Ein Landwirt aus Beuchte sorgt für warme Häuser

Beuchte.  Clemens von König wählt einen anderen Weg als Generationen vor ihm. Um nicht von Ernteerträgen abhängig zu sein, häckselt er Holz und baut Heizungen.

Unternehmer und Landwirt: Clemens von König vor seinen Holzhackschnitzeln.

Unternehmer und Landwirt: Clemens von König vor seinen Holzhackschnitzeln.

Foto: DIRK BREYVOGEL / Dirk Breyvogel

Der Mann misst stattliche zwei Meter, mindestens. Doch Clemens von König wirkt fast ein wenig verloren vor den Bergen von Kleingehäckseltem, das sich hinter ihm türmt. Holzhackschnitzel nennt man das Produkt. Es ist das Material, auf das der Landwirt aus Beuchte bei Schladen (Kreis Wolfenbüttel) setzt und auf dem seine beruflichen Träume fußen. Und es ist ein Exportschlager, denn mit dem zerkleinerten Holz und den eigens dafür gebauten Heizungsanlagen wärmt von König Häuser, Schulen und Krankenhäuser in der Region Braunschweig und darüber hinaus.

Ein Landwirtschafts-Quereinsteiger, der vieles anders machen will

Anfang der 2000er Jahre steigt von König in den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern ein. Es ist nicht die Leidenschaft zur Landwirtschaft, sondern seinem Pflichtbewusstsein geschuldet, dass er diesen Schritt geht. Entsprechend steinig war der Weg.

Zuvor war sein Bruder bei einem Verkehrsunfall gestorben. „Eigentlich sollte er das alles übernehmen“, sagt von König. Er selbst hatte nach dem Abitur in Wolfenbüttel früh der Region den Rücken gekehrt, reiste viel, arbeitete unter anderem als Fliesen-Großhändler und lebte jahrelang in Portugal. Noch heute sagt er, dass er das Wetter vermisse. Dort sei eben ein anderes Klima.

Aber von König ist auch ein Junge der Region. Und er wollte sich später nicht vorwerfen lassen, das Erbe seiner Eltern und Großeltern aufs Spiel gesetzt zu haben. Nach dem Tod des Bruders macht er in einer Art „Crashkurs“ eine Ausbildung zum Landwirt und steigt in den Betrieb ein, nicht ganz geräuschlos. Es folgen viele Diskussionen mit denen, die vorher Verantwortung trugen. Der Beginn des Weges ist steinig, das lässt von König im Gespräch immer wieder durchblicken.

Doch für ihn steht eines unverrückbar fest: Steigt er in die Landwirtschaft ein, will er es anders machen als seine Vorfahren, die seit mehr als 200 Jahren in der Region rund um Schladen, Vienenburg und Beuchte Höfe haben und auf Ackerbau setzten. „Ich wollte nicht einfach so weitermachen, nicht 08/15 auf die Erträge aus dem Ackerbau setzen. Ich wollte noch ein anderes Standbein besitzen, das weniger anfällig ist von Faktoren, die man nicht selbst bestimmen kann“, erzählt er.

Ein Gut wird zur Dienstleistungs-GmbH

Damit meint er in erster Linie das Wetter – und in zweiter Linie staatliche Subventionen, die mal höher und mal niedriger ausfallen, je nach politischer Lust und Laune. Diesem permanenten Ertragsdruck will er mit einem anderen Betriebsmodell entgegenwirken. Und so gründet er die „Gut Beuchte Dienstleistungs GmbH“, gewinnt einen Schulfreund für die Position des Geschäftsführers und fängt an, neben dem Anbau von Weizen, Rüben, Raps und Silomais auf einer Fläche von mehr als 700 Hektar den Aufbau erneuerbaren Energieanlagen voranzutreiben.

Fahrt nimmt die Sache im Jahr 2005 auf. Von König setzt zunächst auf Kaminholz und etabliert sich mit der Zeit als Lieferant („Brennholz-Zentrum Braunschweig“) in der Region. Er baut auf Dächern Photovoltaik-Anlagen, später investiert er in eine Biogasanlage. Eine steht heute in Beuchte, in Sichtweite des Hofes, und sorgt mit ihrer Abwärme dafür, dass 75 Häuser in dem Ort mit Wärme versorgt werden. Mit den Eigentümern schließt der Landwirt langfristige Verträge. „Jeder Einzelne hat mir eine Genehmigung erteilt, dass ich die Fernwärmerohre bei ihnen im Garten bauen darf. Das war nicht immer einfach, aber es hat sich gelohnt.“ Beuchte gilt heute als ökologisches Musterbeispiel – und als Bioenergiedorf.

Von König scheint auf den Geschmack gekommen zu sein. Nun steigt er in den Bau von Heizungsanlagen ein, die er mit Hackschnitzeln befeuern lässt. Das Material dafür lässt er sich unter anderem von den Forsten anliefern oder erhält es von den Kommunen. „Die Qualität ist durchaus unterschiedlich. Wir verarbeiten in der Regel nicht das Wertholz eines Baumes, wie den Stamm, sondern eher mindere Qualität. Holz und Rinde aus der Krone des Baumes.“ So würden sich auch Behörden bei ihm melden, die Straßen und Wege in Schuss halten müssten, um beispielsweise die Sicherheit für Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Auch das Holz von im Weg hängenden Ästen landet also zur Zerkleinerung auf von Königs Hof.

