Warum Woodstock ein kommerzieller Erfolg war

Bethel.  Dass sich das Hippie-Festival finanziell nicht rentierte, ist ein Mythos. Nicht nur die Filmrechte waren für die Veranstalter ein Riesengeschäft.

Einer von zahlreichen Souvenir-Shops in Woodstock. Zwei Autostunden nördlich von New York gelegen, wirkt der Ort heute wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das gleichnamige Festival, das am 15. August vor genau 50 Jahren begann.

Einer von zahlreichen Souvenir-Shops in Woodstock. Zwei Autostunden nördlich von New York gelegen, wirkt der Ort heute wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das gleichnamige Festival, das am 15. August vor genau 50 Jahren begann.

Foto: Christina Horsten / dpa

John Fogerty ärgert sich wohl noch immer darüber, dass er damals nach dem legendären Woodstock-Festival sein Veto einlegte. Der kalifornische Sänger und Songschreiber wollte nicht, dass der Auftritt seiner Band Creedence Clearwater Revival im August 1969 auf dem Woodstock-Dokumentarfilm und dem Dreifach-Album erschien. Angeblich war er zu schlecht gewesen.

Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Who, Joan Baez und Jefferson Airplane waren klüger: Sie waren in dem oscarprämierten Film vertreten, der entscheidenden Anteil am weltweiten Mythos des dreitägigen Events hatte, ihn mitbegründete, inszenierte und ausmalte. „Er führt suggestiv vor, was gelebtes Hippietum ausmacht, und befruchtet damit auch die gegenkulturelle Szene in Deutschland jahrzehntelang“, schreibt der Braunschweiger Schriftsteller und Popkultur-Experte Frank Schäfer in seinem aktuellen Woodstock-Beitrag für das Musikmagazin „Rolling Stone“ (Augustausgabe).

Schäfer wirft die ketzerische Frage auf, ob die Woodstock-Gemeinde „möglicherweise weniger idealtypisch agiert hätte, wenn ihr keine filmische Verherrlichung in Aussicht gestellt worden wäre?“ Er zitiert den Hippie-Wortführer Wavy Greavy, der „von all diesen göttlichen Kameras“ schwärmte, die nicht nur auf die Bühne, sondern auch auf die gut 400.000 Festivalbesucher gerichtet waren: „Ich meine, es macht dir doch nichts aus, auf einem Haufen Abfall zu hocken, wenn du weißt, dass du Geschichte machst.“

Der weltweit erfolgreiche Film von Michael Wadleigh war nicht nur für den Mythos Woodstock von entscheidender Bedeutung, sondern auch für den kommerziellen Ertrag des Festivals. Auch wenn die provisorischen Absperrungen dem alle Erwartungen sprengenden Besucherandrang bald nicht mehr standhielten und der Eintritt am zweiten Tag für frei erklärt wurde, seien die Veranstalter keineswegs in einen finanziellen Abgrund geschlittert, wie Schäfer betont. Der Verkauf der Film- und Mitschnittrechte sei ein einträgliches Geschäft gewesen. „Spätestens nach zwei Jahren dürften sich die Kosten bereits amortisiert haben. Man darf nicht vergessen, dass allein im Vorverkauf ja auch 186.000 Tickets abgesetzt worden waren.“

Der Erfolg des Hippie-Großereignisses begründete auch das Geschäftsmodell Rockfestival. „Durch Woodstock wurde der Markt groß genug, dass den Marketingleuten klar wurde, hier war etwas zu holen“, zitiert Schäfer den Veteranen Neil Young. In den kommenden Jahren wurden zahlreiche Festivals aus Feld- und Wiesenböden gestampft, etwa das britische Glastonbury-Festival 1970 oder das dänische Roskilde-Festival im Jahr darauf.

Der Trend hält unvermindert an, hat sich durch den Niedergang des Tonträgermarktes in den vergangenen Jahren sogar nochmals verstärkt. Als „ultimative Umsatzgeneratoren“ bezeichnet Schäfer Großveranstaltungen wie das „Hurricane“ bei Bremen oder „Rock am Ring“: „Nirgendwo sonst erreicht man auf so engem Raum in einem überschaubaren Zeitrahmen eine so große Anzahl Fans und also Kunden, denen noch dazu in alk- und drogenbefeuerter Kirmesstimmung die Portemonnaies ziemlich locker in der Tasche sitzen.“ Mit Band-T-Shirts und anderen Fan-Artikeln lasse sich heute weit mehr verdienen als mit CDs oder Download-Gebühren.

Im Grunde markiere Woodstock nicht den Höhepunkt, sondern den Anfang vom Ausverkauf der Hippie-Bewegung. Für Schäfer, der vor einigen Jahren das Buch „Woodstock 69“ vorlegte (Residenz-Verlag, 17,90 Euro), stellt das legendäre Festival eine erstaunliche Symbiose von Gegensätzen dar: „Eine märchenhafte Idylle im logistischen Chaos, ein kapitalistischer Coup unter dem Non-Profit-Etikett, eine Fundamentalkritik an Amerika und zugleich eine patriotische Erneuerung im Geiste der Pioniergeneration.“

Dazu passt, das Woodstock gar nicht in Woodstock stattfand, sondern aufgrund von Anwohnerprotesten kurzfristig ins 80 Kilometer entfernte Bethel verlegt wurde.

Das mythische Musik-Event ist ein Fall für die Historiker geworden, die das Ereignis für die Nachwelt interpretieren. Seit 2017 ist das ehemalige Festivalgelände offizielles Kulturdenkmal der USA. Bereits seit den 90er Jahren betreibt eine gemeinnützige Organisation dort ein Woodstock-Museum.

Musikproduzent Michael Lang, einer der vier Veranstalter von 1969, hatte nach Folgeveranstaltungen zum 25. und 30. Jahrestag für Mitte August dieses Jahres ein „Woodstock 50“ angekündigt. Aber es fehlten Genehmigungen, Investoren sprangen ab, Bands zogen ihre Zusagen zurück. Wenige Tage vor dem geplanten Termin sagte er das Jubiläumsevent ab.

John Fogerty, der ursprünglich auch auftreten wollte, hatte da bereits die Segel gestrichen: Der 74-Jährige steht am 18. August lieber auf einer Bühne in Bethel – dort, wo vor 50 Jahren der Woodstock-Mythos geboren wurde.

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