Das Zukunftsprojekt „NTH“ musste sterben

Hannover  Die Politik beerdigte am 14. Oktober 2014 den Zusammenschluss dreier Universitäten. Gebraucht wurden dabei weder Friedhof, Sargträger noch Urnenhain.

Gelöste Stimmung: Professor Jürgen Hesselbach (rechts) übergab im Beisein von Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) in 2011 die Leitung der NTH an den Clausthaler Uni-Präsidenten Professor Thomas Hanschke. Links Hannovers Uni-Präsident Professor Erich Barke.

Foto: Rudolf Flentje (Archiv)

Gelöste Stimmung: Professor Jürgen Hesselbach (rechts) übergab im Beisein von Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) in 2011 die Leitung der NTH an den Clausthaler Uni-Präsidenten Professor Thomas Hanschke. Links Hannovers Uni-Präsident Professor Erich Barke. Foto: Rudolf Flentje (Archiv)

Stattdessen lud Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) einfach zu einer Pressekonferenz in ihr Ministerium.

„Die Niedersächsische Technische Hochschule NTH hat die Erwartungen nicht erfüllt, die das Land mit ihrer Errichtung verbunden hat“, verkündete die Ministerin. Sie sei sicher, dass die beteiligten Hochschulen die Chance eines „Resets“ erkennen würden, so die Ministerin weiter. „Reset“ heißt unter anderem zurücksetzen, aber auch neustarten.

Nicht erfüllt wurde mit dem Aus allerdings auch die Hoffnung, die Hochschullandschaft in Niedersachsen weiterentwickeln zu können. Wer auf der Webseite „Studieren in Niedersachsen“ das Thema „Hochschulen von A-Z“ anklickt, sieht auf einer Karte von Wilhelmshaven und Buxtehude im Norden bis Göttingen im Süden, von Wolfsburg bis Lingen dunkle Punkte, die die Standorte der Universitäten, Fachhochschulen, künstlerischen und privaten Hochschulen markieren. Insgesamt gibt es in Niedersachsen laut Wissenschaftsministerium 20 Hochschulen in staatlicher Verantwortung. Viele Studierende, viele Standorte – das scheint seit jeher ein Credo der niedersächsischen Hochschulpolitik zu sein. Das große Bundesland setzt auf Universitäten und Fachhochschulen auch als Mittel der Strukturförderung. „Wir sorgen dafür, dass in Niedersachsen der Hochschulzugang weiter geöffnet wird“, heißt es beim Wissenschaftsministerium in Hannover. Je mehr Studierende, desto besser. Die meisten Schlagzeilen machte zuletzt die Lüneburger Leuphana – dank eines teuren Neubaus von Stararchitekt Daniel Libeskind. Aber auch sonst wirbelte die einstige Pädagogische Hochschule gewaltig Staub auf.

Auch Braunschweigs TU-Präsident Jürgen Hesselbach musste sich schon von Amts wegen Gedanken um die Perspektiven „seiner“ Hochschule machen. Der Schwabe setzte allerdings nicht auf spektakuläre Architektur. Der Grundgedanke: Durch eine enge Verbindung der TUs in Braunschweig und Clausthal sowie der Leibniz-Universität in Hannover unter einem gemeinsamen Dach sollten die drei Universitäten gegenüber größeren Technik-Hochschulen konkurrenzfähiger werden. Nur gemeinsam erreichten die drei Hochschulen bei Professuren, Mitarbeitern sowie beim Budget die „kritische Masse“, also Größenordnungen wie an der RWTH Aachen oder der TU München, hieß es beim Wissenschaftsministerium. Von „ernüchternden Ergebnissen“ bei der Exzellenzinitiative war die Rede, dem zentralen Wettbewerb des Bundes.

„Der Impuls kam nicht von mir, sondern von den Hochschulen“, betonte Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) im September 2008 zur NTH, die 2009 startete. Ausgangspunkt des NTH-Projekts war eine Tagung zu „Perspektiven der Natur- und Ingenieurwissenschaften“ im Januar 2006 im Kloster Loccum gewesen. Die Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen, ein Expertengremium, hatte mehr Mut gefordert, um die Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Das wiederum lag genau auf Hesselbachs Linie.

Andernorts herrschten Argwohn – und wohl auch Angst vor Konkurrenz. Wirtschaftskreise in Hannover protestierten beim damaligen Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD). Die Göttinger SPD-Landtagsabgeordnete und Wissenschaftspolitikerin Gaby Andretta lehnte das Projekt von Beginn an ab. Fürchtete die Universitätsstadt Göttingen Konkurrenz? Die Kritiker nutzten die erheblichen Geburtswehen der NTH. So musste der NTH-Vorsitz aus Proporzgründen zwischen den drei Universitäten wechseln, die geisteswissenschaftlichen Fächer der Leibniz-Universität waren nicht Teil der NTH.

„Die NTH ist ein in der Luft schwebendes Konstrukt“, erklärte Andretta. Es gebe zwar Kooperationen in einzelnen Fächern, die Identität als Universität aber fehle. Dass es der „bisherigen NTH“ nicht gelungen sei, eine eigene Identität zu entwickeln, steht ähnlich auch in einer Stellungnahme der Leibniz-Universität vom Herbst 2014.

Auch Stratmann-Nachfolgerin Johanna Wanka (CDU) soll die NTH eher skeptisch gesehen haben, ließ sie aber bestehen. Hesselbach macht keinen Hehl daraus, dass er lieber weiter am Projekt NTH gearbeitet hätte. „Statt auf dem mühsam, aber durchaus vielversprechend Erreichten aufzubauen, wird ein radikaler Neuanfang empfohlen“, heißt es kritisch auch in einer Stellungnahme der Leibniz-Universität vom Oktober 2014. So hatte das Ministerium selbst im Juni 2009 vielversprechende NTH-Forschungsprojekte vorgestellt.

Die „Wissenschaftsallianz“ allerdings, die das Land Niedersachsen Braunschweig und Hannover als Ersatz für die NTH verordnete, gilt Kritikern sogar noch als Rückschritt gegenüber dem „Consortium Technicum“ von 2001. Das war ein lockerer Verbund der drei Hochschulen.

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