Um den Prozess der Verarbeitung – der Sortierung, Trocknung, Lagerung und Auslieferung – der Hackschnitzel kümmern sich von König und seine Mitarbeiter. Es sind nur eine Handvoll, hinzukommen ebenso viele Angestellte, die auf den Feldern arbeiten. Im Braunschweiger Stadtteil Rautheim hat der Landwirt ein Logistikzentrum gebaut, zudem mehrere Trocknungsanlagen in der Region.

Täglich machen sich Lkw von Beuchte aus auf, das zerkleinerte Holz erst zum Trocknen zu bringen, damit es später in diesem Zustand beim Kunden landet. „Wir haben einen Stamm von 3200 Kunden. Das sind nicht nur Hauseigentümer, die klimafreundlicher heizen wollen, sondern auch Vereine oder öffentliche Träger“, sagt er. Es sei ihm aber auch immer darum gegangen, sich mit dieser Technik ein stückweit von der weltweiten Abhängigkeit von Gas und Öl zu lösen. „Wir können garantieren, dass wir nicht nur eine umweltfreundlichere Wärmetechnik liefern, sondern mit unserem Angebot auch unterhalb des durchschnittlichen Preises von Gas und Öl liegen.“ An der Preisentwicklung dieser Rohstoffe orientiere sich auch sein Angebot. Die Kunden müssten das vergleichen können.

Die Kosten und das finanzielle Risiko für Bau und Wartung der 1000-kW-Hackschnitzel-Heizanlagen übernehme er, sagt von König. Daher würden Verträge mit Kunden eine lange Laufzeit beinhalten. „Mindestens zehn, aber eher 15 bis 20 Jahre“, so von König. Schließlich müssten sich die Investitionen in die Technik lohnen. Die Investitionssumme in eine Anlage beziffert er auf rund 150.000 Euro. Das müsse sich natürlich rechnen.

1500 Kubikmeter Tonnen „Hack“ lagern alleine in einer der großen überdachten hallenartigen Unterstände auf dem Gelände des Landwirts in Beuchte. Diese Menge entspreche umgerechnet 1200 Megawattstunden an produzierter Wärme. Damit könnte ein Jahr lang die Braunschweiger Waldorfschule mit ihren sechs Gebäuden und einer Schulhalle oder eine Klinik in Blankenburg beheizt werden.

Ganz zu schweigen von den Vorteilen, die die Technik mit Blick auf den Umweltschutz biete. „Wenn man den Wärmeeffekt der Hackschnitzel auf den Heizölverbrauch umlegt, liegt man bei rund 120.000 Liter“, sagt von König. Das energiepolitische Argument müsse in Zeiten von Fridays-for-Future immer eine Rolle spielen. „Es ist doch super, wenn sich die jungen Menschen heute Gedanken über die Endlichkeit unserer Ressourcen und die Zukunft unseres Planeten machen.“

Windkraftanlagen als neues Investment?

Auch der Unternehmer von König hat weitere Ideen, wie er das Portfolio seiner Dienstleistungs GmbH erweitern könnte. Er lässt durchblicken, dass er Interesse habe, in Windkraftanlagen zu investieren. Das wolle er aber gemeinsam mit den Bürgern seines Heimatortes machen und nicht gegen sie. „Die Windkraft ist wichtig, um sich weiter unabhängig von den fossilen, ressourcenverbrauchenden Energien zu machen. Aber sie wird oft sehr skeptisch gesehen“, sagt er. Nun lägen endlich, nach Jahren der Diskussion und der Bürgerbeteiligung, die Windkraft-Pläne des Regionalverbandes Braunschweig auf dem Tisch. „Es gibt auch hier in der Region rund um Beuchte ausgewiesene Flurstücke. Da geht es aber nicht um 50 Windräder, sondern vielleicht um acht bis zehn Anlagen.“ Das sei eine Zahl, die er auch als Investment spannend fände. Es wäre nun an der Zeit, mit allen Beteiligten einmal offen darüber zu sprechen, welche Vorteile das für den Ort haben könnte.

Clemens von König kommt nochmal auf das zurück, was ihn aktuell genauso umtreibt, wie die Frage der nachhaltigen Energiegewinnung. Auf das Wetter. Typisch, könnte man meinen. Menschen, die der Landwirtschaftsbranche nicht wohlgesonnen sind, sagen dann Sprüche auf wie: „Wieviele natürlichen Feinde hat der Bauer in Deutschland? Vier. Frühling, Sommer, Herbst und Winter.“ Heißt übersetzt: Es gibt immer was zu meckern.

Aber von König macht seine eigenen Erfahrungen, und dabei ist auch ein bisschen Aberglaube im Spiel. „Schön, dass Sie da waren“, sagt er zum Abschied. „Sie können gerne noch bleiben“, ergänzt er. Der Besuch auf seinem Gut in Beuchte stünde unter einem guten Stern, sagt er. „Sie haben Regen mitgebracht.“

Er guckt in den Himmel. Die Tropfen perlen an seiner schwarzen Jacke ab, an den schweren Arbeitsstiefel klebt der aufgeweichte Boden. Regen habe es in diesem Frühling und Frühsommer viel zu wenig gegeben. Das Klima ändere sich. „Mein Vater hat so eine Trockenheit wie in den letzten Jahren nicht in einem halben Jahrhundert erlebt.“ Dass das schuttweise angekarrte Holz auf seinem Hof jetzt nass wird, stört den Landwirt in diesem Moment überhaupt nicht. „Das bekommen wir schon trocken.“

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