Albees Ehekrieg begeistert im Staatstheater Braunschweig

Braunschweig.  Dariusch Yazdkhasti inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ als großartiges Schauspielertheater mit Lust, Hass und leisen Tönen.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ inszeniert von Dariusch Yazdkhasti am Staatstheater Braunschweig.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ inszeniert von Dariusch Yazdkhasti am Staatstheater Braunschweig.

Foto: Birgit Hupfeld / Staatstheater Braunschweig

Den Alkohol kippen sie weg wie Limonade. Sie knallen sich Wahrheiten und Fantasien an den Kopf wie Baseballschläger. Und in kurzen Überfällen von Sex versuchen sie den existentialistischen Ekel zu vergessen, dass nichts Sinn hat in dieser Welt. Familie, Karriere, Wissenschaft – ein großer Betrug, den Martha und George längst durchschaut haben. Es bleibt das Spiel. Wer es weiß ist klug, ließ Schnitzler milde verlauten. Aber Intellektuelle spielen bestialisch.

Am Ende, nach zwei Stunden akribischer Selbstzerfleischung vor und mit geladenem Gästepaar, haben sie auch diese letzte Möglichkeit einer ironischen Sinngebung zerstört. „Man denkt, es geht weiter“, aber diesmal wird die Schraube überdreht. Leerer war ihr Leben nie als nach diesem Abend, und nie war klarer, dass sie in dieser großen Leere umso eherner aneinandergekettet sein werden. Wie in Sartres Hölle. Geschlossene Gesellschaft.

Es geht unter die Haut, wenn Saskia Petzold als Martha, die eben noch voller Energie geschrien und getreten hat, diese Erkenntnis plötzlich ganz leise und nüchtern ausspricht. Und wenn sie am Ende, als George den vorher als Fiktion gepflegten gemeinsamen Sohn sterben lässt, nur noch mit leerem Blick ins Publikum stiert.

Ein Meisterstück psychologischen Theaters

Regisseur Dariusch Yazdkhasti, der hier ein Meisterstück des psychologischen Theaters abliefert, legt Wert auf Tonwechsel, auf Steigerung von Tempo und Lautstärke – und solche Abstürze auf den harten Boden der Tatsachen. Auch dadurch sind die Figuren immer vielschichtig, sie treiben sich im Lauf des Stücks mit Lust in den Abgrund, aber sie haben auch schon vorher Momente von Klarsicht, wohin es führen wird. Weiter als an vielen Abenden zuvor, an denen sie offenbar ähnlich brutal nur im Kampf ihre Zusammengehörigkeit spüren konnten.

Das Bühnenbild von Simeon Meier setzt verblüffend die Rangarchitektur des Zuschauerraums auf der Bühne fort und schafft so die passende geschlossene Arena. Auch wir sind wie Nick und Honey, das zum Absacker nach der Party geladene junge Paar, Gäste der nächtlichen Martha-und-George-Show. Und wer glaubte, nur zum Vergnügen zu kommen, wird hier gleich noch mit zerfleischt – sei es durch unangenehme Erkenntnisse wie wir, sei es als unfreiwillige Katalysatoren der Handlung wie Nick und Honey. Deren Lebenslügen werden wie nebenbei mit entlarvt: Der knackige Boxer hat Potenzprobleme, die naive Predigertochter ist offenbar als Kind missbraucht worden und kotzt sich jeden Gedanken, selbst Kinder zu bekommen, regelrecht aus dem Leib. Ob sie nach diesem Abend zusammen weiterleben können, ist fraglich. Aber das ist Martha und George ohnehin egal.

Die Bestien bleiben Menschen

Die Brillanz von Yazdkhastis Inszenierung liegt auch darin, dass seine Bestien Menschen bleiben. Güte, Liebe sind in diesem Stück zarte Flämmchen, aber Yazdkhasti lässt sie zu. Wenn Martha zu Beginn Nick bittet, sich neben sie zu setzen, entsteht eine sehr zärtliche Annäherung. Auch George legt Honey sanft die Hand über die Schulter, dieser Abend könnte ganz anders laufen. Noch Nicks plötzliche Leidenschaft, als er Martha, die gerade einen Whiskey in sich reinschüttet, quasi überfällt, könnte ehrlich sein wie Chéreaus „Intimacy“. Aber schnell wird Sex wieder Machtmittel: Martha will Georges Eifersucht erregen, Nick hat womöglich seine Karriere im Sinn, denn Martha ist die Tochter des Uni-Präsidenten. Auch dies eine der ernüchternden Erkenntnisse, mit der sich Martha ihre eigene Existenz entwertet.

Es ist klasse, wie genau Yazdkhasti diese Gratwanderungen inszeniert. Und es ist ein Vergnügen, den vier exzellenten Schauspielern dabei zuzusehen. Saskia Petzold legt gleich am Anfang mit trockenen Pointen den verachtend-abgeklärten Ton der desillusionierten Spötterin vor. Sie kann wüten, schreien, schlagen, dann wieder ganz träumerisch sprechen von ihrem ausgedachten Sohn, das Martha-George-Spiel erlaubt sich diese eine zarte Illusion. Und am gefährlichsten wirkt sie, wenn sie hart und leise Kommentare nur so für sich zu sagen scheint, dass sich einem der ganze Abgrund ihrer, unserer Existenz öffnet. Grandios.

Langer, kraftvoller Applaus für großes Schauspielertheater

Götz van Ooyen ist ihr kongenialer Partner. Zum Loser verdammt, zynisch-hilflos Marthas Schritte, die Drehung der Schraube beobachtend und moderierend, bezieht er die Kraft des Dulders aus seinem Wissen um den letzten Trumpf, dass sie ebenso angewiesen ist auf ihn wie er auf sie. Nick haut er im beiläufigsten Gespräch plötzlich harte Wahrheiten ins Gesicht. Wenn er besoffen über dem Geländer hängt, schaut einen das Elend einer wertlosen Zivilisation an. Er wird gedemütigt zu Tränen, aber hat die Macht zur finalen Zerstörung.

Wunderbar spielt Cino Djavid den Biologen Nick nicht als karrieregeilen Potenzbock, sondern mit einer schönen Weichheit. Fast schwingt etwas Mitleid mit diesem verkommenen Ehepaar mit, wenn er abwehrend die Augen rollt. Er verfolgt Martha mit faszinierten Blicken, tanzt erotisierend auf Tuchfühlung, bevor er zupackt. Dass er bei der starken Martha sucht, was die naive Honey nicht hat, leuchtet ein. Aber er ist ihr nicht gewachsen.

Larissa Semke trifft als Honey genau den Ton des Häschens, das nicht viel versteht. Vielleicht hat sie aufgrund ihrer Erfahrung als Kind nur aufgehört, etwas verstehen zu wollen. In der gekonnten Überdiktion der Betrunkenen sorgt sie allemal für Pointen.

Langer, kraftvoller Applaus für großes Schauspielertheater, wie es Staatstheater und Publikum guttut.

Wieder 29. September, 3., 13., 19., 27. Oktober, 2., 8. November, 3., 13. Dezember.

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