„Die Klimaforscher sind Profis – die Skeptiker nicht“

Braunschweig.  TU-Vizepräsident Wolfgang Durner schaut als „Wissenschafts-Orakel“ ins Jahr 2020. Der Nachhaltigkeitsforschung sagt er eine große Zukunft voraus.

Wolfgang Durner würdigt die Wissenschaftler, die sich als „Scientists for Future“ zusammengetan haben und die „Fridays for Future“-Bewegung beraten: „Dass sie ihre private Zeit opfern, um politisch Stellung beziehen, zeigt, dass das echte Gewissensentscheidungen sind.“

Wolfgang Durner würdigt die Wissenschaftler, die sich als „Scientists for Future“ zusammengetan haben und die „Fridays for Future“-Bewegung beraten: „Dass sie ihre private Zeit opfern, um politisch Stellung beziehen, zeigt, dass das echte Gewissensentscheidungen sind.“

Foto: Tom Weller / dpa

Zum ersten Mal nimmt Professor Wolfgang Durner am „Orakel“ unserer Zeitung teil. Der 61-jährige Geoökologe ist Vizepräsident der Technischen Universität Braunschweig für Forschung und Lehre. Mit ihm werfen wir einen Blick in die Zukunft der Wissenschaft. Außerdem spricht er im Interview über den Klimawandel und den Stellenwert der Lehre.

Bevor wir in die Zukunft schauen, werfen wir einen Blick zurück: Ein Thema des Interviews 2018 war die Bewerbung der TU als Exzellenzuni. Daraus ist nichts geworden. Wie beurteilen Sie das Exzellenz-Aus heute mit Abstand?

Es ist zwar schade, dass es nicht geklappt hat, aber man muss anerkennen, dass wir gegenüber den Platzhirschen nur eine Außenseiterchance hatten. Gegenüber dem Schwung, den die Exzellenzinitiative uns gebracht hat, fällt die Enttäuschung aber kaum ins Gewicht. Wenn man bedenkt, dass noch vor kurzem kaum jemand überhaupt damit gerechnet hatte, dass wir uns würden bewerben können, ist wirklich bemerkenswert, was alles erreicht und angestoßen wurde.

Welche Vorhaben wurden denn konkret angeschoben?

Das betrifft viele Dinge, die für eine moderne, exzellente Universität einfach dazugehören – und bei der TU überfällig waren. Wir haben uns etwa ein vernünftiges Personal-Entwicklungskonzept gegeben – sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch außerhalb. Ein Beispiel hierfür ist unsere neue Tenure-Track-Ordnung – hier geht es um Nachwuchs-Stellen, die in dauerhafte Professuren umgewandelt werden können. Auf dieser Grundlage haben wir neue Professorenstellen beantragt und waren auch erfolgreich. 18 Professuren werden dadurch entstehen.

Gibt es weitere Auswirkungen auf die Forschung an der TU?

Wir haben unser Profil geschärft. Und in diesem Zuge haben wir eine sogenannte Forschungs-Governance erarbeitet. Bei neuen Forschungsideen fragen wir jetzt: Lässt sich das Projekt einem der vier Schwerpunkte der TU – Mobilität, Infektionen und Wirkstoffe, Stadt der Zukunft, Metrologie – zuordnen? Neue Projekte sollen zur Stärkung dieser strategisch wichtigen Forschungsfelder beitragen. Hierfür setzen wir künftig Anreize.

Bleiben wir noch beim Rückblick: Gibt es – ganz allgemein – eine wissenschaftliche Entwicklung, die Sie 2019 überrascht oder nachhaltig beeindruckt hat?

Der Quantencomputer. Google hat erstmals nachgewiesen, dass Rechner dieser Art eine Aufgabe lösen können, an der konventionelle Rechner scheitern. Auch wenn die Nutzungsmöglichkeiten von Quantencomputern vorerst sehr beschränkt sind, hat das doch gewaltige künftige Auswirkungen, etwa im Bereich der Sicherheit durch Passwörter.

