Minister: Absolute Sicherheit? Dann muss ich Schulen zuschließen

Hannover.  Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne spricht im Interview über die Lehren aus Corona, über Reise-Rückkehrer und die Schule im Jahr 2040.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne im Interview mit unserer Zeitung.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne im Interview mit unserer Zeitung.

Foto: Marcus Prell

Mit einem Schuljahr wie keinem zuvor müssen angesichts von Corona auch in Niedersachsen Schüler, Lehrer, Eltern und Schulbehörden zurechtkommen. Mit Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sprachen im Ministerium Armin Maus und Michael Ahlers.

Herr Kultusminister, das Sozial- und Gesundheitsministerium in Hannover meldet seit Monaten die landesweiten Corona-Fälle. Wie kommen Sie eigentlich an die Zahlen für die Schulen, die Klassen oder Jahrgänge wegen Corona-Verdachts oder nachgewiesener Infektionen nach Hause schicken? Wenn das wie jüngst in Gifhorn Schüler an vier verschiedenen Schulen sind, ist das ja nicht ganz übersichtlich. Im Kreis Osnabrück schloss nun vorsichtshalber ein ganzes Gymnasium.

Wir bekommen tagesaktuell von der Landesschulbehörde berichtet, welche Schulen betroffen sind, über was für Fälle man da redet, wer nicht im Präsenzunterricht ist. Wichtig ist mir, dass es um ein Gesamtbild geht. Letzte Woche konnte man sehen, dass die Zahl der Schulen mit Einschränkungen ansteigend ist, aber dass die Eingriffe klein waren. Zumeist wurden einzelne Klassen aus dem Präsenzunterricht genommen, auch der ein oder andere Jahrgang. Aber selbst an den betroffenen Schulen sind dann zirka 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler oder mehr ganz normal zur Schule gegangen.

Mir ist Austausch über die aktuelle Lage wichtig, wir müssen nah am Geschehen sein. Ich habe daher mit den bildungspolitischen Verbänden vereinbart, dass wir gerade den Schuljahresanfang sehr eng begleiten. Ich habe in der vergangenen Woche außerdem zehn Schulen besucht, unter anderem eine betroffene in Gifhorn. Die Schule war als Europaschule ausgezeichnet worden, aber wir haben uns natürlich auch über die aktuelle Corona-Lage ausgetauscht. Wir werden diese Woche zudem die Schulleitungen einladen, die unmittelbar betroffen waren oder sind, um zu sehen, wie es konkret gelaufen ist. Auch beim Lernen zu Hause über digitale Medien. Denn dass auch zuhause gelernt wird, wird uns begleiten, solange das Virus da ist. Da muss Normalität in die Abläufe.

Sie haben gesagt, es war ein guter Start ins Schuljahr. War es das wirklich, angesichts der landesweiten Fälle von Corona-Verdacht und bestätigten Infektionen?

Ein ganz normales Schuljahr ist es auf keinen Fall. Alle Beteiligten werden vor große Herausforderungen gestellt. Wenn nach zehn Tagen Schule zirka ein Prozent der rund 3000 Schulen betroffen ist, dann ist das ein guter Schulstart. Wir sind noch nicht durchs Loch. Aber mit den Vorgaben und Vorbereitungen hat das offensichtlich gut funktioniert. Die allermeisten Schüler können wieder in den Präsenzunterricht. Und darum geht es.

Viele Schüler fühlen sich aber offenbar unwohl. Aus einer Berufsschule hieß es, wir sind nochmal vier Schüler mehr geworden und nun 28 in einem Raum. Können Sie Sorgen nachvollziehen?

Solche Fälle gibt es sicher, auch wenn es uns so nicht erreicht. In einem Treffen mit den Verbänden am vergangenen Freitag hieß es: Wir sind von Angst zu Sorge zu Vorsicht gekommen. Wenn man regelmäßig wieder zur Schule geht, nimmt das auch viel von dem Hemmnis. Ich glaube außerdem, dass der Hinweis auf grundsätzliche Regeln – Händewaschen, Niesen in die Armbeuge, Abstand außerhalb des Klassenraums – wichtig ist. Wer Vorerkrankungen hat, kann mit Attest auch zuhause bleiben. Ich höre aus vielen Schulen, dass es sehr diszipliniert zugeht. Es endet allerdings häufig in der Freizeit…

... und vorher am Schulbus, wo es das übliche Gedränge gibt...

Jeder sollte sich kritisch überprüfen. Wir wollen außerdem mit Kommunen und Verkehrsträgern schauen, wo man mit noch mehr Bussen nochmal entlasten kann.

Schon vor den Ferien scheint klar gewesen zu sein, dass das Pädagogische über die Virologie gesetzt wird. Der eingeschränkte Regelbetrieb wurde angekündigt. Sie haben auch gegen Masken im Unterricht vor allem pädagogisch argumentiert. Das heißt: Man nimmt Risiken in Kauf. Es gibt ja eine Dunkelziffer, es gibt kaum Testungen, und es gab offenbar kein aktives Rückkehrermanagement nach den Ferien….

