Stolz auf dieses Land

„Dies ist ein starkes Land. Hier nehmen Menschen in der Krise ihre Verantwortung wahr, quer durch Strukturen und Hierarchien.“

„Jedes Handeln birgt Risiken. Aber sie sind viel geringer als die langfristigen Kosten des Nichtstuns.“ John F. Kennedy

Wie gut schlägt sich unser Land im Kampf gegen das Coronavirus? Die Antwort ist nicht leicht zu geben. Aus heutiger Sicht dauerte es zu lange, bis das öffentliche Leben zur Ruhe kam. Die Bundesregierung lag mit ihren Appellen richtig, hat aber kein Durchgriffsrecht. Der Föderalismus garantiert auf vielen Politikfeldern die Entscheidungsfreiheit der Bundesländer; unsere Verfassung hat damit eine wirksame Sicherung gegen Führerprinzip und zentralstaatliche Extreme eingezogen. Sie behält ihren Sinn, birgt aber Gefahren, wenn die Länder nicht zum Miteinander finden, wenn es unabdingbar ist.

Oft beklagt ist ihr Unvermögen, in Deutschland Bildungsstrukturen zu vereinbaren, die den Umzug von einem Bundesland ins andere nicht zum Risiko für Schulkarrieren werden lassen. Im Zeichen von Corona ersparte Bundeskanzlerin Merkel den Ländern in letzter Minute einen Skandal: Das Durcheinander der Beschränkung des öffentlichen Lebens hätte keinen Tag länger andauern dürfen.

Wenn die Berichte stimmen, dass NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit seinem bayerischen Kollegen Markus Söder wegen dessen Verschärfungsmaßnahmen aneinander geriet, wäre an das Dichterwort zu erinnern „Welch edler Geist ist hier zerstört“. Man muss Söders Politikstil nicht mögen. Aber es ist absurd, einen Regierungschef dafür zu tadeln, dass er früher als andere das Richtige tat. Es scheint ja nicht so gewesen zu sein, dass der Konsens der Länder leicht herzustellen war und Söder nur zu doof war, einfach mal was zu sagen.

Mit dem Shutdown ist viel dafür getan worden, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Wie gut die Maßnahmen wirken, kann heute noch niemand sagen. HZI-Chef Prof. Dirk Heinz, der sich wie seine Kollegen durch Ruhe, Seriosität und differenzierte Aussagen auszeichnet, hat zurecht zur Geduld gemahnt. Es ist auch für Laien nachvollziehbar: Was die Verringerung der Kontakte bewirkt, lässt sich frühestens nach der Inkubationszeit von Infektionen ablesen, die sich Menschen während der Zeit eingefangen haben, als wir alle noch viel sorgloser mit dem Risiko umgingen.

Die Sorglosigkeit ist vollständig von diesem Land gewichen. Begegnungen im Treppenhaus werden zum Wettbewerb, wer sich schmaler macht. Menschen wechseln die Straßenseite, wenn sie einen Mitbürger auf Gegenkurs sehen. Auf dem verlassenen Spielplatz bleicht der einsame Plastikball in der Sonne. Alle warten bange, wann die Infektionswelle wohl die eigenen Kollegen, das eigene Viertel, die eigene Familie erreicht.

Seit Jahrzehnten war nicht mehr so viel Angst in den Gesichtern. Nie war Fürsorge so wichtig und selten war sie schwieriger zu leisten. Wer heute für einen alten Mitbürger einkaufen geht, ist in der Tat ein Held des Alltags, wie Bundespräsident Steinmeier sagt. Die Initiativen, täglich werden sie mehr, leisten unschätzbare Dienste. Das selbe ist über Kassiererinnen, Ärzte, Pfleger und Sprechstundenhilfen zu sagen. Wer die furchtbaren Berichte aus Spanien liest, wo Senioren in Heimen ihrem Schicksal überlassen blieben, der weiß, was wir unseren Einrichtungen und ihren Beschäftigten zu danken haben.

Helden eigener Art sind auch Hunderttausende von Geschäftsinhabern, Wirten und Freiberuflern, die sich im Kampf gegen den Ruin nicht nur auf den Staat verlassen, sondern kreativ versuchen, weiter für ihre Kunden dazu sein – mit Außer-Haus-Verkauf, Versandhandel, besonders gesichertem Praxisbetrieb. Selten war es so leicht, einen Facharzttermin zu bekommen. Niemand muss sich schämen, wenn er diese Gelegenheit nutzt.

Der Vergleich mit Südeuropa mag hinken, denn bei uns hat die Infektionswelle ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Aber: Wie Kommunen und Ärztevereinigungen, Abgeordnete und Behörden aus Bund und Land, Unternehmen, Betriebsräte und Gewerkschaften und viele andere mehr dafür sorgen, dass in der Krise das Notwendige geschieht – das kann und sollte uns stolz machen. Falls es gelingt, die negativen Folgen des Virus für Gesundheit und Wohlstand gering zu halten, hat das auch mit der harten Arbeit der vergangenen Wochen zu tun.

Vielleicht ist es nur ein guter Zufall, dass Nörgler, Pöbler, Trolle und Denunzianten im Internet gegenwärtig einfach mal den Mund halten. Vielleicht steckt dahinter aber auch Erkenntnis. Dies ist ein starkes Land. Hier nehmen Menschen ihre Verantwortung wahr, quer durch Strukturen und Hierarchien. Es ist, als hätte die Krisenflut die Sedimente fortgerissen und wieder für jedermann sichtbar gemacht, welche Kraft unser Gemeinwesen besitzt.

Wer allerdings glaubt, die Schlacht sei gewonnen, der hat sie schon verloren. Wir alle müssen unsere Kontakt-Disziplin hoch halten. Und die Analyse der Corona-Festigkeit unserer Krankenhäuser ergab ein Bild, das zwischen Beruhigung und Alarm steht. Vielerorts sind die Häuser gut gerüstet oder dabei weit fortgeschritten. Wenn aber in Landkreisen offensichtlich zu wenige Intensivbetten zur Verfügung stehen, muss gehandelt werden. Da kann es keinen Rabatt geben, weder für angeschlagene Krankenhausträger noch für privatwirtschaftlich ausgerichtete. Der Versorgungsauftrag darf in Ausnahmesituationen weniger denn je unter den Vorbehalt der Rentabilität stehen.

Unser Land ist nicht dazu verdammt, in dieselbe Not zu geraten wie Norditalien. Aber wir müssen gerüstet sein. Es ist die menschenfreundliche Variante des lateinischen Sprichworts „Si vis pacem, para bellum“ – wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.

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