Neue Überlegungen zum Braunschweiger Burglöwen

Braunschweig.  Vor mehr als 850 Jahren wurde die erste monumentale Freiplastik nördlicher der Alpen von Heinrich dem Löwen errichtet. in

Blicks ins Maul des Burglöwen.

Blicks ins Maul des Burglöwen.

Foto: Martin Jasper

So oft schon unter ihm dahingelaufen, dass man das großmäulige Bronze-Trumm auf seinem Sockel fast gar nicht mehr wahrnimmt. Steht da halt rum seit ewig und brüllt ostwärts. Aber was hat unseren Herzog Heinrich in der Mitte des 12. Jahrhunderts eigentlich dazu bewogen, eine solch aufwendige Bronze-Skulptur auf seinen Burgplatz zu rammen? Schließlich gilt der Löwe ja als erste monumentale Freiplastik nördlich der Alpen.

Aus Anlass der 850-jährigen Standfestigkeit des Monuments gab es 2017 beim Braunschweigischen Geschichtsverein eine Tagung zum Thema. Jetzt ist ein Band erschienen, welcher die Vorträge bündelt.

Nun kann man natürlich sagen. Gott ja, klar: Löwe, König der Tiere, Symbol für Stärke und Macht. Aber so einfach wollen wir uns das nachgeholte Staunen nicht austreiben lassen. Denn so einfach ist es nicht. Das hebt jedenfalls der Braunschweiger Althistoriker Thomas Scharff hervor. Sein Aufsatz lautet: Der Braunschweiger Löwe als Symbol – für was eigentlich?“ Er geht zunächst den Lokalstolz hart an , wenn er bemerkt, dass ein Löwe als Wappentier damals wenig originell war. Um 1200 seien 60 Prozent aller Wappentiere auf Schilden Löwen gewesen. Einem französischen Sprichwort jener Zeit zufolge führe jeder, der sonst kein Wappentier aufweisen könne, eben einen Löwen.

Der Löwe sei also nicht als genuines Wappentier Heinrichs zu betrachten. Scharff sieht die Skulptur eher als persönliche Identifikation des Herzogs mit dem Tier. Doch aufgrund welcher Eigenschaft? Scharff spricht von einer „grundsätzlichen Offenheit auf der Bedeutungsebene“. Der Löwe stehe in biblischen und antiken Zusammenhängen als Symbol für Christus, für König David, den Evangelisten Markus, als Symbol für Stärke, Gerechtigkeit Frömmigkeit, Keuschheit, als Zeichen für gute Königsherrschaft, aber auch für Gewalt, Bedrohlichkeit und Schrecken. Der Löwe tauge nicht zur dynastischen Begründung der Welfen. Und auch die Sage vom treuen Begleiter aus dem Heiligen Land sei eben – eine Sage.

Einer anderen Spur folgt Christoph Bartels vom Bergbau-Museum in Bochum: Die Spur des Kupfers führt ihn zum Harzer Rammelsberg. Er unternimmt den Versuch, den Löwen materialistisch, quasi wirtschaftspolitisch zu erklären. Im Kern, so erklärt Bartels, sei es bei dem epochalen Streit zwischen Heinrich dem Löwen und seinem Vetter, Kaiser Barbarossa, der zu Sturz und Verbannung Heinrichs geführt hatte, um die Verfügungsgewalt über die Harzer Metalle gegangen.

So erklärt der Bergbau-Experte, neben Machtanspruch und herrschaftlichem Streben des Braunschweiger Herzogs verbildliche der Löwe „Heinrichs Anspruch, rechtmäßiger Herr der Metalle aus dem nordwestlichen Harz zu sein.“

Bartels folgert, Heinrich habe mit der „Errichtung eines Werks, wie es seit dem Ende der griechisch-römischen Antike keines mehr gegeben hatte, seine Fähigkeit demonstriert, etwas noch nie Dagewesenes mit den ihm verfügbaren Metallen ins Werk setzen zu können“.

Apropos Antike: Holger Berwinkel vom Göttinger Universitätsarchiv bringt Heinrichs Löwenskulptur in Verbindung mit der berühmten römischen Wölfin. Ähnlich wie Scharff bemerkt er: „In der Lebenswelt Heinrichs wie auch anderer Fürsten wimmelte es geradezu von Löwen als Bedeutungsträgern. Von keinem dieser Punkte führte eine gerade Linie zum Gedanken einer monumentalen Skulptur als Zentrum eines Komplexes aus Platz, Pfalz und Kirche.“

Dieses Ensemble habe Heinrich als „Imperiale Machtarchitektur“ in Anlehnung an den römischen Lateranpalast herstellen wollen, um seine Herkunft von seinem Großvater Kaiser Lothar III zu veranschaulichen, der im Lateran gekrönt worden war – quasi als Bühne einer Kaiserwürde, die ihm aus dieser dynastischen Sicht womöglich mehr zustand als seinem Vetter Barbarossa.

Spannende Gedankenspiele. Eine endgültige Klärung wird es wohl niemals geben. Scharff meint denn auch: „Es ist schlichtweg nicht zu ermitteln, was Heinrich sich bei der Aufstellung des Löwen gedacht hat.“

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