Kesse Mörderinnen triumphieren in Braunschweig

Braunschweig.  Das provokante Musical „Chicago“ fesselt am Staatstheater mit starken Darstellern und markanter Regie. Jubel im vollbesetzten Großen Haus.

Die atraktive Mörderin Roxie Hart (Sophia Gorgi) genießt die Aufmerksamkeit der Presse und von Staranwalt Billy Flynn (Markus Schneider im grauen Anzug).

Die atraktive Mörderin Roxie Hart (Sophia Gorgi) genießt die Aufmerksamkeit der Presse und von Staranwalt Billy Flynn (Markus Schneider im grauen Anzug).

Foto: Björn Hickmann/ Stage picture

Es ist ja auch mal spannend, etwas bekanntes Unbekanntes zu entdecken. „Chicago“ soll nach „Phantom der Oper“ das weltweit meistgespielte Musical sein. Aber in Deutschland ist es lang nicht so populär wie „Cabaret“, das vom selben US-Komponisten-/Autorenduo John Kander/Fred Ebb stammt. Am Staatstheater Braunschweig wurde es noch nie gegeben – bis zur Premiere am Samstag im vollbesetzten Großen Haus. Dabei ist „Chicago“ in dieser Form ein Knüller.

Die Story spielt in der brodelnden Geschäftemacher-Metropole der 1920er Jahre – und sie ist grell: Die lebenshungrige Roxie Hart erschießt einen Liebhaber, der sie verlassen will. Und hat dabei keinerlei Skrupel. Nicht mal ihrem Mann gegenüber, dem braven Schlichtgemüt Amos, der sie zunächst deckt. Bis ihm klar wird, dass der Tote kein Einbrecher war.

Also ab in den Frauenknast. Doch dort wird keine Reue geschoben, denn er ist voller Todesmiezen von Roxies Kaliber. Die brüsten sich reihum, wie sie ihren Kerl erledigt haben, weil der zu faul, untreu oder nervig war. Sechs blutige Moritaten, die von den knapp bekleideten Häftlingsfrauen zum „Cell Block Tango“ in cool stilisierten Mord-Choreografien erzählt werden.

Bühnenbildner Conor Murphy hat dafür klar gegliederte, knallig monochrome Räume mit formalisierten Gefängnisgittern oder Fassaden geschaffen. Ein Showbühnenrahmen verweist auf die Vaudeville-Tradition des Spiels, auf sensationslustige Jahrmarkt-Revuen des frühen 19. Jahrhunderts. Doch die poppige Stilisierung nimmt der Tradition alles gestrig Verschnörkelte, lässt den attraktiven Darstellern viel Raum – und bringt den frivolen Stoff sehr heutig rüber.

So wirkt er immer noch provokant, nicht zuletzt weil Frauen hier Täterinnen sind. Dass Männer sich nehmen, was sie wollen, kennt man aus unzähligen Legenden, Geschichten, Filmen. Es ist Teil unserer Kultur. Aber dass Frauen unverfroren einen skrupellosen Hedonismus vorleben, hat immer noch etwas Aufreizendes.

Die Story von „Chicago“ scheint durch und amoralisch. Die mörderischen Knastgirls sind Medienstars, weil sie der Presse auflagenstarke Stories verschaffen. Was übrigens nicht erfunden ist. Die Reporterin Maurin Dallas Watkins hat im Chicago der 1920er Jahre über vergleichbare Fälle berichtet und sie in einem Theaterstück verdichtet, das 1975 zur Vorlage von Kanders und Ebbs Musical wurde.

Es scheint alles glatt zu laufen für Roxie, die Sophia Gorgi als kesse blonde Giftpuppe mit kratzbürstigen Registern spielt. Sie gewinnt den smarten Promi-Anwalt Billy Flynn als Verteidiger, einen souveränen Showman des Rechts, aasig lässig verkörpert von Markus Schneider. Die Geschworenen, macht er Roxie klar, werden vor Gericht das beurteilen, was ihnen geboten wird. „Blende und benebele sie, zeig ihnen spektakulären Hokus Pokus, und sie werden begeistert sein“, singt er im weißen Anzug mit sonorer Grandezza.

Er stellt Roxie als Waise und Klosterschülerin dar, die sich im verführerischen Strudel der Großstadt eines aggressiven Verführer erwehrt hat und zutiefst bereut. Wie Flynn Roxie dabei wie eine Marionette führt, wie er die Geschworenen wie ein Dompteur beherrscht, das zeigt Regisseur Matthew Wild in prägnant gebauten Szenen, denen Choreografin Louisa Ann Talbot spektakulären Drive verleiht. Eine Inszenierung aus einem Guss mit einer klaren, schnörkellosen, ganz zeitgemäßen Handschrift.

Sie hat auch anrührende Momente. Da ist Roxies braver Mechanikergatte Amos (Mike Garling), der sein letztes Hemd gibt, um der Angebeteten den Anwalt zu finanzieren – und dennoch weder Dank, Aufmerksamkeit noch Liebe erhält, während seine skrupellose Frau die Klatschspalten füllt. „Bekomme ich wenigstens eine Abgangsmusik wie all die anderen?“, fragt er gegen Ende. Es bleibt still.

In der entfesselten freien Medien-Markt-Gesellschaft ist das Spektakuläre der einzige Wert, der zählt, lautet die in Brechtscher Manier zugespitzte Botschaft, die allerdings jazzig-prickelnd und völlig moralinfrei rübergebracht wird, im Rhythmus von Ragtime, Swing, Dixie und Blues. Ein kleines Staatsorchester-Ensemble beherrscht diese Farben unter der Leitung von Georg Menskes souverän. Die Musiker sind die einzigen hauseigenen Kräfte, alle Sänger und Tänzer Gäste, allerdings sehens- und hörenswerte, von Roxies langbeiniger Knastschwester Velma (Fleur Jagt mit komödiantischen Qualitäten und sinnlichem Mezzo) über die korrupte Aufseherin „Mama“ Morton (stimmstark Marion Campbell) bis zur Klatschjournalisten-Drag-Queen Mary Sunshine (Victor Petersen).

Am Ende jubelt das bis in den dritten Rang gefüllte Große Haus. Diese Produktion dürfte ein Renner werden.

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