Meerfahrt ins Mannsein

Braunschweig  Jörg Wesemüller gelingt im Staatstheater eine so humorvolle wie actionreiche Uraufführung von Sagors „Iason“.

Das kurze Glück von Iason und Medea (Cino Djavid und Isabell Giebeler beim Hochzeitskuss) feiern die Argonauten und ihre Fans (von links: Luca Füchtenkordt, Johannes Kienast, Götz van Ooyen, Saskia Taeger).

Das kurze Glück von Iason und Medea (Cino Djavid und Isabell Giebeler beim Hochzeitskuss) feiern die Argonauten und ihre Fans (von links: Luca Füchtenkordt, Johannes Kienast, Götz van Ooyen, Saskia Taeger).

Foto: Bettina Stöß

Ja, das sind Helden. Theaterhelden, die kraft ihrer wandlungsfähigen Persönlichkeit die Zuschauer des Internetzeitalters alte Mythen erleben lassen, als ginge es um sie. Die mit einem segelgleich gespannten glitzernden Abendkleid, einer Trampolinmatte und ein paar Regenmänteln eine ganze abenteuerliche Seefahrt imaginieren. Mal auf Kumpel und dicke Hose machen, auch boxen und protzen, dann wieder straucheln, zagen, scheu werden vor dem Blick einer einzigen Frau.

Kristo Sagor hat die griechische Sage um Iason und seine Jagd nach dem Goldenen Vlies ganz unangestrengt in ein Stück über heutige, vor allem männliche Identitätssuche verwandelt. Im Zentrum steht Titelheld Iason, ein netter Bengel, der nicht recht weiß, was man von ihm will. Der einen Thron fordert, weil es die Tradition so verlangt, und naiv in das Abenteuer willigt, weil er sich erst erfahren muss.

Der Thron ist der von fremder Macht besetzte seines Vaters, das Ziel des Abenteuers vorgeblich das unerringbare Goldene Vlies in undefinierbarer Fremde. Mission Impossible, wie die Kumpel wissen, Iason kommt sich wie ein Idiot vor. „Können auch Idioten Helden sein?“, fragt er.

Mit solchen Zwischenfragen setzt Sagor immer wieder Pointen, die die Heldensage erden, aber auch die Alltagsgeschichte erhöhen zu dem einen sagenhaft Wichtigen, das solche Identitätsfindungsreise für jeden Einzelnen ist. Heldennamen und mythische Orte wechseln mit Sprüchen und Worten von heute und ergeben ein fein changierendes, oft humorvoll gewirktes Gespinst.

Regisseur Jörg Wesemüller hat es für die Uraufführung in Braunschweig packend umgesetzt. Aus wenig Requisiten, viel Lichtwechseln und sechs Schauspielern zaubern er und Ausstatterin Jasna Bosnjak ganze Theaterwelten. Atmosphäre, Timing, sprachlich wie choreographisch pointiert erfasste Charaktere und Mut zum Gefühl – da stimmt einfach alles.

Was auch dem exzellenten Ensemble zu danken ist. Allen voran Cino Djavid gibt mit schöner Modulation und manchmal stutzender Retardierung den Jungen Iason, der Heldentum erstmal ausprobiert. Ein nachdenklicher, nicht alle machohaften Rollenbilder erfüllender Mann voller Selbstzweifel und Überraschungen. Schön, wie ernsthaft er über Distanz die Liebesverzauberung durch Medea zu erspielen vermag, wie er mit weichem Ton ihrer Liebe folgt, aber die Selbstbestätigung auch von ihr nicht bekommt und das spürt.

Isabell Giebeler spielt als Medea überzeugend die wahrhaft Verliebte, die um Iasons willen Volk und Vater verrät. Wesemüller lässt sie als eigentliches Ziel der Abenteuer wie eine Perle auf erhobener Spielfläche locken, das Goldene Vlies gibt’s nebenbei. Nach der Rückkehr in Iasons Heimat ist sie freilich die Fremde. Genau gearbeitet ist der Dialog, in dem sie über Entfremdung klagt und Iason nur Scheidung hört.

Er wendet sich der Königstochter Glauke zu, aber Sagor macht aus Medea nicht die Rächerin an der Rivalin. Selbst die Tötung ihrer eigenen Kinder ergibt sich fast mitfühlend aus inneren Dialogen mit diesen, die mehr und mehr Zutrauen zu einem Tod fassen, der sie aus dem Ausgestoßensein rettet.

Götz van Ooyen mimt unternehmungslustig alle Feinde Iasons, darunter schön hochnäsig arrogant den sadistischen Vater Medeas. Saskia Taeger gibt mit oft ironischem Ton und Kleiderwechsel die Göttinnen und auch das sprechende Schiff Argos. Unter den grandiosen Kumpeln ist Luca Füchtenkordt auch der bullige Herkules, einer jener starken Freunde, die man im Leben manchmal hinter sich lassen muss. Und Johannes Kienast glänzt unter anderem als körperlich aufdringlicher Proll-Gemahl der Königin Arete.

Viel Applaus für ein so poetisches wie actionreiches, humorvolles wie berührendes Theaterspiel, das ab 13 gedacht ist, aber auch Älteren dringend zu empfehlen ist.

Wieder am 23., 26. Mai und 1. Juni. Karten: (0531) 1234567.

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