Geschichte des Faschismus

Warum Benito Mussolinis Flamme in Italien wieder lodert

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Benito Mussolini, Führer („Il Duce“) der italienischen Faschisten (1883-1945). Sein Aufstieg war ebenso rasant wie sein Untergang. Vor 100 Jahren fiel ihm mit dem Marsch auf Rom die Macht in Italien zu.

Benito Mussolini, Führer („Il Duce“) der italienischen Faschisten (1883-1945). Sein Aufstieg war ebenso rasant wie sein Untergang. Vor 100 Jahren fiel ihm mit dem Marsch auf Rom die Macht in Italien zu.

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Braunschweig.  100 Jahre nach dem Marsch auf Rom greifen die Postfaschisten nach der Macht. „Duce“-Experte Hans Woller über Mussolini und seine Erben.

Im Oktober 1922 fiel Benito Mussolini die Macht in Italien zu – nur drei Jahre nach Gründung der faschistischen Bewegung. Viele Umfragen deuten darauf hin, dass bei der Wahl am 25. September erstmals eine postfaschistische Partei vorne liegen wird – die Fratelli d’Italia. Der Münchener Historiker Dr. Hans Woller gilt nicht nur aufgrund seiner Biografie „Der erste Faschist“ als Mussolini-Experte. Ein Interview über Aufstieg und Eigenheiten des italienischen Diktators, Faschismus und Nationalsozialismus – und den Rückenwind für seine politischen Erben.

Mussolini begann seine Karriere als sozialistischer Funktionär und Publizist. Wie kam es zum Bruch?

Mussolini war vor 1914 der führende Mann im sozialistischen Lager Italiens. Anders als die deutschen oder französischen Sozialisten aber war die italienische Linke dezidiert gegen den Kriegseintritt. In ihren Augen war das ein Krieg der Bosse. Mussolini war ganz anderer Meinung: Italien dürfe nicht abseits stehen in diesem Völkerringen, müsse territoriale Gewinne erzielen und sich sozusagen innerlich stärken durch den Krieg. Zudem hat er seiner Partei und der Arbeiterklasse nach vielen Enttäuschungen unter normalen Umständen keine Revolution mehr zugetraut. Er glaubte, der Krieg könne wie ein Katalysator der Revolution wirken.

Ungeheurer Hass auf die Linke

Mussolini wurde aus der Partei ausgeschlossen. Er gründete eine Zeitung und wurde Soldat. 1919 war er Mitinitiator einer losen Vereinigung weniger hundert ehemaliger Frontsoldaten und ehemals linker Kriegsbefürworter: der Fasci italiani di combattimento. Was vereinte sie?

Das war zunächst ein ungeheurer Hass auf die Linke, auf die „Vaterlandsverräter“, die den Krieg abgelehnt hatten. Hinzu kam die Verachtung des bürgerlichen Establishments, das in den Augen der Faschisten abgewirtschaftet und bei den Friedensverhandlungen viel zu wenig für Italien herausgeholt hatte. Außerdem einte die Faschisten ein bodenloser Frust über die Defizite ihres Landes, das aufgrund der großen römischen Geschichte zu Höherem berufen sei. Sie glaubten, in den Schützengräben die Feuertaufe bestanden zu haben und Italien nun als neue Elite zu einer führenden Nation machen zu können. Und sie meinten, mit dem charismatischen Mussolini den richtigen Anführer gefunden zu haben.

Hatten die Faschisten ein konkretes politisches Programm?

Nein. Niemand wusste um 1920, was Faschismus eigentlich sein soll. Faschismus ist in der Praxis ganz langsam entstanden, als Antwort auf die jeweiligen Verhältnisse. Damals erzielte die Linke bei Wahlen große Stimmengewinne. Es hatte den Anschein, als würde eine bolschewistische Umwälzung bevorstehen. Über den Fiat-Werken wehte die Rote Fahne. In der Poebene und in Süditalien hatten Landarbeiter Grundbesitzer enteignet. In dieser Situation entdeckten die Großagrarier und Wirtschaftsbosse die kleinen Gruppen der Faschisten als militärischen Arm. Sie brachten die Gewaltbereitschaft mit, um den Sozialisten Paroli zu bieten, wurden mit viel Geld aufgerüstet und langsam auch zu einem politischen Faktor. Sie gewannen aber auch Rückhalt in den Mittelschichten und bei kleineren Bauern, die sich ebenfalls von der Linken bedroht fühlen.

Radikale Gewaltbereitschaft

Die faschistischen Squadren gingen brutal vor, verprügelten und töteten viele Menschen, brannten Dutzende Gewerkschaftshäuser nieder. Warum wurden sie trotzdem populär?

Die Faschisten nutzten den Rückhalt des Großbürgertums, aber eigentlich wollten sie auf etwas ganz anderes hinaus, auf eine grundlegende Erneuerung von Staat und Gesellschaft. Ihre Gewaltbereitschaft hat viele Menschen erschreckt. Aber Mussolinis großes Kunststück war, die Faschisten zugleich als Garanten für Ruhe und Ordnung im Kampf gegen die angeblich umsturzbereite Linke zu inszenieren. In den Augen der großen Mehrheit der Italiener waren sie das kleinere Übel und eine zukunftsträchtige Kraft. Dabei sind von 1919 bis 1922 bis zu 4000 Menschen in den politischen Kämpfen umgekommen – darunter nur 600 Faschisten. Tausende wurden verletzt und versehrt.

Die Gewalt der Faschisten vor der Machtergreifung erscheint exzessiver als die der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik.

In den ersten Jahren war das Gewaltpotential der Faschisten deutlich größer als das der Nazis vor 1933. Hitler hat bis 1933 eine Art Legalitätskurs gesteuert, Mussolini öffentlich auch, aber die Gewalt seiner Squadren konnte er kaum kontrollieren. Letztlich wollte er es auch nicht wirklich. Der militärische Arm war das Alleinstellungsmerkmal seiner Partei.

Mussolini versprach allen alles

Vor 100 Jahren setzten die Faschisten durch den Marsch auf Rom die Regierung unter Druck, ihnen die Macht zu übergeben. Warum gab der militärisch deutlich überlegene Staat nach?

Das war ein komplexer Vorgang. Zuvor hatte es bereits Märsche auf andere Städte gegeben. Eine ganze Reihe von Provinzen war politisch und faktisch in der Hand der Faschisten. Sie hatten damals bereits 200.000 aktive Mitglieder samt der gut bewaffneten Schlägertrupps. Kommunisten und Sozialisten waren für eine Auseinandersetzung nicht gerüstet. Das Militär hätte die Faschisten stoppen können. Allerdings haben viele Soldaten und Offiziere mit ihnen sympathisiert. Die Regierung war verbraucht und unschlüssig. Alles hing vom König ab, als Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Viktor Emanuel III. war unsicher, ob er sich auf das Militär verlassen konnte. Mussolini mit seinem untrüglichen Gefühl für Stimmungen hat diese Lage genutzt, jedem alles versprochen, gleichzeitig seine Truppen weiter aufmarschieren lassen und so viel Verwirrung gestiftet, dass der König und die führenden Schichten ihm die Macht übertragen haben. Als Ministerpräsident hat er sie rasch ausgebaut. Ab 1925 herrschte in Italien eine Einparteien-Diktatur.

War die Verfolgung politischer Gegner ähnlich brutal wie in Nazi-Deutschland?

Nein. Allerdings waren die Sozialisten durch die faschistischen Schlägertrupps bis 1922 schon ziemlich dezimiert. Zudem hat Mussolini früh eine effektive politische Polizei aufgebaut, die neben der Linken auch katholische Organisationen infiltriert hat. Schließlich waren die Gegner des Faschismus so perspektivlos und eingeschüchtert, dass die Faschisten gar nicht mehr so kräftig hinzulangen brauchten. Der Terror war in Deutschland nach 1933 viel ausgeprägter.

„Mussolini war ein radikaler Antisemit“

Von 1938 an erließ auch Mussolini Rassengesetze. Ist sein Rassismus und Antisemitismus mit dem der Nazis vergleichbar?

Die Italiener haben schon in den 1920er Jahren in ihren Kolonien in Libyen ein ausgeprägtes Apartheidsystem etabliert, später in Äthiopien. Aber Mussolini war – anfangs noch verdeckt – auch ein radikaler Antisemit. Er sah in den Juden eine minderwertige Rasse, ein wesensfremdes Gastvolk, das die Substanz des italienischen Volkskörpers bedroht. Es gibt viele Parallelen zwischen der nationalsozialistischen und der faschistischen Judenpolitik. In manchen Punkten waren Mussolinis Rassengesetze sogar schärfer. Allerdings, und das ist der kapitale Unterschied, zielten sie auf die Vertreibung der Juden aus Italien ab, während Hitler auf ihre Vernichtung aus war.

