Nach Schüssen und Leichenfund: Ein Viertel steht unter Schock

Lebenstedt.  Ein SEK-Einsatz, zwei Tote: Die Bewohner des Fredenbergs in Salzgitter wehren sich gegen eine Verurteilung als „Problemquartier“.

Ein Mann verbarrikadierte sich in einer Wohnung in diesem Block in Lebenstedt. Er bedrohte Polizisten, Spezialkräfte stürmten die Erdgeschosswohnung und erschossen ihn. Tage zuvor soll er einen 22-Jährigen getötet haben, dessen Leiche Ermittler am Donnerstagabend gegen 21.30 Uhr fanden. Erik Westermann

Ein Mann verbarrikadierte sich in einer Wohnung in diesem Block in Lebenstedt. Er bedrohte Polizisten, Spezialkräfte stürmten die Erdgeschosswohnung und erschossen ihn. Tage zuvor soll er einen 22-Jährigen getötet haben, dessen Leiche Ermittler am Donnerstagabend gegen 21.30 Uhr fanden. Erik Westermann

Foto: Erik Westermann / BZV

Im zentralen Einkaufszentrum am Fredenberg ist am Freitagmorgen äußerlich alles normal: Menschen hasten inmitten hoher Mehrfamilienhäuser aus vergangenen Jahrzehnten durch Kälte und leichten Schneegriesel zu den Geschäften. Wer nicht weiß, dass zwei Tatorte nur wenige Meter entfernt liegen, würde nichts davon ahnen. Doch unter der Oberfläche sieht es anders aus.

Zwischen Schock und Unglauben

Ein SEK-Einsatz, zwei Tote: Die vorherrschende Stimmungslage am Freitag unter den Menschen am Fredenberg schwankt zwischen Schock und Unglauben. „Die meisten Kunden können es nicht fassen“, sagen zwei Mitarbeiterinnen eines der Geschäfte. Beide leben seit Jahren in dem Quartier, das zu Lebenstedt gehört – und doch so etwas wie ein eigener inoffizieller Stadtteil ist.

Ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. So, wie alle Menschen, die man hier anspricht. Die Vorfälle vom Donnerstag sind das beherrschende Thema. Doch unsicher, sagen alle Gesprächspartner, fühlten sie sich hier nicht. Die Großwohnsiedlung aus den 1960er und 1970er Jahren mit mehreren tausend Einwohnern galt lange als „Problemviertel“. Russischstämmige und Deutsch-Türken lagen sich in den Haaren. Dann floß viel Geld in die Sanierung. Es wurde ruhiger. Inzwischen gibt es eher Herausforderungen als alltägliche Gewalt.

„Brennpunkt“-Charakter

Immer mehr Flüchtlinge zogen in das Quartier. Unzählige Nationen leben hier auf engem Raum. Einige Schulen haben „Brennpunkt“-Charakter. Aber das Verbrechen hier an der Tagesordnung wären, sei mitnichten so, sagt eine langjährige Fredenbergerin Ende 50. „Das sind Einzelne, die durchdrehen.“ Sie fürchtet, das Viertel gerät in Verruf. Wie die ganze Stadt.

Zwei Leichen an einem Tag, in zwei der vielen mehrstöckigen Wohnblocks, im Abstand von wenigen hundert Metern: unter den Anwohnern kursieren viele Gerüchte. Zu den Fakten dahinter ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft. Doch Gerüchte verdichteten sich am Freitag: Es soll sich bei dem zweiten Toten in der Wohnung Einsteinstraße um einen 22-jährigen Mann handeln, der seit dem 6. April als vermisst gemeldet wurde. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus. Die Eltern des Vermissten äußerten sich in sozialen Netzwerken im Internet aber bereits selbst in diese Richtung.

28-Jähriger unter Mordverdacht

Der 28-Jährige, den Spezialkräfte der Polizei im Hans-Böckler-Ring erschossen, soll den Jüngeren laut Staatsanwaltschaft Braunschweig vor Tagen getötet haben. Wie, wissen die Ermittler noch nicht. Ob es um Betäubungsmittel oder Schulden ging, wie viele Fredenberger sagen, ist unklar. Der Ältere steht nach verbürgten Informationen in Verbindung mit dem Drogenmilieu. Streetworker und Suchtberater Gianluca Calabrese kennt die Szene. „Fredenberg gehört in dieser Hinsicht zu einem von mehreren Brennpunkten in Salzgitter.“

Mehrere Gewaltverbrechen

Zuletzt hatten mehrfach Gewaltverbrechen die Stadt erschüttert. Im Januar etwa erschoss ein 33-jähriger Syrer einen 25 Jahre alten Iraker. Der Muslim soll mit der Liebesbeziehung des Christen zu seiner Schwester nicht einverstanden gewesen sein.

Im Geschäft neben den alteingesessen Fredenbergerinnen im Einkaufszentrum des Viertels, arbeitet seit kurzem eine Frau, die im Harz lebt. Sie sagt: „Es ist erschreckend, was man aus Salzgitter so hört.“

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