Mit welchem konkreten Ereignis wird das Jahr 2019 für Sie verknüpft bleiben?

Das sind eindeutig die Klimaproteste – und nicht nur, weil ich Umweltwissenschaftler bin. Durch die „Fridays for Future“ ist das Klimathema durch die Decke gegangen.

Dazu passt eine Frage unserer Leserin Marita Schwan aus Wolfenbüttel: Wird aus dem Klimawandel eine Klimakatastrophe?

Der Klimawandel findet objektiv und real statt. Was künftig zu erwartende extreme Wetterausprägungen angeht, haben wir es mit sehr, sehr hohen Wahrscheinlichkeiten zu tun. Trotzdem kann man auf eine so pauschale Frage wie die nach einer „Klimakatastrophe“ nicht in Schwarz-Weiß-Manier antworten, ohne unseriös zu sein.

Dann blicken wir in die Grautöne...

Bisher folgt die tatsächliche Entwicklung den klimawissenschaftlichen Prognosen im Großen und Ganzen wie erwartet. Wenn wir klimapolitisch weiter Business as usual betreiben, habe ich keinen Zweifel daran, dass die düsteren Vorhersagen eintreffen. Die Lage ist bedrohlich. Zwar gibt es die sogenannten Klimaskeptiker, die nach wie vor in Frage stellen, ob die wissenschaftlichen Prognosen seriös sind. Aber ich kenne unser Wissenschaftssystem gut genug, um zu wissen, dass hier nicht eine irregeleitete Kaste selbstinteressierter Menschen irgendwelche Katastrophenszenarien heraufbeschwört, nur um an Forschungsgelder zu kommen. Das ist ja eine dieser Hypothesen, die bisweilen geäußert werden. Natürlich werden einige Klimaschutzmaßnahmen, die jetzt politisch ins Werk gesetzt werden, zunächst weh tun. Aber man muss auch die großen Chancen sehen, die in einer Umstellung auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise liegen. Hier steht uns eine große kommunikative Aufgabe bevor – und die Herausforderung, soziale Schieflagen zu verhindern.

FDP-Chef Lindner forderte, die demonstrierenden Schüler sollten den Klimaschutz „Profis“ überlassen. Was sagen Sie dazu?

Die Klimaforscher, von denen die Prognosen stammen, sind Profis. Ganz im Gegensatz übrigens zu den sogenannten Klima-Skeptikern. Das sind, wenn überhaupt Wissenschaftler, dann meist solche, die völlig andere Schwerpunkte haben, und die sich von der Seitenlinie aus äußern. Dabei würden diese sich wohl ebenfalls mit Recht dagegen wehren, wenn inkompetente Leute ihnen ihr Fach erklären wollen. Vielleicht dachte Herr Lindner aber auch an die Möglichkeit unerwarteter technischer Lösungen, um CO2 einzufangen. Aber ein Naturwissenschaftler würde niemals blind auf solche Entwicklungen vertrauen. Fakt ist: Als ich auf die Welt kam, lag die Kohlendioxid-Konzentration in der Luft bei 310 ppm (parts per million). Momentan sind wir bei über 410 ppm. Und der Ausstoß von CO2 steigt immer noch Jahr für Jahr. Dieses Gas ist mit einem Anteil von
80 Prozent Hauptverursacher der Erderwärmung.

Ein Einwand gegen eine ambitioniertere Klimapolitik lautet, dass Deutschland nur rund zwei Prozent des weltweiten Ausstoßes produziert und deshalb wenig beitragen könnte.

Aber macht das ein falsches Verhalten zu einem richtigen? Wenn ein Land wie Deutschland, das an der Weltspitze der Technologienationen steht, es nicht schafft, nachhaltig zu wirtschaften, wer soll es denn dann schaffen? Wenn alle so argumentieren wie in Ihrer Frage, dann bin ich sicher, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern.