Standen Hitler und Mussolini sich nahe?

Sie haben Freundschaft inszeniert, aber in engerem Sinne befreundet waren sie nicht. Politisch waren sie jedoch eng verbündet. Beide wollten die Verhältnisse in Europa umstürzen und neuen „Lebensraum“ erschließen, der eine im Osten, der andere im Süden, am Mittelmeer, auf dem Balkan und in Nordafrika. Hitler waren Mussolinis Ambitionen recht, weil er damit zunächst die Engländer und Franzosen beschäftigt hat. Später ist Mussolini dann gewissermaßen im Windschatten von Hitler gesegelt, einige Zeit sogar mit Erfolg.

Wie der „Duce“ seinen Rückhalt verlor

Was hat Mussolinis Niedergang ausgelöst?

Die militärischen Niederlagen, die Italien ab 1942 auf allen Kriegsschauplätzen hinnehmen musste. Damit war sein erstes großes Versprechen nicht eingelöst, Italien wieder zur Großmacht zu machen. In der Krise wurde auch deutlich, dass sein zweites Versprechen, einen funktionierenden faschistischen Wohlfahrtsstaat aufzubauen, weitgehend Gaukelei war. So hat Mussolini schließlich neben dem Rückhalt im Volk auch die Unterstützung des Königshauses und der Konservativen verloren.

Dennoch wird der Faschismus in Italien offenbar weniger kritisch gesehen als der Nationalsozialismus in Deutschland.

Das stimmt teilweise. In den Bürgerkriegsjahren von 1944 bis 1946 sind bis zu 15.000 Faschisten umgekommen. Nach dieser Rosskur haben alle Parteien in Italien den Schluss gezogen, es müsse nun Frieden herrschen. Das war einerseits vernünftig, hatte auf der anderen Seite aber einen hohen Preis. In Schulen, Universitäten und öffentlichen Diskursen hat man sich nicht so intensiv mit dem Faschismus auseinandergesetzt, wie das nach langer Anlaufzeit in Deutschland geschah. Das hat dazu beigetragen, dass sich ein gewisses faschistisches Milieu in Italien erhalten konnte.

Giorgia Meloni machte alle Häutungen der Postfaschisten mit

Wie nahe stehen heutige rechte Parteien wie Matteo Salvinis Lega Nord und Giorgia Melonis Fratelli d’ Italia dem Faschismus?

Meloni ist schon als Mädchen der Jugendorganisation des Movimento Sociale Italiana beigetreten, der Nachfolgeorganisation der Faschisten. Sie hat alle Häutungen der Partei mitgemacht, von der Alleanza Nazionale bis zu den Fratelli d’Italia, tut im Augenblick aber alles, um sich einen bürgerlichen Anstrich zu geben. In Italien wird gerade so viel Kreide gefressen, dass sich vermutlich bald Lieferengpässe ergeben. Dennoch will Meloni ihre Drähte ins faschistische Milieu nicht verlieren. Das sieht man etwa an der Debatte über das Partei-Emblem. Es zeigt eine Flamme mit einem Strich darunter – sie symbolisieren Mussolinis Geist über seinem Grab. Was das praktisch bedeutet, ist noch unklar. Die Fratelli d’Italia, aber auch Salvinis Lega sind gärende Parteien. Da mischen EU-Skeptiker mit, Italia-First-Leute, frustrierte Bürgerliche, Putin-Freunde, das Strandgut der Unzufriedenen aus allen Schichten, aber natürlich auch Faschisten – ein wilder Haufen. Es ist schwer vorherzusagen, wer sich durchsetzt. Klar ist aber: Wenn das Lager von Meloni, Salvini und Berlusconi am kommenden Wochenende die Mehrheit erlangt, wonach es leider aussieht, rückt Italien ein großes Stück nach rechts. Das werden die gesellschaftlichen Minderheiten zu spüren bekommen, aber auch Europa. Die Dimensionen des Problems haben wir noch gar nicht recht erkannt. Italien ist ein anderes Kaliber als etwa Ungarn. Es kann einem angst und bange werden.

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