Debatte in Braunschweig: Kinderkriegen, Fluch oder Segen?

Braunschweig.  Drei Frauen sprachen im Haus der Wissenschaft über Kinderlosigkeit im Mittelalter und heute. Es gibt erstaunliche Parallelen.

Die Passauer Autorin Verena Brunschweiger.

Die Passauer Autorin Verena Brunschweiger.

Foto: Juliane Zitzlsperger / dpa

Als radikalfeministische Gegnerin des Kinderkriegens ist Verena Brunschweiger bekannt geworden. Das Gebären nennt sie den „patriarchalischen Imperativ schlechthin“. Kinder hält sie für die größte aller ökologischen Belastungen der Welt: „Pro Kind, das wir nicht bekommen, können wir 58,6 Tonnen CO 2 im Jahr einsparen.“

Kinderlose Frauen sähen im Alter besser aus, meint sie, kinderlose Paare seien nachweislich mindestens doppelt so glücklich wie andere. In ihren Büchern propagiert die scharfzüngige Autorin deshalb einen neuen Begriff. Statt Kinderlosigkeit spricht sie von „Kinderfreiheit“. Ihr Fazit angesichts der Überbevölkerung: „Mutter Erde hat schon genug Kinder.“

Vieles ist wie im Mittelalter

In einer Gesprächsrunde auf dem Youtube-Kanal der TU Braunschweig traf sie nun auf die Braunschweiger Mediävistin Regina Toepfer. Anlass: deren kürzlich erschienenes Buch „Kinderlosigkeit. Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter“ (wir berichteten). Dritte in der Runde war Petra Thorn, Therapeutin in der Kinderwunschberatung.

Die Frauen stritten sich (leider) nicht, sondern ergänzten einander. Therapeutin Thorn war nach eigenen Worten gefesselt von Passagen, die erhellten, wie viel sich in Sachen Mutterschaft heute noch genauso verhalte wie im Mittelalter.

Warum gibt es überhaupt Frauen?

Alle drei Frauen unterstrichen, dass Mutterschaft nicht nur eine biologische, sondern ganz wesentlich eine soziale Dimension habe. Vor allem den Druck von außen, von der Umwelt in erster Linie auf die Frau gebe es bis heute, wenn ein Paar kinderlos bleibt. Toepfer: „Gebären galt als das Normale, schon in der Antike. Man fragte sich: Warum gibt es überhaupt weibliche Menschen, da doch ein Mann für Adam der viel bessere Gefährte gewesen wäre? Nun, weil die Frauen gebären können.“ Ihre Folgerung: „Was die Menschheit so stark geprägt hat, bekommt man nicht raus.“

Druck von außen

In mittelalterlichen Erzählungen gelte: Männer müssen Kinder kriegen, sobald sie verheiratet sind. Kinderlosigkeit sei auch ein gesellschaftliches Drohmittel gewesen. „Wenn das Kind nicht kommt, liegt die Schuld bei den Frauen. Oft fürchten sie, aus der Ehe entlassen zu werden.“ Im Hochadel sei der Thronfolger das gewesen, was heute der Generationenvertrag sei.

Die Literaturforscherin sieht in Folge dieser sich durch Jahrhunderte ziehenden Erzählung eine allmähliche Transformation vom gesellschaftlich aufgedrückten Wunsch zum verinnerlichten eigenen Wunsch. Will die junge Frau wirklich ein Kind – oder entspricht sie damit nur den Erwartungen von außen? Toepfer sprach von einem „Stigma im Kopf“: Was heute die Hinwendung zur Reproduktionsmedizin sei, sei damals das Gebet zu Gott gewesen: Dass einem doch noch ein Kind geschenkt werde.

Leben ohne Sonne

Auch in Sachen Glück findet Toepfer Parallelen zu Brunschweigers Gegenwarts-Befunden. Ob Kinderlose nun unbedingt doppelt so glücklich gewesen seien wie Eltern, sei für das Mittelalter nicht zu ermitteln. „Aber wenn in höfischen Romanzen vom Liebesglück die Rede ist, spielen Kinder keine Rolle. Liebesglück ist nie Familienglück.“

Die Gleichsetzung erfolgte laut Toepfer erst im Zuge der Reformation. „Da hieß es dann zum Beispiel in Hochzeitspredigten: ,Ein Leben ohne Kinder ist wie ein Leben ohne Sonne’.“ In der Folge sei Kinderlosigkeit wiederum zum Drohmittel geworden: Du wirst es noch einmal bereuen. Thorn ergänzte, dass Paare, nachdem der Kinderwunsch erfolglos geblieben sei, nach der Trauerphase zumeist nicht weniger glücklich würden als zuvor. (Von der Therapeutin hätte man sich freilich auch mal ein einziges Wort fürs Kinderkriegen gewünscht. Oder sind Frauen mit Kindern wirklich nur fremdgesteuerte Hascherl?)

Freiheit im Kloster

Sogar die bewusste – und akzeptierte – Entscheidung zur Kinderlosigkeit habe es im Mittelalter für Frauen gegeben, weiß Toepfer: in den Klöstern, die Bildung und Unabhängigkeit boten. „Es gab in der Vormoderne auch Autoren, etwa unter den Kirchenvätern, die empfahlen, den Kreislauf des Gebärens und Sterbens zu durchbrechen. Vor allem in Zeiten der Bedrohung oder des Gefühls vom nahenden Ende. Es war allerdings dann auch mit dem Verzicht auf Sexualität verbunden. Das sollte Freiraum für religiöse Zwecke schaffen.“

Die bessere Wahl

Brunschweiger sieht heute eine „reaktionäre Retraditionalisierung“ dahingehend, alle Frauen zu Müttern zu machen. Den Druck von außen spürt sie auch heute noch – am eigenen Leib: „Als Frau in heterogenen Beziehungen werde ich im Job, von Kollegen, Nachbarn, Freunden, von Hinz und Kunz danach gefragt. Das ist übergriffig! Eine eklatante Diskriminierung kinderloser Frauen. Es ist unglaublich, was die kinderbesitzende Mehrheit sich mit uns erlaubt!“

Alle drei Frauen setzten sich für die Akzeptanz diverser Lebensentwürfe ein und für die Selbstverständlichkeit, sich gegen Kinder zu entscheiden. Brunschweiger: „Es ist in jeder Weise die bessere Wahl!“

Nachzuschauen unter https://youtube/pvTcO4hfQ50

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