Die Stunde der Diplomatie

„Wie weit sich dieses Konflikt-Szenario verschärfen kann, ist derzeit unabsehbar.“

Die Welt kann aufatmen – zumindest ein bisschen. Die große Eskalationsspirale zwischen Amerika und dem Iran ist ausgeblieben. US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch auf markige Worte und gefährliche Muskelspiele verzichtet. Nach den iranischen Raketenangriffen auf zwei Militärbasen im Irak, die auch von amerikanischen Soldaten benutzt wurden, hat Trump für seine Verhältnisse erstaunlich gemäßigt reagiert.

Dennoch ist all dies nur eine Atempause. Keine Seite will zusätzliches Öl ins Feuer gießen. Doch Washington und Teheran verfolgen diametral entgegengesetzte Interessen. Weitere Zusammenstöße sind daher unausweichlich.

Trump hat deutlich gemacht, dass er iranische Atomwaffen unter keinen Umständen akzeptieren werde. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China sollten – wie die USA – aus dem Atomabkommen aussteigen. Vor diesem Hintergrund will Trump zusätzlichen Druck aufbauen und die Wirtschaftssanktionen verschärfen. Der Iran verfolgt hingegen das Ziel, die amerikanischen Truppen aus dem Nahen Osten zu vertreiben.

Wie weit sich dieses Konflikt-Szenario verschärfen kann, ist derzeit unabsehbar . Wann – wenn nicht jetzt – schlägt die Stunde der Di­plo­matie? Warme Worte, eindring­liche Appelle, die große Arie des „Hätte, könnte, sollte“ reichen nicht mehr. Warum reisen die Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien samt ihrer Außenminister nicht in einer diplomatischen Last-minute-Mission erst nach Teheran und dann nach Washington?

Die Auseinandersetzung muss sich weg von Waffen und hin zu einem politischen Prozess bewegen. Vor allem müssen die Iraner dazu gebracht werden, nicht aus dem Atomabkommen auszusteigen. Dazu brauchen sie auch Anreize – so funktioniert Politik.

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