Genau das haben wir doch immer gesagt: Es ist eine Abwägungsentscheidung. Wenn ich absolute Sicherheit möchte, dann muss ich die Schulen zuschließen und keinen reinlassen. Wenn ich Menschen zusammenkommen lasse, egal unter was für Vorkehrungen, bleibt ein Restrisiko, dass es zu Infektionen kommt. Das müssen wir sauber abwägen mit dem Recht auf Bildung. Zu Rückkehrern aus Risikogebieten: Ich habe immer betont, dass man ohne Freitestung in Schule nichts zu suchen hat. Fälle, in denen jemand das Virus mitgebracht hat, wird es trotzdem geben.

Es gab die Forderungen von Ärzteverbänden, wenigstens für zwei Wochen die Maske im Unterricht vorzuschreiben, es gab Forderungen von Schülervertretern, mit dem Wechselmodell zu starten statt mit dem Klassenmodell. Warum haben Sie nichts davon aufgenommen?

Weil wir den Start des eingeschränkten Regelbetriebes eng mit dem Sozialministerium und vor allem dem Landesgesundheitsamt rückgekoppelt haben. Basis waren die Infektionszahlen. Die Grundlage für Szenario B, in dem wechselweise nur die eine Hälfte der Schüler in die Schule geht und die andere zu Hause lernt, war nicht gegeben. Wir hoffen, dass das so bleibt. Uns nutzt der beste Schutz in der Schule aber nichts, wenn der am Nachmittag und an den Wochenenden pulverisiert wird. Und wenn Maske im Unterricht nötig wäre, dann müsste man konsequenterweise eher zu Szenario B zurückkehren. Abgesehen von den pädagogischen Gründen gegen Maske. Schule ist keine Betreuung.

Sie sagen, der Auftakt lief gut. Es gibt aber immer wieder Kritik an den baulichen Zuständen an Schulen und an den Möglichkeiten, die Hygienevorgaben umzusetzen. Es fehlen Waschbecken, es gibt Fälle, in denen Desinfektionsmittel fehlten. Es gab sogar eine Schule, die nach den Ferien nicht gereinigt war. Wieviel Kopfschmerzen macht Ihnen, dass da noch vieles im Argen liegt? Und welche Verabredungen gibt es mit den Schulträgern?

Auch dort werden wir immer Fälle finden, in denen es nicht zufriedenstellend gelöst ist. Jeder muss seine Hausaufgaben machen. Seife und Papierhandtücher und Desinfektionsmittel müssen sichergestellt sein. Es gibt auch viele Schulträger, die das vorbildlich lösen. Den Rahmenhygieneplan haben wir gemeinsam mit Landesgesundheitsamt und Kommunalen Spitzenverbänden erarbeitet. Die wussten, was auf sie zukommt. Debatten helfen uns da nicht. Wir haben einen Runden Tisch, da muss man dann unmittelbar eingreifen. Das gilt für den ÖPNV auch.

Gibt es Vorgaben, zum Beispiel: In 6 oder 12 Wochen wollen wir kein Fenster mehr haben, das nicht aufgeht? Es gibt außerdem angesichts des bevorstehenden Winters eine Debatte um Lüftungsanlagen. Gute sind nicht billig, die Rede ist von 4000 Euro, sie könnten aber laut Studien helfen.

Wir begleiten diese Debatte, auch in der Kultusministerkonferenz. Angesichts von mehr als 3000 Schulen wäre aber die Frage, wie schnell das verfügbar wäre. Wir brauchen handfeste Lösungen. Eine der einfachsten Antworten: Nach 20 Minuten Unterricht werden alle Fenster aufgemacht. Das werden wir im Zweifelsfall als Rahmen vorgeben. Auf so etwas werden wir uns einlassen müssen. Auch wenn man dann mal eine Jacke überziehen muss.

Wie stellen Sie sicher, dass sich Dinge wirklich bewegen?

Bei den Gesprächen am Runden Tisch reden wir darüber, was abgestellt werden soll. Der Rahmenhygieneplan sagt genau, wer für was Sorge zu tragen hat. Wenn es nicht getan wird, müssen wir im zweiten Schritt sagen: nun, liebe Leute, macht ihr das. Ich habe aber viele Rückmeldungen, dass die Schulen gut mit den Vorgaben arbeiten können. Wenn es nicht läuft, wird dem nachgegangen. Da sind wir wieder beim „sicher fühlen“. Schulen und Kollegien haben sich auf das Schuljahr gut vorbereitet. Ein Beispiel: 3700 Lehrer haben sich in der Sommerpause fortgebildet. Seit März waren mehr als 39.000 Lehrer in Fortbildungen zu digitalen Medien.

Wie weit ist Niedersachsen denn bei den Voraussetzungen für Digitales Lernen?

Das wäre ein Thema für eine Dissertation. Um ein Bild zu benutzen: Auf dem richtigen Weg mit einem hohen Tempo. Vor zwei, drei Jahren mehr Tempo wäre gut gewesen. Man hat die Lehren aus der Krise aber gut gezogen. Ein Beispiel: Wir haben uns im April mit Ländern und Bund hingesetzt und gefragt, wie wir Schüler ohne eigenes Endgerät ausgestattet bekommen. Wir haben uns Anfang Juli geeinigt und das dann in eine Richtlinie umgesetzt. Früher hätten wir wohl eineinhalb Jahre verhandelt. Dafür hat keiner Zeit. Mit dem Digitalpakt von Bund und Ländern, der keine Reaktion auf Corona ist, haben wir knapp 1200 genehmige Anträge. Das geht quer durch Niedersachsen. Ich sage: Holt das Geld ab und setzt es ein! Das Sofortausstattungsprogramm für Schüler ohne Endgeräte ist ausgeschöpft, 50 Millionen Euro haben wir im Eiltempo bewilligt. Die Geräte werden dann über die Schulträger beschafft und an die Schulen gegeben. Die wissen, wer das als Leihgerät braucht. Die anderen können weiter ihre Geräte einsetzen. Für die Schulträger soll es zur IT-Administration mehr Geld geben. 11 Millionen haben wir erst einmal für 2020 zusätzlich vorgesehen, weil wir wissen, dass mehr Technik an die Schulen kommt. Auch die Fort- und Weiterbildungen werden aufgestockt. Bei Geräten für Lehrer wird gerade verhandelt. Das soll alles in diesem Jahr umgesetzt werden. Insgesamt reden wir für Niedersachsen über 552 Millionen aus dem Digitalpakt und je 52,2 Millionen aus drei Nachträgen zum Digitalpakt, also dann über 670 Millionen Euro.

Wie weit sind Schulen konkret?

Es ist noch sehr unterschiedlich. Das Lernen mit digitalen Medien soll ja auch ein ergänzendes Mittel im Unterricht sein, kein ersetzendes. Kleine Anekdote aus dem Schulalltag: An einer Grundschule sagte man mir mal, „endlich haben wir den digitalen Igel“. Igel? (lacht) Die hatten im Sachkundeunterricht immer einen Igel an die Tafel gemalt und rangeschrieben: bitte nicht abwischen. Und nach der Pause war der Igel weg. Und jetzt gibt es den Igel halt digital….

Sie brauchen ja Digitalisierung aber nicht nur in der normalen Perspektive, sondern vielleicht auch wieder zum Notfallmanagement. Wenn man technisch weiter wäre und Ausweichräume hätte, könnte man den Unterricht für geteilte Klassen streamen. Da müsste niemand zuhause sitzen. Sie haben das Projekt „Bildung 2040“ auf den Weg gebracht. Wenn Sie mal versuchen, das mit Corona zusammenzubringen, welchen Weg sehen Sie für Schulen?

Wir haben demnächst genau dazu eine 2040-Veranstaltung: Was lehrt uns Corona mit Blick auf Schule 2040? Eine Schlussfolgerung ist die Bedeutung von Präsenzunterricht. Der hat eine immense Bedeutung für alles, was Bildung ausmacht. Das ist nochmal ganz deutlich geworden.

Also die Grenzen der Digitalisierung. Das setzt aber voraus, dass Lehrer zur Verfügung stehen. Es gab Schulen, die wegen Lehrermangels Probleme meldeten, zum neuen Schuljahr wenigstens den Pflichtunterricht sicherzustellen.

Natürlich ist das eine große Herausforderung. Die Einstellungsrunde ist gut gelaufen. Oft wurde ja der Untergang des Abendlandes prognostiziert, weil wegen der Rückkehr zum G9 der 13. Jahrgang an die Schulen kommt. Das ist nicht eingetreten. Wir haben gute Einstellungszahlen, zum Beispiel 95 Prozent Besetzungsquote bei den Grundschulen. Das war vor einigen Jahren ein großes Problem.

Die Unterrichtsversorgung ist allerdings im Gesamtschnitt weiter unter 100 Prozent, das sollten wir nicht ganz vergessen.

Es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen. Auch wenn die Zahl an sich nicht viel sagt. Unser Ziel ist es, möglichst viele Lehrkräfte einzustellen. Es werden seit einigen Runden deutlich mehr eingestellt als in den Ruhestand gehen. Das ist ein gutes Zeichen. Ohne den 13. Jahrgang würden wir über ganz andere, bessere Zahlen reden. Es reicht nicht, zugestanden. Daher müssen wir weitermachen und auch in Zukunft viele neue Lehrer einstellen und den positiven Trend fortsetzen.

Zur Person Grant Hendrik Tonne, Kultusminister:

Geboren 1976, Bad Oeynhausen

Nach dem Abitur 1995 absolvierte Tonne ein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Bremen, das er mit dem ersten juristischen Staatsexamen beendete. Auch das zweite Staatsexamen legte er ab. Danach war er bis 2017 als selbständiger Rechtsanwalt tätig.

Tonne trat 1996 in die SPD und bei den Jusos ein und war von 1999 bis 2002 sowie von 2006 bis 2007 Vorsitzender des Juso-Unterbezirks Nienburg/Weser.

Tonne gehörte dem Niedersächsischen Landtag bereits von 2008 bis 2017 an. Von 2013 bis 2017 war er Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion.

Nach der Landtagswahl 2017 wurde er Kultusminister im 2. Kabinett Weil.

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