Neuer Film: Schauspielerin Anja Kling über Magersucht

Berlin.  Schauspielerin Anja Kling spielt die Mutter einer Magersüchtigen und spricht über Schlankheitswahn und „Germany‘s next Topmodel“.

Essstörung: Das ist Magersucht

Etwa ein halbes Prozent aller Menschen weltweit erkranken an Magersucht. Betroffen sind vor allem Frauen.

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Anja Kling spielt in Komödien, Tragödien und Kinderfilmen mit, verkörpert tragische Heldinnen ebenso überzeugend wie komische Figuren: Sie gehört seit vielen Jahren zu Deutschlands meistgefragten und wandlungsfähigsten Fernsehstars. Im TV-Drama „Aus Haut und Knochen “ (1.12., 20.15 Uhr, Sat.1) spielt die 50-Jährige die Mutter der 16-jährigen Lara (Lisa-Marie Koroll), die immer dünner wird – als ihre Eltern erkennen, dass ihre Tochter an Magersucht leidet, beginnt ein kräftezehrender Kampf gegen die Krankheit.

TV-Star hat im Freundeskreis Menschen mit Essstörungen erlebt

Frau Kling, in Ihrem neuen Film spielen Sie die Mutter einer Schülerin, die an Magersucht erkrankt. Welchen Bezug hatten Sie vorher zu dem Thema?

Anja Kling: Ich selber hatte zum Glück noch nie eine Essstörung, aber als ich mit 16 an der Ballettschule war, habe ich es bei anderen beobachten müssen. Auch in meinem Freundeskreis habe ich Menschen mit Essstörungen erlebt. Das ist für die Betroffenen ganz furchtbar, aber es ist auch für alle Angehörigen sehr schwierig – das ganze Umfeld ist davon betroffen.

Magersucht ist keine Laune, sondern eine Krankheit

Die Darstellerin Ihrer Filmtochter hatte früher selber eine Essstörung, sie war allerdings nicht magersüchtig, sondern war fixiert auf gesunde Lebensmittel. Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?

Sie hat uns erzählt, dass sie damit früher mal zu tun hatte. Wir haben sie sehr ermutigt, für den Film nicht extra abzunehmen, die Gefahr wäre viel zu groß. Natürlich gab es zu Beginn die Überlegung, ob die Hauptfigur nicht viel dünner sein müsste. Aber wir haben dann beschlossen, dass wir das Thema anders erzählen wollen, nicht über extreme Bilder von abgemagerten Körpern.

Sondern?

In dem Film geht es darum, was im Kopf passiert bei so einer Krankheit, da spielen drei Kilo mehr oder weniger keine Rolle. Wir wollen auch zeigen, dass es keine vorübergehende Laune ist, bei der die Betroffenen weniger essen oder dünner sein wollen, sondern eben eine Krankheit. Und jedes zehnte magersüchtige Mädchen stirbt daran.

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Welches Verhalten ist richtig, wenn das Kind an Magersucht erkrankt ist

Ist es die Aufgabe eines solchen Films, Eltern zu sensibilisieren und zu zeigen, was sie tun können, wenn ihr Kind betroffen ist?

Das richtige Verhalten gibt es wohl leider nicht. Jeder Mensch, jede Familie ist anders. Ich als Mutter im Film fange zum Beispiel an, meine Tochter zu kontrollieren, ihr beim Essen genau auf den Teller zu schauen – aber mit extremer Kontrolle kann man viel kaputt machen. Was man machen kann: Für den Betroffenen da sein und ihm signalisieren, wie sehr man ihn liebt – aus der Krankheit rausfinden muss er selber, man kann nur die Hand reichen. Aber das ist natürlich schwierig.

Sie haben selber eine Tochter…

Meine Tochter ist jetzt 16 – wenn sie Magersucht bekäme, würde ich mich auch nicht nur hinsetzen wollen und sagen: „Ich hab dich lieb“, ich würde auf sie einreden, aber auch versuchen, Therapieplätze zu suchen. Zum Glück ist das gar kein Thema bei ihr.

Falsche Vorbilder können gefährlich werden

Wie bewerten Sie Shows wie „Germany’s next Topmodel“, in denen ein übertriebenes Schlankheitsideal vorgeführt wird?

Ich glaube, wer mit sich selbst im Reinen ist, wer eine gute Basis hat, dem kann eine solche Show nichts anhaben. Aber wenn man ein bisschen labiler ist und kein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat, wenn man vielleicht gerade Schwierigkeiten in der Schule oder im Elternhaus hat, können falsche Vorbilder jeglicher Art natürlich gefährlich sein.

Auch die sozialen Medien befeuern den Magerwahn. Es kursieren immer neue Schlankheits-Trends – junge Frauen konkurrieren mit Selfies darum, wer am knochigsten ist…

Es gibt ganze Foren und Kanäle, wo die jungen Leute sich gegenseitig animieren, immer noch dünner und weniger zu werden. Im Vorfeld habe ich mir auch einiges angeguckt, das ist schockierend. Es gibt zwar auch den gegensätzlichen Trend, dass man sich selber zeigt, wie man wirklich aussieht, statt sich mit Filtern auf Fotos zu verschönern. Das finde ich gut, weil man damit sich und anderen Mut macht, seinen Körper so zu lieben, wie er geschaffen ist. Aber natürlich ist dieser Trend längst nicht verbreitet genug.

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Schauspielerinnen ab fünfzig haben es schwerer

Stehen Schauspielerinnen besonders stark unter dem Druck, möglichst schlank zu sein?

Ich kann da nur bedingt mitreden, weil ich von Natur aus schlank bin. Ich habe noch nie eine Diät gemacht. Ich bin zwar auch keine 20 mehr, aber meine Figur ist meinem Alter entsprechend okay, und ich muss dafür auch gar nicht viel tun. Ich hungere nicht, ich mache nicht übertrieben Sport, ich trinke auch gerne mal ein Glas Wein – da habe ich Glück gehabt mit meinen Genen. Aber mal unabhängig vom Thema Magersucht: Auch ich merke als Schauspielerin, dass es ab 50 schwieriger wird, gute Rollen zu kriegen.

Woran liegt das?

Weil man dann eben nicht mehr die junge Heldin zwischen 20 und 40 spielen kann. Das ist ein komisches Denken in den Köpfen der Filmemacher und Produzenten, dass die großen Heldinnen jung sein müssen. Als Konsequenz daraus gibt es ältere Schauspielerinnen, die sich jünger hungern oder jünger operieren lassen, um sagen zu können: Ich kann viel jüngere Frauen verkörpern als in meinem Ausweis steht.

Für Künstler ist das Corona-Jahr ein schlechtes Jahr

Und wie geht es Ihnen bislang in der Coronakrise?

Während des ersten Lockdowns musste ich einen Film abbrechen, den konnten wir dann aber später fertigdrehen. Das Corona-Jahr ist für uns Künstler ein schlechtes Jahr. Wobei ich persönlich mich nicht beschweren möchte, denn ich weiß wenigstens noch, wie ich mein Toastbrot kaufen kann. Mir geht es nicht so schlecht und ich konnte auch vorher was zurücklegen. Aber da bin ich eine von wenigen. Ich weiß, dass in meiner Branche viele Existenzen baden gehen werden, gerade auch bei den Leuten, die hinter der Kamera stehen, den Bühnenkünstlern und den Leuten aus der Veranstaltungsbranche. Das ist ganz furchtbar und bedarf dringend staatlicher Hilfe.

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