Opfer aus dem Kreis Peine: Getötet – mitten im Leben

Münstedt  Der Angreifer hat offenbar wahllos Opfer gesucht und zwei Frauen aus dem Kreis Peine attackiert. In Münstedt und Edemissen herrscht Fassungslosigkeit.

Das Haus in Münstedt, in dem eines der Opfer lebte. Die rot-gelbe Flagge erinnert daran, dass am Sonntag eigentlich Volksfest gefeiert wird.

Foto: Thomas Parr

Das Haus in Münstedt, in dem eines der Opfer lebte. Die rot-gelbe Flagge erinnert daran, dass am Sonntag eigentlich Volksfest gefeiert wird. Foto: Thomas Parr

Dass am Sonntag in Münstedt Volksfest gefeiert würde, dass die Münstedter ihren neuen Schützenkönig hochleben lassen würden, das war schon ganz lange klar. Dass die fröhlichen Vorzeichen für das Juli-Wochenende aber am Freitag plötzlich mit Trauerflor versehen sein würden, damit hatte niemand gerechnet. Der Grund: Eines der Opfer des Angriffs von Hurghada kommt aus Münstedt.

Der Messerstecher soll von der Terrormiliz IS den Auftrag zu der Bluttat erhalten haben. Der Angreifer hat offenbar wahllos Opfer gesucht. Durch den Tod der beiden Frauen aus Münstedt und Edemissen, die sich bis zu der Tat ohne Argwohn an dem Strand aufgehalten hatten, führt die Blutspur des IS-Terrors nun auch in den Landkreis Peine.

Gemeinsam mit ihrer 56 Jahre alten Freundin aus Edemissen, einer Berufskollegin, machte die 64-jährige Frisörin aus Münstedt Urlaub im ägyptischen Hurghada und lag zufällig im Blickfeld des Täters, der mit einem Messer bewaffnet dem Meer entstiegen war und nur eines wollte: töten.

„Unvorstellbar. Unfassbar. Mitten im Leben“, wiederholt Münstedts Ortsbürgermeister Dieter Böker immer wieder. Jeder im Dorf kannte die Frau, ihren Mann und die Tochter.

Böker hat zu tun. Dem Schützenkönig muss launig gratuliert werden. Das Fest findet nämlich trotz des tragischen Ereignisses statt. „Sie hätte das bestimmt so gewollt“, hatte Böker noch gesagt. Man habe aber wirklich lange überlegt, ob man absagt oder feiert.

Im Festzelt sind gar nicht alle Besucher über die tödliche Messerattacke informiert. „Darüber macht man keine Scherze!“, wird der Reporter von einer älteren Dame scharf zurecht gewiesen. „Sie sollten sich schämen!“, sagt sie wütend. „Er hat aber recht“, sagt eine Tischnachbarin. Und dann herrscht betroffenes Schweigen.

„Sie hat doch ihr Geschäft verkauft, um noch was vom Leben zu haben, um das Leben noch zu genießen“, erklärt eine andere Dame und ihr Mann daneben brummt, man wisse aber eigentlich nichts von der Familie. Doch seine Frau erzählt weiter: „Sie tauchte gern, und sie hat sich da eine Wohnung gekauft. Eine kleine. Und sie hat immer gesagt, die reicht aus. Mehr braucht man nicht.“ Wer die andere Frau gewesen sei, das wisse sie nicht. Wer es nicht aus den Nachrichten wusste oder dem Online-Angebot unserer Zeitung entnommen hatte, erfuhr es im Volksfest Gottesdienst, in dem Pastorin Marion Schmager die Todesopfer und deren Familien ins Gebet aufgenommen hatte.

Zeitgleich ist es in Edemissen recht ruhig. Hier lebte das zweite Opfer, mit seinem Mann. „Eine bekannte Persönlichkeit in Edemissen“, sagt Ortsbürgermeister Ullrich Kemmer. Er sei sich gar nicht sicher, ob in Edemissen überhaupt schon bekannt sei, dass ein Todesopfer von hier komme.

Dass die beiden Attentats-Opfer aus Niedersachsen stammen, war schon am Samstag bekanntgeworden. „Aber man hofft doch immer, dass die eigene Region verschont geblieben ist“, sagt Otto-Heinz Fründt, Bürgermeister der Gemeinde Ilsede.

Peines Landrat Franz Einhaus ist gegenwärtig nicht im Dienst, sondern auf Urlaubsreise im europäischen Ausland. Aber auch an seinem Ferienort erreichte ihn am Sonntag die erschütternde Nachricht. In einem kurzen Kontakt mit unserer Redaktion reagierte Einhaus mit tiefer Bestürzung über den blutigen Anschlag in Hurghada und darüber, dass die beiden zufälligen Opfer aus dem Peiner Land stammen.

Schon in der jüngeren Vergangenheit war die allgemeine Terror-Gefahr auch für Peiner hautnah sichtbar geworden – nach der tödlichen LKW-Attacke auf einen Berliner Weihnachtsmarkt wurde auch der Peiner Weihnachtsmarkt auf dem Historischen Marktplatz aus Vorsichtsgründen von zusätzlichen Polizeibeamten mit Maschinenpistolen gesichert.

Im Festzelt wird mittlerweile das Niedersachsenlied geschmettert – „sturmfest und erdverwachsen“ heißt es dort in einer Zeile. Da haben einige Tränen in den Augen. Von feigem Terror war nie die Rede. „Man muss was ändern“, sagt einer.

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