Hacker-Angriff: „Unser Team ist über sich hinausgewachsen“

Braunschweig.  Zeitungs-Produktion nach dem Hacker-Angriff: Ein täglicher Kraftakt des gesamten Teams, um die Leser möglichst umfassend zu informieren.

In der sogenannten "Waschstraße" im Braunschweiger Pressehaus reinigen IT-Spezialisten die durch einen Hackerangriff verseuchten Computer der Mitarbeiter.

In der sogenannten "Waschstraße" im Braunschweiger Pressehaus reinigen IT-Spezialisten die durch einen Hackerangriff verseuchten Computer der Mitarbeiter.

Foto: Bernward Comes

Kein Redaktionssystem, keine Zugänge zu E-Mails oder zu Archiven; in der Druckerei gibt es keine Planungstools für die Rotationsmaschinen, die Übermittlung der fertigen Seiten an die Druckerei funktioniert nicht auf normalem Weg, weil auch diese Systeme nicht zur Verfügung stehen. Der Hacker-Angriff kurz vor Weihnachten auf die Funke Mediengruppe, zu der auch unsere Zeitung gehört, hat nach wie vor gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsalltag.

Und trotzdem: Es hat jeden Tag eine gedruckte Ausgabe unserer Zeitung gegeben. Die Online-Berichterstattung war aktuell und umfangreich. Doch unter welchen Bedingungen wird derzeit gearbeitet und produziert? Hier berichten Redaktion, Druckerei, Logistik und Vertrieb, wie sie trotz der nach wie vor lahmgelegten Systeme für Information der Leserinnen und Leser sorgen.

Chefredakteur Armin Maus: Unabhängig von Problemen unsere Leser informieren

„Die wichtigste Aufgabe ist, die Information unserer Leser aufrechtzuerhalten. Und zwar völlig unabhängig von den Problemen, die wir haben. Die Information der Menschen in der wichtigsten Industrie- und Wissenschaftsregion Norddeutschlands, das ist keine Sache, die vom Gutdünken irgendwelcher Hacker abhängen darf“, betont Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung. Insbesondere die Print-Ausgabe sei eine große Herausforderung, weil wirklich alle Systeme vom Hacker-Angriff betroffen waren und es noch sind. Aber: Es sei gelungen, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten.

Mehr lesen: Hacker-Angriff auf Funke Mediengruppe: Die wichtigsten Infos

Geschäftsführer Claas Schmedtje: „Beispiellose Notlage“

Wie ernst die Lage war und ist, unterstreicht auch Claas Schmedtje, Geschäftsführer von Funke Medien Niedersachsen. „Der Angriff hat uns in eine beispiellose Notlage gebracht. Ohne Zugriff auf die Vielzahl unserer Computersysteme in allen Unternehmensbereichen hing das Erscheinen der Zeitung dabei am seidenen Faden. Dank der außergewöhnlichen Einsatzbereitschaft des gesamten Teams gerade über die Festtage sind wir aber doch an jedem Tag erschienen, wenn auch stark eingeschränkt im Umfang und Inhalt. Das war und ist nur möglich, weil sich alle solidarisieren und mit anpacken - und wir dabei auch auf Fachkenntnisse und Fähigkeiten zurückgreifen können, die unter gewöhnlichen Umständen mit funktionierenden Computersystemen gar nicht mehr benötigt und eingesetzt werden. Unser Team ist über sich hinaus- und noch weiter zusammengewachsen. Wir sind alle sehr froh, dass wir unseren Kundinnen und Kunden in Kürze wieder die gewohnte Leistung bieten können - für ihre Geduld und Solidarität sind wir sehr, sehr dankbar“, betont Schmedtje.

Viele Leserinnen und Leser zeigen Verständnis - Danke!

„Ich bin ausgesprochen dankbar, dass die Leserinnen und Leser Verständnis gezeigt haben, dass dieses Angebot natürlich nicht dem entspricht, was wir normalerweise liefern würden“, erklärt Chefredakteur Armin Maus. Dieses Feedback der Leser habe er über ganz unterschiedliche Kanäle bekommen. Und nicht nur er.

Redakteure zum Beispiel werden beim Einkaufen im Supermarkt angesprochen und aufgemuntert, Doris Baum, Sekretärin der Braunschweiger Lokalredaktion, wird vielfach angerufen, um Informationen gebeten, oft wird ihr Mut zugesprochen. „Heiligabend hatte ich zum Beispiel um 7.45 Uhr den ersten Anruf“, berichtet Doris Baum, die übrigens ebenso wie die meisten anderen Mitarbeiter angesichts der Corona-Krise bereits seit März im Home-Office arbeitet. „Ich erkläre den Lesern, was passiert ist, stehe Rede und Antwort. Die meisten sind sehr verständnisvoll und drücken uns die Daumen.“ Und wenn sie im Kiosk eine Kundin die Inhaberin fragen hört, ob denn „die Braunschweiger Zeitung noch immer so dünn sei“, mischt sie sich kurzerhand ein, erklärt und wirbt um Verständnis.