Die Schülerdemos berufen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Außerdem haben Forscher die „Scientists for Future“ gegründet, um vor Gefahren des Klimawandels zu warnen. Sehen sie die Wissenschaft in einer neuen Rolle?

Eine neue Rolle sehe ich nicht, aber das, was hier passiert, ist ein sehr ungewöhnliches Phänomen – gerade, wenn man bedenkt, wie sich die Arbeit von uns Wissenschaftlern verändert hat. Wir forschen heute in einem extrem konkurrenzorientierten Umfeld. Wir müssen immer mehr Anträge schreiben und Drittmittel einwerben. Unser Erfolg wird daran gemessen, wie gut wir in einem eng umrissenen Forschungsfeld reüssieren. Das ist unglaublich zeitaufwendig. Sich in dieser Situation dafür zu entscheiden, private Zeit zu opfern, um in die Öffentlichkeit zu gehen und politisch Stellung zu beziehen, zeigt, dass das echte Gewissensentscheidungen sind. Mit den „Scientists for Future“ ist nach meinem Wissen etwas absolut Einzigartiges entstanden.

Wie erklären Sie sich das?

Unter anderem damit, dass ein großer Teil der Fachwissenschaftler von der Darstellung des Themas in den Medien genervt sind. Natürlich verstehe ich, dass Medien ein Interesse daran haben, Gegensätze zu bringen. Deswegen versuchen manche Journalisten, zu jeder Position eine Gegenposition darzustellen – und sei sie auch noch so absurd. Dadurch wird der Stand der Wissenschaft verzerrt dargestellt. Und das hat meiner Auffassung nach viele der profunderen Klimawissenschaftler veranlasst, an die Öffentlichkeit zu gehen und ihren Beitrag gegen Fake News zu leisten. Und das sind viele. Ich bin überzeugt, dass diese Bewegung noch weiter gehen wird.

Sie sind Geoökologe und Bodenkundler. Was kann Ihre Disziplin zum Klimaschutz beitragen?

Eine ganze Menge. Böden binden wesentlich mehr Kohlendioxid als alle Pflanzen an der Erdoberfläche und auch wesentlich mehr, als in der Atmosphäre ist. Das heißt: Kleine Änderungen an der Bilanz von Böden haben enorme Bedeutungen auf den CO2-Ausstoß. Wir wissen heute, dass Änderungen bei der Nutzung von Böden massive Freisetzungen von CO2 zur Folge haben können – etwa wenn man eine Wiese zu Acker umpflügt. Wenn man es schaffen würde, weltweit die Aufnahme und Abgabe dieses Klimagases durch Böden positiv zu beeinflussen, dann wäre das schon ein Riesenhebel. Allerdings hat sich gezeigt: Das ist nicht ohne Weiteres machbar. Am Kohlenstoffgehalt der Oberböden unserer Agrarflächen lässt sich nicht einfach etwas ändern. Außerdem sehen wir, dass der Klimawandel durch das Auftauen von Permafrostböden und das Austrocknen von Mooren ungeheure Mengen von Klimagasen freisetzt. Der Klimawandel trägt so zu seiner eigenen Beschleunigung bei.

Kommen wir zum „Orakel“: Welche Wissenschaftsthemen werden im kommenden Jahr eine besondere Rolle spielen?

Definitiv alle Themen, die mit der Bindung und Speicherung von atmosphärischem CO2 zu tun haben. Und natürlich wird ganz allgemein die Umstellung hin zu mehr Nachhaltigkeit die Forscher weiter beschäftigen. Das reicht von der Dekarbonisierung der Industrie über die Batterieforschung bis zur Recyclingforschung.

Haben Sie Wunschkandidaten für einen der Wissenschaftsnobelpreise 2020?

