Islamisten-Prozess: Angeklagter bricht sein Schweigen

Celle.  Im Abu-Walaa-Prozess bestreitet der Duisburger Hasan C., junge Gläubige radikalisiert und nach Syrien geschickt zu haben.

Einer der Angeklagten (rechts) – Hasan C., steht mit seinem Verteidiger  im Oberlandesgericht.

Einer der Angeklagten (rechts) – Hasan C., steht mit seinem Verteidiger im Oberlandesgericht.

Foto: Ole Spata / dpa

An dem Tag, an dem Hasan C. sein Schweigen abermals bricht, trägt er ein schwarzes Jackett und eine schwarze Krawatte über einem hellblauem Hemd. Zusammen mit den anderen Angeklagten, betritt er den Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts in Celle, er geht langsam, den Blick starr geradeaus gerichtet. Doch statt wie an den Prozesstagen zuvor hinter einer Scheibe aus Panzerglas Platz zu nehmen, kommt er an den Zeugentisch, um sich den Fragen der Richter zu stellen.

Er spricht ruhig, auf Türkisch. Es sind meist lange Sätze, ausschweifende Erklärungen. Doch manchmal antwortet er auch knapp. „Ich war nie ein Dschihadist“, sagt er. Anfang 2015 habe er zwar Sympathien für die Terrormiliz IS gehabt. „Doch niemals habe ich in der Organisation mitgearbeitet.“

Zweieinhalb Jahre, seit Beginn des Prozesses vor dem Oberlandesgericht in Celle, hat Hasan C. Aussagen gegen ihn häufig weggelächelt. Er hat den Kopf geschüttelt oder die Arme gehoben, so immer wieder den Eindruck vermittelt, als finde er den ganzen Prozess absurd. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 54-Jährigen vor, den IS unterstützt zu haben. Im Hinterzimmer seines Reisebüros in Duisburg soll er radikal-islamische Inhalte gepredigt, junge Männer für die Terrormiliz geworben und ihnen bei der Ausreise nach Syrien oder den Irak geholfen haben – als Teil eines überregionalen dschihadistischen Netzwerks mit dem Hildesheimer Prediger Abu Walaa an der Spitze. Der sogenannte Tempelbomber aus Essen war bei Hasan C. im Unterricht, bevor er im April 2016 einen Sprengsatz vor dem Sikh-Tempel platzierte. Die „Terror-Zwillinge“ Mark und Kevin K. sollen ebenfalls bei ihm gewesen sein. 2015 kamen sie bei einem Selbstmordattentat im Irak ums Leben und rissen dabei mehr als 150 Menschen in den Tod. Und auch von Anis Amri, dem Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, wird gesagt, er habe Kontakte zu dem Türken aus Duisburg gehabt. Doch Hasan C. bestreitet, seine Schüler radikalisiert zu haben. „Ich habe niemals ideologischen Unterricht erteilt“, sagt er vor Gericht. „Die Personen waren ohnehin schon mit vorgefassten Ideologien zu mir gekommen.“

Dass Hasan C. nun redet, kam für die Prozessbeteiligten überraschend. In der vorigen Woche, am 175. Prozesstag, kündigen die Richter an, dass sie die Beweisaufnahme in Kürze schließen wollen. Da meldet sich Hasan C. zu Wort. Er verliest eine Erklärung, in der er alle Vorwürfe gegen ihn bestreitet. Er erklärt sich auch bereit, Fragen zu seiner Person und den Tatvorwürfen zu beantworten. Sein Mandant sei zweieinhalb Jahre mit den Lügen des Kronzeugen Anil O. konfrontiert worden, sagt der Anwalt des 54-Jährigen, Ali Aydin. Jetzt habe er den Glauben verloren, dass sich alles noch aufklären ließe. Man könnte auch sagen: Er hat ohnehin nichts mehr zu verlieren.

Hasan C., der in der Türkei geboren wurde, seine Imam-Ausbildung machte und zwischenzeitlich sogar in Saudi-Arabien studierte, wird von vielen seiner Schüler hochachtungsvoll „Hasan Hoca“ genannt, ein islamischer Gelehrter, der anderen Arabisch beibringt und wie man den Koran rezitiert. Einiger dieser Schüler haben das vor Gericht bestätigt: Von radikalen Inhalten wollen sie nichts mitbekommen haben. Doch es gibt auch andere wie den Kronzeugen Anil O., der die Angeklagten mit seinen Aussagen schwer belastet. Aussagen wie diese: Im Unterricht seien zwei Optionen nahegelegt worden: „Dass man hier etwas macht, Anschläge in Deutschland, oder in den IS auswandert.“ Auch ein V-Mann will gehört haben, wie sich Hasan C. euphorisch über die Attentate in Paris und Brüssel äußerte. Ehemalige Schüler schilderten, dass es eine kleine Gruppe Eingeweihter gegeben habe, Schüler, die sich offen gezeigt hätten für radikale Botschaften und damit zu einem „inneren Kreis“ zählten. Doch wie verlässlich sind solche Aussagen? Zumal etliche Zeugen Anil O. inzwischen ein zwiespältiges Verhältnis zur Wahrheit bescheinigt haben?

Der Angeklagte wundert sich: Er könne doch Anil O. gar nicht radikalisiert haben, wenn er diesem nur zweimal begegnet ist. Und die V-Person sei jemand, die für Geld lügt. Auch belastet er einen weiteren Mitangeklagten, den Dortmunder Boban S., der laut Anklage ebenfalls Schüler in Unterrichten um sich versammelt und Ausreisen in die ehemaligen IS-Gebiete organisiert haben soll – eine Person die laut Hasan C. selbst Muslimen schnell den richtigen Glauben absprach, wenn sie nicht seine religiöse Auffassung vertraten.

Boban habe Anil mit zum Arabisch-Unterricht in sein Reisebüro geschleppt und damit erst dafür gesorgt, dass er sich nun vor Gericht verantworten muss. „Ich habe mich auf diese Person eingelassen und damit das Chaos eingeladen.“

Auch zu dem Vorwurf, Teil eines mutmaßlichen Rekrutierungs-Netzwerks gewesen zu sein, bezieht Hasan C. Stellung: Zu Abu Walaa habe er keinen Kontakt gehabt. „Ich habe ihn erst hier, vor Gericht, und durch das Aktenstudium kennengelernt.“ Dennoch bleiben Widersprüche. Immer wieder hält der Vorsitzende Richter Frank Rosenow dem Angeklagten Aussagen von Zeugen und verschiedene Beweismittel vor: Wie kommt es, dass Hasan C. die Nummer von Abu Walaa auf seinem Handy gespeichert hat? Der 54-Jährige überlegt nicht lange: Der Handyvertrag seiner Frau lief auf seinem Namen, sie habe wohl die Nummer des Predigers gehabt. Auch als es um ein One-Way-Flugticket in die Türkei geht, das er einem Ausreisewilligen auf dessen Geheiß ausgestellt hat, bleibt er vage. Erst auf Nachfrage räumt er ein, von dessen Ausreiseplänen gewusst zu haben. Doch insgesamt bleibt er dabei: „Ich werde hier die Wahrheit sagen, auch wenn man mich nach dieser Aussage bedrohen wird. Ich habe vor niemandem Angst.“

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