Nicht nur Doris Baum treibt die schwierige Situation „ihrer Zeitung“ auch in der Freizeit um. Auch ihren Braunschweiger Lokalchef, Henning Noske, beschäftigt es, wie seine Kolleginnen und Kollegen überall in der Region, annähernd rund um die Uhr. „Durch die Corona-Krise ist auch die gesamte Lokalredaktion im Home-Office. Und jetzt erleben wir als Folge des Hacker-Angriffs als Zeitung auch noch diese Katastrophe. Das ist ein Doppel-Schock“, sagt er. Jeder Mitarbeiter habe bisher Dienstrechner zu Hause zur Verfügung gehabt, „jetzt arbeiten viele auf privaten Rechnern, über das private W-LAN, die private E-Mail-Adresse“.

Kein Redakteur hat Zugriff auf seine dienstlichen E-Mails, über Umwege und mit Hilfe der Online-Kollegen werden die Texte online veröffentlicht, Grafiker helfen bei der Produktion der Notfall-Seiten, um so eine gedruckte Zeitung zu erstellen. „Es ist beschwerlich, aber es klappt wenigstens“, schildert Noske den neuen Arbeitsalltag.

Dennoch sei die Situation „zutiefst zermürbend und unbefriedigend“. „Wir wollen ja die Leser informieren. Bei Corona ist uns das 300 Tage lang gelungen, und nun können wir oft nicht aktuell arbeiten. Alles geht buchstäblich durch ein Nadelöhr“, sagt Noske. Alle wollen sich dennoch beweisen, helfen. Doch manchmal geht es einfach nicht – weil die private Technik streikt, oder weil schlicht und einfach die Mails zu groß sind und nicht gesendet werden oder die Tastatur des privaten Rechners spinnt. Ein Segen sei in diesen Tagen, dass sich das gesamte Haus schon vor Monaten mit Beginn der Corona-Pandemie umorganisiert habe. Konferenzen und Absprachen finden per digitaler Werkzeuge statt.

Reinigung von möglicherweise infizierten PCs ist ein Kraftakt

Nicht nur Henning Noske ist begeistert von der Flexibilität und der Hilfsbereitschaft des gesamten Teams. Auch Chefredakteur Armin Maus sagt: „Ich bin dankbar dafür, dass die Kolleginnen und Kollegen so engagiert und pflichtbewusst sind. Sie hängen sich total rein, überall in der Funke Mediengruppe. Das ist in der Funke Zentralredaktion Berlin so, bei der Redaktionstechnik oder Funke Digital, bei den IT-Kollegen natürlich ganz besonders. Der Wiederaufbau unserer Systeme ist eine gewaltige Aufgabe. Allein, dass die Reinigung tausender potenziell mit Schadsoftware infizierter Rechner so gut vorankommt, beeindruckt mich sehr. Die Kaufleute, die Anzeigenleute – da macht jeder wirklich das, was er kann mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen.“

Lokalausgaben, wie sie normalerweise produziert würden, könnten derzeit nicht erstellt werden, weil die IT-Steuerung in der Druckerei fehlt und die Redaktion und ihre Unterstützer weit weniger Seiten schaffen können als normal. Am Horizont wird es allerdings heller. „Wir zählen die Tage“, sagt Maus.

Die durch den Hackerangriff bedingten gravierenden Auswirkungen auf die tägliche Produktion bestätigen auch Bernd Spieß als Geschäftsführer und Rainer Härtl als Redaktionsleiter der im Landkreis Göttingen (Altkreis Osterode am Harz) erscheinenden Tageszeitung Harz Kurier, die ebenfalls zur Funke Mediengruppe gehört. Beide loben das hohe Engagement der gesamten Mannschaft. „Nach den ersten beiden Notausgaben vor dem Weihnachtsfest konnte durch die hohe Flexibilität und das große Engagement aller im Home-Office arbeitenden Redakteurinnen und Redakteure in der Woche zwischen den Jahren die Anzahl der Lokalseiten kontinuierlich gesteigert werden“, erklären Spieß und Härtl. „Da dies jedoch nur einen Teil des üblichen Lokalteils bedeutet, versuchen wir, unserer Leserschaft auf den Seiten, die täglich produziert werden können, eine breite Themenpalette aus allen fünf Lokalredaktionen zu bieten", so Härtl. „Parallel sind alle lokalen Beiträge auf unserer Webseite zu lesen - auch diejenigen, die nicht den Weg in die Printausgaben schaffen.“

Trauernde können sich mit Behelfsadresse an die Zeitung wenden

Unter den besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie ist es für Unternehmen besonders wichtig, werben zu können. Die Mitarbeiter der Vermarktung nahmen sofort nach dem Ausfall Kontakt zu den Kunden auf, um die nicht mehr zugänglichen Anzeigenvorlagen noch einmal ins Haus zu holen. Weil der komplexe Prozess der Anzeigenproduktion im Augenblick nicht arbeitsteilig laufen kann, kümmern sich Mitarbeiter darum, die eigentlich ganz andere Aufgaben haben.

Vermarktungschef Constantin Cordts war es ein Anliegen, trauernde Menschen nicht alleinzulassen. „In Corona-Zeiten ist es für die Menschen besonders schlimm, dass sie nicht auf gewohnte Weise von ihren verstorbenen Lieben Abschied nehmen können. Wir wissen aus Gesprächen mit Bestattern, dass es für viele Menschen eine unglaubliche Belastung darstellt, die sich nun noch verschlimmert hatte, weil nicht einmal mit einer Anzeige der Freundes- und Bekanntenkreis über den Verlust informiert werden konnte. Also haben wir uns zunächst über private Mailadressen die Anzeigen zusenden lassen und nach nur zwei Tagen ermöglicht, dass Traueranzeigen und Danksagungen wieder erschienen sind.“ Inzwischen steht die Behelfsadresse Bztrauer@gmx.de zur Verfügung.

Bernd Spieß vom Harz Kurier unterstreicht: „Eine Tageszeitung besteht nicht nur aus Texten und Fotos. Deshalb sind alle Mitarbeiter der Funke Harz Kurier GmbH unermüdlich und hochmotiviert im Einsatz, um beispielsweise das Schalten von Anzeigen, nicht zuletzt der Familienanzeigen, weiterhin zu ermöglichen.“

Herausforderung auch für das Braunschweiger Druckzentrum

Wie groß die Herausforderung auch für die Mitarbeiter des Druckzentrums Braunschweig ist, schildert Produktionsleiter Jörg Kamlah: „Die Daten für die Seiten bekommen wir über eine Fritz-Box, wir fahren und bestücken die Druckmaschine manuell.“ Auch die riesigen Papierrollen, die normalerweise vollautomatisch zur Rotation gelangen, müssen manuell angefordert werden. Der zusätzliche Planungsaufwand für die Mitarbeiter sei enorm. Und: „Normalerweise haben wir für den Produktionsprozess ein Backup, jetzt hängt alles am seidenen Faden. Streikt ein Laptop oder gibt die Fritz-Box ihren Geist auf, geht es nicht mehr.“ Aber auch hier: „Alle sind top engagiert, hängen sich rein“, berichtet Kamlah nicht ohne Stolz. Noch sei aber auch der Produktionsprozess in der Druckerei weit von der Normalität entfernt.

Es geht vorwärts – der Umfang der Zeitung wächst wieder

Dennoch geht es vorwärts: Was in den ersten Tagen nach dem Hacker-Angriff mit einer absoluten Notausgabe begonnen hatte, wächst nun kontinuierlich. „Wir sind inzwischen beim Dreifachen dieses Umfanges angekommen“, sagt Chefredakteur Maus. Und das mit den Produktionsmitteln, wie er mit einem gequälten Lächeln sagt, „einer anständigen Schülerzeitung“. Eine große Hilfe sei bei der Produktion die Arbeitsteilung bei Funke. Politikseiten zum Beispiel werden von der Funke Zentralredaktion aus Berlin geliefert.

Wie sehr sich auch die Kollegen in Berlin dafür einsetzen, dass trotz aller Probleme Print-Ausgaben erscheinen, bringt Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke Zentralredaktion Berlin, auf den Punkt: „Als hätte Corona nicht gereicht! Aber weder von echten noch von digitalen Viren lassen wir uns in der Zentralredaktion unterkriegen und produzieren dank der Gastfreundschaft unserer Kollegen bei Raufeld Medien die Mantelseiten für die Braunschweiger Zeitung. Ich bin sehr stolz auf unser Team, ohne dessen Engagement ein Tag vor Weihnachten keine Zeitung erschienen wäre.“

Komplizierte Kommunikation

Wer liefert was? Welche Lokalredaktion plant welche Geschichte? Was wird wo platziert? Die Fäden für die Planung der Ausgaben laufen am Desk in Braunschweig zusammen. Jacqueline Carewicz ist als Chef vom Dienst (CvD) Print verantwortlich dafür, dass das Zusammenspiel von Lokalreportern und den Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur klappt. Und das alles ohne die sonst ineinander greifenden IT-Systeme von Redaktion und Verlag. „Die Kommunikation ist sehr kompliziert“, schildert sie. Unzählige Telefonate, Rückfragen per (privater) Mail, Slack oder Mattermost sind nötig. Aber auch sie freut sich, dass es vorwärts geht. Auch wenn der Druck für alle groß sei, dazu die Arbeitswege absolutes Neuland – alle seien „unfassbar flexibel, bewahren einen kühlen Kopf und fassen da mit an, wo sie helfen können“. Ja, die Situation sei aufreibend. Aber am Ende des Arbeitstages, wenn die Seiten trotz aller Unwägbarkeiten und Probleme fertig produziert seien, dann sei es auch ein gutes Gefühl.

Einen kühlen Kopf behielten gleich nach dem Hacker-Angriff auch die Verantwortlichen und Mitarbeiter des JHM-Verlags, der ebenfalls zur Funke Mediengruppe gehört. „Wir haben Grafiker bei uns, die die Tageszeitung per InDesign produzieren konnten“, erklärt Marco Schneider, Leiter Herstellung bei JHM. Schneider kümmerte sich darum, dass alle Beteiligten Kontakt zueinander aufnehmen konnten, sorgte für den Kontakt zur Druckerei und klärte, wie die Daten dorthin gelangen. „Ich habe viel telefoniert, alles mühsam zusammengeholt“, erklärt Schneider. Die Agenturen Regios24 und Regiopress helfen, die gestiegene Seitenzahl zu bewältigen.

Christian Klose, Stellvertreter des Chefredakteurs der Braunschweiger Zeitung und überall präsent, wo es brennt, ergänzt: „Wir haben gemeinsam die Steuerung der Produktion übernommen, die Anzeigen, die wir gefunden haben, zusammengesammelt und in Handarbeit Spiegel für die Ausgaben erstellt, also die Umfänge geplant.“ In den ersten Tagen hätte das Team so die Produktion „freestyle“ hinbekommen. So mühselig das zunächst auch gewesen sei: „Es ging von Tag zu Tag besser und es entstanden schnell Strukturen.“ Inzwischen haben die Fachleute der Blattplanung die Produktionssteuerung in wesentlichen Teilen wieder übernommen.

Wie viele Zeitungen werden gebraucht? Wie viele müssen verteilt werden?

Dass diese Ausgaben dann auch zu den Lesern kommen, ist ebenfalls noch immer keine Selbstverständlichkeit. „Wir haben keine Vertretungs- und Revierlisten“, beschreibt Andreas Hohmann, Leiter Logistik. Wie viele Zeitungen werden gebraucht, wer bekommt sie? Die Daten kamen teilweise von Dienstleistern, teilweise gab es noch Ausdrucke. Improvisation war und ist alles. Knapp 100 Fahrzeuge von Speditionen mussten in den ersten Tagen zur Fremddruckerei umgeleitet werden, die einsprang, weil das Druckzentrum in Braunschweig zunächst völlig lahmgelegt war. Die Zeitungspakete wurden teilweise von Hand gepackt, die Zusteller mussten in den ersten Tagen oft lange warten, bis die Zeitungen kamen. „Heiligabend haben die Zusteller teilweise um 11, 12 und 13 Uhr noch ausgetragen“: Hohmann ist beeindruckt vom Einsatz seiner Mitarbeiter.

Schwierig gestaltet sich übrigens auch die Kommunikation mit unseren Lesern. „Wir haben noch keinen vollständigen Systemzugriff, können nicht mit unseren Kunden kommunizieren“, schildert Elisabeth Albers, Vertriebsleiterin. Weil es keinen Zugriff auf die E-Mail-Systeme gibt, erreichen Kundenanliegen die Mitarbeiter nicht. Daher bitte sie noch ein wenig um Geduld und Verständnis.

Verlagsleiterin Nancy Klatt: „Das hat uns weiter zusammengeschweißt“

Die gesamte Funke Mediengruppe zeige ein großes Maß an Flexibilität und Kampfbereitschaft. „Das, was wir hier gerade gemeinsam schaffen, ist alles andere als selbstverständlich“, sagt Maus. Das bestätigt auch Nancy Klatt, Verlagsleiterin Funke Medien Niedersachsen: „In der Krise zeigt sich, dass wir wirklich flexibel und schnell reagieren. Das hat uns weiter zusammengeschweißt und stärkt uns für die Zukunft.“

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