Emmanuelle Charpentier, die am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gearbeitet hat, ist natürlich eine heiße Anwärterin. Die sogenannte Gen-Schere, die 2015 auf Grundlage ihrer Erkenntnisse entwickelt wurde und es erlaubt, Erbgut gezielt zu verändern, ist die Mega-Entdeckung der letzten Jahre. Mich wundert fast, dass sie immer noch nicht mit dem Nobelpreis für Chemie oder Medizin ausgezeichnet wurde. Vielleicht ist sie mit 51 Jahren noch zu jung für das ehrwürdige Auswahlkomitee. (lacht) 2020 wird sie jedenfalls die Karl-Friedrich-Gauß-Medaille der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft erhalten. Wenn sie im selben Jahr den Nobelpreis bekäme, wäre das ein echter Knaller.

2020 steht die 275-Jahr-Feier der TU ins Haus. Was ist zum Jubiläum geplant?

Es wird übers ganze Jahr verteilt eine Vielzahl von Veranstaltungen in verschiedenen Formaten geben. Höhepunkt wird ein Festakt mit dem Besuch des Bundespräsidenten am 12. Juni sein. Ich hoffe, trotz des unvermeidlichen Personenschutzes wird es möglich sein, dass Herr Steinmeier direkt mit Forschern, Lehrenden und Studierenden in Kontakt kommt und wir unserem Anspruch als extrem offene Uni auch hier gerecht werden.

Wird das Audimax, der große TU-Hörsaal, der momentan durch ein Zirkuszelt ersetzt ist, 2020 wieder zur Verfügung stehen?

Das hoffen wir sehr. Die Bauarbeiten liegen gut im Zeitplan und werden Mitte 2020 beendet sein.

Sind auch neue Gebäude geplant?

Ja, Physik, Pharmazie und Chemie erhalten neue Gebäude. Und ganz besonders freue ich mich auf das Studierendenhaus, das zwischen dem Altgebäude und dem Okerufer entstehen wird. Hier wird es viele neue, helle, freundliche Arbeitsplätze für Studierende geben.

Über Karrieren von Wissenschaftlern entscheidet vor allem Erfolg in der Forschung. Wird der Stellenwert der Lehre weiter sinken?

Nein, ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass er steigen wird, aber das ist natürlich eine relative Aussage. Die Zeiten, in denen man hinnahm, dass Professoren didaktische Nieten sind, sind zum Glück längst vorbei. Letztlich kommt es aber auch darauf an, welchen Stellenwert die große Politik der Lehre beimisst. Und um diesen zu verbessern, gibt es mehrere Projekte und Pakete. Das vielleicht wichtigste ist der sogenannte „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ von Bund und Ländern. Durch ihn wird der Bereich Studium und Lehre dauerhaft kräftig finanziell unterstützt. Ich bin zuversichtlich, dass die chronische Unterfinanzierung des Unis in diesem Bereich dadurch wirklich gemildert wird.

Zu guter Letzt noch eine Frage von einer Leserin. Claudia Wilkes aus Ölper fragt: Im Handwerk gibt es zu wenige Arbeitskräfte. Wirken die Universitäten auch auf junge Menschen ein, sich bei entsprechendem Geschick für einen Handwerksberuf zu entscheiden?

Ja, absolut. Im Vergleich zu früher haben wir einen gewaltigen Bau an Beratungsangeboten geschaffen. Und das Projekt „Wegweiser“, das Studienzweifler berät, passt auf diese Beschreibung perfekt. Die Statistiken zeigen, dass rund die Hälfte der Studierenden, die sich bei den „Wegweisern“ melden, sich für einen anderen Ausbildungsweg entscheiden – auch für klassische Ausbildungsberufe. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg. Als „offene Hochschule“ stehen wir nicht nur Abiturienten offen, sondern etwa auch Handwerksmeistern. Unser Ziel ist nicht, jeden bis zum akademischen Abschluss zu peitschen. Unser gesellschaftlicher Auftrag ist vielmehr, für jeden das Optimale zu finden. Wenn ich feststelle, dass die Uni für jemanden nicht das Richtige ist, sehe ich darin kein Scheitern.

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