André Rieu in Braunschweig: der Sahnestückchen-Klassiker

Braunschweig.   4500 Zuschauern in der Braunschweiger Volkswagen-Halle bietet der geigende Entertainer mit Orchester ein prunkendes Spektakel.

Fast drei Stunden (mit Pause) spielt Andre Rieu mit seinem groß besetzten Orchester auf.

Fast drei Stunden (mit Pause) spielt Andre Rieu mit seinem groß besetzten Orchester auf.

Foto: Rüdiger Knuth

Gegen Ende scheint ein wenig Anarchie auszubrechen im Johann-Strauss-Orchester von André Rieu. Die Klarinettistin stürzt ein Glas Champagner herunter. Rieu genehmigt sich auch ein paar Schlucke. Bei den Bläsern geht gleich eine ganze Flasche rum. Das alles wäre weiter hinten in der Volkswagen-Halle kaum so genau zu sehen, würde es nicht auf zwei großen Projektionsflächen genau getimt eingefangen. Es ist schon eine perfekt kalkulierte Show, die der niederländische Walzerkönig rund 4500 Zuschauern in Braunschweig bietet.

Tutti Frutti und Steppeinlage auf dem Flügel

Sie kommt vor allem gegen Ende in Schwung, als zahlreiche Paare in den Gängen zum „Donauwalzer“ tanzen, bevor der geschniegelt geigende Maestro zu einer furiosen, nicht enden wollenden Zugaben-Serie ansetzt, mit Blockbuster-Klassikern wie der Champagner-Arie, Sirtaki, Kalinka und schließlich sogar „Tutti Frutti“. Die heißblütige Pianistin schnallt sich ihr bonbon-barockes Funkelkleid ab und steppt auf dem Flügel. Vor der Bühne tanzen Dutzende Zuschauer wie bei einem Rockkonzert. Rieu, ein echter Frontmann der Sahnestückchen-Klassik, genießt das und feuert die Menge noch an.

Der Abend ist nicht gänzlich so mitreißend. Es ist von Beginn an weniger ein Konzert, als ein üppiges Spektakel. Rieu moderiert und scherzt ausgreifend vor seinem rosé schillernden Orchester. Zu den meisten Titeln stellt er einen Solisten vor. Oder mehrere. Da liefern sich ein Xylophon- und ein Glocken-Spieler einen Wettstreit, bis die Instrumente rauchen. Da singen gleich drei Tenöre gemeinsam „Nessun dorma“. Da kunstschneit es zum „Schneewalzer“ über einigen Reihen tatsächlich heftig, sehr zur Belustigung der übrigen Zuschauer.

Drei durchinszenierte Stunden

Musikalisch allerdings ist das wenig erbaulich. Die Arrangements sind sehr ähnlich gebaut und überstreichen vor allem die solistischen Partien sehr schnell mit pastos schwellender Klangtünche. Da bleibt wenig Raum für Zwischentöne, für Innehalten, ein wenig Raffinesse. Schlimm ölt etwa die Verkitschung von Leonard Cohens „Hallelujah“. Am meisten rühren Stellen an, in denen einer Stimme ein wenig Raum und Ruhe zugestanden werden. Um zu gestalten und sich zu entfalten, wie die Sopranistinnen bei einer Arie aus Verdis „Rigoletto“ oder dem sanften Pop-Hit „You Raise Me Up“. Da kommt ein wenig Zauber auf. Da wird die Schönheit der Musik spürbar, die Rieu den ganzen Abend wortreich beschwört.

Unterhaltsam und ein souveräner Entertainer ist er dabei durchaus. Und ein ausdauernder. Fast drei Stunden (mit Pause) spielt er mit seinem groß besetzten Orchester auf, professionell bis auf die letzte, überschäumend inszenierte Minute. Man muss sagen: für den nicht eben günstigen Eintritt bekommt man durchaus etwas geboten.

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