollensänger Adalbert Waller. Die Künstler verlangen „Lear“, aber auch die Zuschauer? „Sie folgen nach. Das ist ein längerer Prozess. Aber in Paris und Florenz, wo sicher nicht das avantgardistischste Publikum sitzt, kam der ,Lear‘ gut an. Paris macht sogar eine Wiederaufnahme. Ich glaube, meine Stoffe werden mit der Zeit immer aktueller.“

Das bestätigt seine ausgesprochene Vorliebe für die Literaturoper. „Ich wähle immer Stoffe, die einen Zeitbezug haben. Egal ob von Euripides (Medea, Troades), Shakespeare (Lear) oder Kafka (Schloss). Meine ,Troades‘ waren als Anti-Kriegsoper gedacht, sie handeln von Flüchtlingen, Frauen, denen die Vergewaltigung droht. Da hat uns die Realität leider wieder eingeholt. Als ich in den 60ern ,Melusine‘ schrieb, hatte die Natur in der politischen Debatte noch keine Stimme, heute könnte man sie als Öko-Oper inszenieren, ein Naturwesen, das klagt, wie man auf einem zugepflasterten Erdball überleben soll.“

In „L’Invisible“ nach drei Kurzstücken des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck geht es um die Heimsuchung durch den Tod, der als Unsichtbarer in allen Szenen präsent ist – vertreten von von drei Countertenören. Aber er bleibt immer nur ahnbar – in jedem Akt bleibt ein Mensch tot.

Ein typischer Altersstoff? „Überhaupt nicht. Ich negiere das Alter nicht, aber so ein Alters-Sentiment ist mir fremd. Die Stücke von Maeterlinck habe ich ja vor mehr als 30 Jahren an der Schaubühne gesehen, da haben sie mich schon fasziniert. Auch Kafkas ,Schloss‘ sah ich zuerst auf der Bühne. Ich brauche bildliche Anregung. Wenn ich mir den Text vornehme, höre ich sofort Klänge. Dann vergesse ich die Worte, und gehe diesem Klang nach.“

Für „L’Invisible“ ist daraus eine spezielle Orchesternutzung entstanden. Im ersten Teil spielen nur die Streicher, im zweiten nur die Holzbläser, erst im dritten kommen alle zusammen, dazu Hörner und Gong. „Ich wollte diesen Farbwechsel. Die ersten beiden Stücke ergänzen sich auch inhaltlich, als ob man einmal von innen, einmal von außen auf denselben Fall schaut.“

Reimanns weitere große Inspiration sind Stimmen, für deren spezielle Ausdruckswerte er dann Partien schreibt. Wie den Lear für Fischer-Dieskau.

Reimann weiß noch zu jedem Sänger was zu erzählen, meist über die Stimme. Natürlich bleibt ein Lob wie das von Doris Soffel nach den extremen Koloraturen seiner Kassandra haften: „Ist auch nicht anders als bei Rossini.“ Sein Prinzip sei gewesen: „Es muss singbar sein. Für Geräusche, die ein Schauspieler besser machen kann, brauche ich keine Sänger.“

Gefühlt hat Reimann, der auch viele Lieder und Orchesterstücke schuf, jede Inszenierung seiner Werke gesehen. Immer zufrieden? „Manchmal habe ich mit dem Kopf geschüttelt, aber dann habe ich mir gesagt, schau an, dein ,Lear‘ hält das aus.“ Schon die Uraufführung von „L’Invisible“ an der Deutschen Oper Berlin habe ganz anders ausgesehen, als er es sich vorgestellt hätte, „hat mich aber sehr überzeugt.“ Tatjana Gürbaca gehe wiederum ganz anders ran, mit einer offenen Bühne, macht ihm aber auch viel Freude. Zur Premiere wird er wieder hier sein.

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