Viel zu gut um aufzuhören

Hannover.  Auf seiner weltweiten Abschiedstournee machte der englische Rockstar Elton John auch in der TUI-Halle Hannover Station

Elton John in der TUI-Arena in Hannover

Elton John in der TUI-Arena in Hannover

Foto: Rüdiger Knuth

Das Schlussbild vergisst man nicht so schnell: Elton John zieht sich den rosafarbenen Bademantel aus, in dem er die letzten Zugaben gespielt hat – nach einer gewaltigen zweieinhalbstündigen Show. Darunter trägt er einen Trainingsanzug. Der 72-Jährige steigt auf einen Lift. Er winkt noch einmal den 10.000 jubelnden Zuschauern in der ausverkauften TUI-Arena zu. Dann wird er in einen Himmel voller Sterne gehoben. Eine Tür öffnet sich. Der Superstar tritt ab. Auf der Leinwand sieht man, wie er bunten Bäumen und einem Meer voller Blumen entgegengeht.

Eton John, im 50. Jahr auf der Bühne, ist auf Abschiedstour. Die dauert zwar drei Jahre. Er spielt über 300 Konzerte auf fünf Kontinenten. Aber danach möchte er sich vor allem seiner Familie widmen. Im Oktober zieht er in einer 800-seitigen Autobiografie Bilanz.

Der Exzentriker könnte sich mit einem Hit-Feuerwerk verabschieden. Doch es wird deutlich komplexer und spannender. Unter den 24 Songs sind nicht wenige aus der zweiten Reihe. Etwa der „Border Song“ von 1970. Seinen ersten Charterfolg spielt er allein am Flügel. „Indian Sunset“ kündigt der Brite als einen seiner Lieblingssongs an. Die epische Sechs-Minuten-Ballade über einen Indianer, der in seinem Land kein Zuhause mehr findet, wird dramatisch mit Klavier und Percussion inszeniert.

Auch „Tiny Dancer“ ist dabei. Der sich ruhig einschmeichelnde Mini-Hit mit Pedal-Steel-Gitarre erlebte im Jahr 2000 rund 30 Jahre nach der Veröffentlichung ein Comeback. Im Film „Almost Famous“ singt ihn eine Gruppe im Bus. 2017 folgte ein Musikvideo. Das läuft in Hannover im Hintergrund.

Jeder Song wird auf der LED-Wand individuell begleitet: durch Comicfiguren, Filmschnipsel und Szenen mit Elton John – als Jugendlichen am Klavier und in der Muppet Show, als Pinball Wizard in der Rockoper „Tommy“ oder bei den Simpsons. Und dann all diese farbenprächtigen Brillen und Anzüge, Federboas und Plateauschuhe. Was für ein verrückter Hund...

Zu „Believe“ erlebt man ihn dann zugewandt in Afrika, unterwegs für die 1992 gegründete Elton John Aids Foundation. 450 Millionen Dollar hat die bis heute für Patienten aufgebracht. Niemand müsse mehr an dieser Krankheit sterben, betont Elton John. Er erzählt vom Jahr 1990: „Mein Leben war total außer Kontrolle. Ich hatte alle Werte und Selbstrespekt verloren. Jetzt bat ich endlich um Hilfe.“ Alkohol, Tabletten, Kokain – als er zwei Jahre später „clean“ war, gründete er die Stiftung. Er bedankt sich, dass die Fans ihn „auf seiner Reise“ so loyal und liebenswürdig begleitet haben: „Ihr werdet immer in meinem Herzen sein.“ Und macht das Abschiednehmen schwer. Nach jedem Song steht er am Klavier, breitet die Arme aus oder winkt. Er fährt mit Klavier über die Bühne, spielt die großen Hits mitreißend und frisch. „Rocket Man“ und „I’m Still Standing“, „The Bitch is Back“ oder „Sad Songs“ in einer Boogie-Version – furios, wie filigran, spielfreudig und wuchtig er und die sechsköpfige Band die Songs präsentieren.

Die Stimme ist nach wie vor kraftvoll. Nur den hohen Gesang bei „Sorry Seems to Be the Hardest Word“ überlässt er Percussionist John Mahon. Es ist klug, so vital in Erinnerung zu bleiben. Aber man denkt halt doch: Viel zu gut, um aufzuhören. Tosender Schlussapplaus.

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