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„Lanz“: Hofreiter will Kohlekraftwerke stärker laufen lassen

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Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin  Bei „Markus Lanz“ waren sich alle vier Talk-Gäste einig, dass der Ukraine-Krieg so schnell wie möglich beendet werden muss. Nur wie?

Wer hätte vermutet, dass Anton Hofreiter sich einmal dafür aussprechen könnte, deutsche „Kohlekraftwerke intensiver laufen zu lassen“. „Ganz bitter“ sei das für ihn, natürlich, rechtfertigte sich der Grüne bei „Markus Lanz“. Aber angesichts der Brutalität, mit der Putin den Krieg gegen die Ukraine führte, galt es zu verhindern, dass sich „dieser schreckliche Vernichtungskrieg“ noch ausweitete.

Bei einem sofortigen , für das er bei „Markus Lanz“ warb, böte Braunkohle die „deutlich einfachere Lösung“, die Stromnetze stabil zu halten. Einfacher zumindest, als die Laufzeit der drei verbliebenen AKWs zu verlängern. Oder neue Fracking-Gas-Anlagen zu bauen.

"Markus Lanz": Diese Gäste waren am Donnerstag dabei

  • Anton Hofreiter, Politiker (Die Grünen)
  • Hannah Bethke, Journalistin („Neue Zürcher Zeitung“)
  • Irina Scherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“
  • Gerald Knaus, Migrationsforscher

Zwar lobte der Grünen-Politiker den Einsatz von Bundeswirtschafts- und Energieminister Robert Habeck, einen Ersatz für russische Gas- und Öl-Lieferungen zu organisieren. Trotzdem, so seine Berechnung, bliebe bei der Stromversorgung „Richtung Herbst eine Lücke von 100 Terrawattstunden“. Die müssten dann durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen geschlossen werden, Dazu zählte er Energieeinsparungen auf allen Ebenen und – nach einer Priorisierung – auch Produktionseinschränkungen bei großen Industriebetrieben.

Erst auf hartnäckiges Nachfragen von Markus Lanz gab er zu, dass auch Tempolimit oder autofreie Sonntage für die Grünen „keinen Schrecken“ hatten, allerdings brauchte es dafür auch Mehrheiten im Bundestag.

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Schon wieder war das eine „Markus Lanz“-Sendung mit überraschenden Bekenntnissen. „Ganz kurz einmal“ (Lanz), gleich zu Anfang, regte sich die Talk-Runde über den „schrägen Auftritt“ von Karl Lauterbach am Dienstag auf, der an gleicher Stelle die Kehrtwende bei der Quarantäne-Regelung bekanntgegeben hatte.

Gerade Hannah Bethke, Politik-Korrespondentin der "Neuen Zürcher Zeitung", störte sich an der unorthodoxen Kommunikation des Bundesgesundheitsministers. „Das Hin und Her spricht nicht gerade für eine demokratische Diskussionskultur“, kritisierte sie die ganze Corona-Politik. Und bezeichnete die am gleichen Tag gescheiterte Impfpflicht-Abstimmung im Bundestag als „einziges Trauerspiel“.

„Die Bundesregierung hat auch die Aufgabe, den sozialen Frieden nicht zu gefährden“, befand sie. Und bezog den Satz ebenso auf den „atemberaubenden Gesinnungswechsel“, mit dem auch die Grünen ihre „Ideologien über den Haufen“ warfen. Die Forderung von Anton Hofreiter nach einem sofortigen Energie-Embargo war für sie „radikal und leichtfertig“. Sie befürchtete stattdessen „gravierende Folgen für die deutsche Wirtschaft“.

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Anton Hofreiter, der seine politische Heimat in der Menschrechtsbewegung sah, widersprach leidenschaftlich. Nicht seine Gesinnung hatte sich geändert, betonte er, wohl aber „die Realität ganz brutal“. Es wäre fahrlässig, auf die veränderte Lage nicht zu reagieren, begründete er. Angesichts dieses „absolut verbrecherischen Systems“ glaubte er, dass „die Kosten viel, viel höher werden, je länger der Krieg dauert.“

Deshalb war er inzwischen ebenso dafür, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern – Panzer, ausgemusterte Marder zum Beispiel, oder schwere Scharfschützengewehre, mit denen die russischen Panzerbesatzungen abgeschossen werden konnten.

Auch Irina Scherbakowa, diesmal live im Studio, wünschte sich eine schnelle Reaktion des Westens. Die Mitbegründerin der russischen, inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation "Memorial", hat Moskau nach dem „unglaublicher Schock“ des Angriffs verlassen. Sie hatte gleich an Tschetschenien denken müssen, wo vor 22 Jahren in Grosny die gleichen Bilder der Zerstörung zu sehen waren wie heute in Mariupol.

Sie erinnerte auch an die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja, die damals beschrieben hatte, wie Putin als Kriegspräsident, durch den Krieg an Popularität gewann. Heute sei die staatliche Propaganda so ausgefeilt, erklärte sie, dass die „Menschen nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können“.

Zerstörte Ukraine: „Nichtstun kostet noch mehr“

Für den österreichischen Soziologen Gerald Knaus ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Russen in der Ukraine auch chemische Waffen einsetzten wie in Syrien. Die gleichen Generäle, die Aleppo bombardiert hatten, würden jedenfalls nun Mariupol belagern, berichtete er. Dahinter stand eine „menschenverachtende Ideologie, in der der Einzelne nichts wert ist“, erklärte er.

Zwar sei er kein Wirtschaftsexperte, gab er zu. Aber zu den Kriegskosten durften nicht nur die Schäden bei Versorgung und Infrastruktur der Ukraine gerechnet werden. „Wir haben jetzt bereits 10 Millionen Geflüchteter, nach sechs Wochen“, entrüstete er sich. Wenn der Krieg noch lange weiter ginge, könne sich diese Zahl verdoppeln. „Ich glaube, die Kosten des Nichtstuns sind mittlerweile so hoch, dass das, was man verantwortungsvoll tun kann, auch mit Risiken getan werden muss.“

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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