Zwei Stunden Rockgeschichte mit Achim Reichel in Braunschweig

Braunschweig.  Der 75-jährige Grande des deutschen Rock bietet 2000 Fans in der Stadthalle einen inspirierten Querschnitt durch sein Schaffen.

Achim Reichel & Band spielten vor rund 2000 Fans in der Braunschweiger Stadthalle.

Achim Reichel & Band spielten vor rund 2000 Fans in der Braunschweiger Stadthalle.

Foto: Rüdiger Knuth

Diese Sehnsuchtsballaden, nicht ohne Pathos, aber nordisch runtergekühlt, stehen ihm gut. „Fliegende Pferde laden dich ein / auf ihrem Rücken mit der Welt eins zu sein“, singt Achim Reichel mit der tiefen, sonoren Stimme des Altrockers von Format. Die Klasse des Songs liegt darin, dass die etwas schwülstige Zeile genau das beschreibt, was sie ist: eine Schimäre. „Wieder mal die Straße runter / Koffer auf’m Rücksitz und vollgetankt“, beginnt Reichel den Song, um bald darauf festzustellen: „Wieder mal n neues Leben im Kopf / Und gewusst, ich dreh eh wieder um“.

In dieser Nummer ist beides drin, Fernweh, Eskapismus und das Uneinlösbare ihrer Verheißungen. Schlicht und weise ausgedrückt, muss man musikalisch nicht groß aufdonnern. Macht Reichel in der Stadthalle Braunschweig auch nicht. Er spielt trocken, rhythmisch, mit dezentem Bläserschimmer. Das ist kein schmaler Grat, sondern ein ziemlich tiefer Graben, der Reichels schlackenfreien Bluesfolkrock vom Schlager scheidet.

Achim Reichel in Braunschweig: historische Dimensionen

Aber worauf wir eigentlich hinauswollten, ist ein Detail aus folgendem Vers: „Wieder mal vorm Telefon deine Nummer gedreht und wieder aufgelegt.“ Nummer gedreht! Wählscheibe! Da blitzt die historische Dimension eines ansonsten ziemlich zeitlosen Titels auf. „Fliegende Pferde“ ist von 1989. 30 Jahre ist das her – da war Reichel schon fast 30 Jahre im Geschäft.

Songs aus seinen ganz frühen Jahren mit den Rattles, einer der ersten deutschen Beatbands, spielt er am Dienstagabend nicht. Auch keine aus seiner psychedelisch angehauchten Phase Ende der 60er. Die frühesten Nummern stammen aus den 70ern. Gegen Ende des Jahrzehnts begann Reichel mit jungen, wilden Literaten wie Jörg Fauser zusammenzuarbeiten. „Ich war damals der Meinung, dass ich selber nicht dichten kann“, erzählt er. Die Zusammenarbeit ging über drei Alben, und es entstanden Klassiker wie „Der Spieler“. Reichel bringt ihn am Dienstag in einer konzentrierten Bluesrockversion. Zwei weitere E-Gitarren-Veteranen begleiten ihn zurückhaltend und erzeugen einen dichten, aber fein strukturierten Sound. Perkussionist Yogi Jockusch bespielt sein Drumset vorwiegend perkussiv, Bassist Achim Rafain einen unaufdringlichen Bass.

Reichel der unheimliche Erzähler

Der Bass des Abends ist allerdings Achim Reichel. Seine herbstdunkle, in 75 Lebensjahren gereifte Stimme könnte streckenweise auch allein den Abend gestalten. Er ist ein wunderbar gelassener, manchmal auch etwas unheimlicher Erzähler. Wenn er in „Der Spieler“ am Casino-Strand die Stimmen gescheiterter Spielerseelen aus dem Meer ertönen lässt. Oder die „Regenballade“, eine schaurige, erlkönighafte Geschichte aus dem feuchten Moor. Sie stammt übrigens von Ina Seidel (1885-1974), einer teils in Braunschweig aufgewachsenen Schriftstellerin, mit Hang zu Hitler, Blut und Boden. Aber einem Händchen für sumpfige Geschichten.

Eine Zeitlang hat Reichel auch Volkslieder interpretiert. „Ich hab alles mal gemacht, Shantys, Balladen, Volkslieder“, erzählt er. „Ich finde, nichts ist schöner, als Neues zu probieren“. Sein Sound allerdings ist konservativ – klassischer, aber ansprechender Bluesrock mit differenziertem Klangbild und smart eingesetztem Bläsertrio. Und die Band hat auch folkige und Südstaaten-Sounds drauf, etwa in der herzzerreißenden Ballade „John Maynard“. Da besingt Reichel den US-Mythos vom braven Steuermann, der ein brennendes Schiff im Sturm auf dem Eriesee noch mit letzter Kraft ans Ufer steuert und Dutzende rettet, bevor er zu Asche verglüht.

Ein bisschen der Gegenwart enthoben

Mit derlei prallen Geschichten geht es durch den Abend. So ein bisschen wie Bob Dylan, nur ungleich geerdeter, bewegt sich Reichel durch die Folk- und Popgeschichte, im Reich der Mythen, schon ein bisschen der Gegenwart enthoben. Er macht keinerlei Bemerkungen zum Tagesgeschehen. Plaudert sonst aber mit hanseatischem Charme von der Entstehung dieses oder jenes Songs und so allgemein den Dingen des Lebens. Seine Band spielt im Sitzen, er teils auch, aber er wirkt fit und kraftvoll. „Willkommen zu dem, was ich meine erste Abschiedstournee nenne. Keine Ahnung, wie viele noch kommen werden – da ist ja höhere Gewalt im Spiel“, witzelt er eingangs.

Eine politische Nummer hat er im Repertoire: „Exxon Valdez“. Sie erzählt vom verheerenden Öltanker-Unglück 1989 vor der Küste von Alaska, das sie konkret dem trunksüchtigen Kapitän Hazelwood anlastet. Die Ballade habe er auch 1996 auf einer Greenpeace-Fernsehgala singen wollen – auf deren Absage der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dann aber plötzlich gedrungen habe: „Da könne man ja gleich Werbung für die Grünen machen“.

Tja, so war das damals – Achim Reichel rockt heute noch gut. Nach gut zwei Stunden verabschiedet er sich mit „Aloha“ von seinen rund 2000 Fans. Die singen zum Abschied kräftig mit.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder