Trotz Flaute: Kohlekraftwerk Mehrum läuft bis mindestens 2024

Mehrum.  Die 40 Jahre alte Anlage im Kreis Peine hat schon 212.000 Betriebsstunden geleistet, sie war nur für 200.000 Stunden ausgelegt.

Das Kohlekraftwerk Mehrum. Angesichts des Klimawandels wird das schnelle Aus für Kohlekraftwerke gefordert - bei Peine steht ein Kraftwerk seit vier Monaten still, weil Kohlestrom für den Betreiber derzeit unwirtschaftlich ist.

Das Kohlekraftwerk Mehrum. Angesichts des Klimawandels wird das schnelle Aus für Kohlekraftwerke gefordert - bei Peine steht ein Kraftwerk seit vier Monaten still, weil Kohlestrom für den Betreiber derzeit unwirtschaftlich ist.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ist denn bekannt, wie lange die restliche Laufzeit der Anlage noch beträgt?


Das fragt unser Leser Sven Ickert.

Die Antwort recherchierte
Andre Dolle.

Das sei keine Lobbyveranstaltung nach dem Motto: Was hat die Bundesregierung bloß mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz angezettelt? Das behauptete Armin Fieber, Geschäftsführer des Kohlekraftwerks Mehrum, zu Beginn der Pressekonferenz im Kraftwerk im Landkreis Peine. So ganz stimmte das natürlich nicht. Der Chef des Steinkohlekraftwerks wollte zusammen mit der kaufmännischen Leiterin Kathrin Voelkner am Dienstag seine Sicht der Dinge darstellen.

Es ging um die schwierige Situation des Kraftwerks. Energisch fordern Umweltschützer wegen des Klimawandels ein Aus für schmutzige Kohlekraftwerke. Wirtschaftlichen Druck erhält das Kraftwerk derzeit außerdem: Seit fünf Monaten bereits steht es still. Grund für den niedrigen Strompreis an der Strombörse sei unter anderem der hohe Anteil von Strom aus regenerativen Energien, sagte Fieber. Das mache den Kohlestrom derzeit unwirtschaftlich. Im Moment sehe die Entwicklung des Strompreises so aus, dass das Kraftwerk Ende August oder im September wieder anfahren werde.

Die etwa 120 Mitarbeiter würden keine Däumchen drehen, erklärte Betriebsratsvorsitzender Rainer Rettberg-Berkowsky. Ohnehin seien nur 30 von ihnen im Schichtbetrieb eingesetzt, die große Mehrheit sei für die Wartung der Anlage zuständig. Fieber: „Wenn die Preise es hergeben, wollen wir innerhalb eines Tages wieder am Netz sein.“

„Dass wir derzeit die Anlage nicht fahren, schlägt schon aufs Gemüt“, sagte der Betriebsratschef. Und Kraftwerks-Chef Fieber gab zu: „Das ist keine schöne Situation.“ Und doch sagte er: „Wir sind verhalten optimistisch.“

Dabei braucht das Kohlekraftwerk etwa 100.000 Euro an einem Produktionstag, um die Fixkosten zu decken. Die bestehen neben den Personal- und Verwaltungskosten zu etwa 60 Prozent aus der Steinkohle und zu etwa 40 Prozent aus den CO2-Zertifikaten. Da die Anlage derzeit nicht produziert, sind die Kosten nicht so hoch. Wie hoch, das konnten oder wollten die Beteiligten nicht sagen. So oder so: Die Kosten trägt der Betreiber aus Tschechien. Vor knapp zwei Jahren hatte der expandierende tschechische Stromriese Energie- und Industrie-Holding (EPH) das kommunale Kraftwerk übernommen. Zuvor gehörte das Kohlekraftwerk der Stadtwerke Hannover AG (enercity) und der Braunschweiger Versorgungs-AG & Co. KG (BS Energy).

Seinen Optimismus speist Fieber einerseits daraus, dass der Strompreis an der Börse immer wieder schwankt. Derzeit liegt er bei 40 bis 45 Euro pro Megawattstunde. Zu diesem Preis können die Mehrumer nicht produzieren. Fieber: „Zu Jahresbeginn lag er allerdings bei etwa 110 Euro.“

Außerdem, so ist zu vermuten, wetten die Inhaber aus Tschechien auf die Zukunft. Spätestens 2022, wenn das letzte Kernkraftwerk vom Netz ist, wird man wieder mehr auf Kohlekraftwerke zurückgreifen müssen. Die regenerativen Energien haben zwar bereits einen Anteil von 35,5 Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland, doch sie sind nicht verlässlich genug.

Hinzu kommt: Abgeschrieben ist die 40 Jahre alte Anlage in Mehrum längst. Betriebsratschef Rettberg-Berkowsky sagte, eine solche Anlage sei auf 200.000 Betriebsstunden ausgelegt. „Das Kraftwerk Mehrum läuft schon seit 212.000 Betriebsstunden.“

Es kommt in die Jahre. „Eigentlich hätte man schon vor zehn Jahren investieren müssen“, sagte der Chef Fieber. Doch das haben weder die kommunalen Energieversorger gemacht noch die Tschechen. Sicherheitsrisiken gebe es deshalb aber nicht, beteuerte Fieber.

Bis März 2021 gilt die garantierte Mindestbetriebslaufzeit. Fieber rechnet schon ein paar Jahre weiter – mindestens bis 2024, wahrscheinlich auch länger. Entscheidend wird sein, wie sich der Strompreis weiter entwickelt, und ob der Betreiber aus Tschechien nicht doch noch in die alte Anlage investieren muss.

Die Kohlekommission hat den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038 empfohlen. Sabine Schlemmer-Kaune, Sprecherin des Landesumweltministeriums, sagte auf Anfrage: „Die Empfehlung beinhaltet jedoch keine konkreten Abschaltdaten für einzelne Kohlekraftwerke. Ob ein einzelnes Kohlekraftwerk tatsächlich bis zum Abschluss des Kohleausstiegs in Betrieb bleibt, liegt grundsätzlich in der Entscheidung der Kraftwerksbetreiber.“ Niedersachsen setze sich zudem dafür ein, dass der im Hinblick auf die Klimaziele notwendige Kohleausstieg sozial und wirtschaftlich verträglich ausgestaltet wird.

Die kaufmännische Leiterin des Kraftwerks Voelkner stellte klar, dass man an der Energiewende grundsätzlich keine Kritik übe. Nur an der Ausgestaltung, ergänzte Fieber. Dann arbeitete er sich an der Energiewende ab. Frankreich lasse im Gegensatz zu Deutschland nicht von Kernkraftwerken ab. Schon jetzt zeichne sich ab, dass Atomstrom Deutschland fluten könnte. „Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen“, sagte er.

Der Kraftwerks-Chef bedauerte, dass die privaten Haushalte die EEG-Zulage ganz wesentlich bezahlen müssten. Ministeriums-Sprecherin Schlemmer-Kaune gab zu: „Durch die derzeitige Systematik der Umlagen, Abgaben und Steuern im Energiebereich wird Strom künstlich verteuert, obwohl der Anteil der Erneuerbaren im Stromsektor im Vergleich zu den Sektoren Wärme und Verkehr deutlich höher ist.“ Niedersachsen setze sich daher gegenüber der Bundesregierung für eine Reform der Umlagen, Abgaben und Steuern ein. „Ein von Niedersachsen geforderter Baustein ist beispielsweise die Senkung der Stromsteuer“, sagte die Sprecherin. Die Stromsteuer macht allerdings nur sieben Prozent des Strompreises für private Haushalte aus.

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