EKD-Vorsitzender in Braunschweig: Das Giftstreuen muss aufhören

Braunschweig.  Bischof Heinrich Bedford-Strohm spricht beim Jahresempfang der Landeskirche im Dom über Hanau, aber auch über die Bedeutung von Glück und Gemeinsinn.

Bischof Heinrich Bedford-Strohm während des Jahresempfangs der Landeskirche im Braunschweiger Dom.

Bischof Heinrich Bedford-Strohm während des Jahresempfangs der Landeskirche im Braunschweiger Dom.

Foto: Florian Kleinschmidt / BestPixels.de

Der Ratvorsitzendende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat im Braunschweiger Dom auf die Bedeutung von sozialem Engagement für die Gesellschaft verwiesen und Nächstenliebe eingefordert. Glück und Gemeinsinn gehörten zusammen und müssten Raum in der Kirche finden, sagte der bayerische Landesbischof beim „Abend der Begegnung“, dem Jahresempfang der Braunschweigischen Landeskirche.

Bedford-Strohm: „Rassisten vehement widersprechen“

Mit Blick auf den rechtsextremistisch motivierten Anschlag im hessischen Hanau am vergangenen Donnerstag sprach der EKD-Vorsitzende von einem bedrückenden Tag. Es müsse Schluss sein mit Worten, mit Hass und Hetze, die zu Taten wie in Hanau führten. „Spätestens jetzt muss das Giftstreuen aufhören“, sagte er vor rund 500 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Wissenschaft und Kultur. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte er gegenüber unserer Zeitung Solidarität mit den Opfern und den Angehörigen eingefordert. „Zur Überwindung der Gewalt ist es jetzt notwendig, dass die Menschen in unserem Land zusammenstehen. Jetzt kommt es auf jeden einzelnen an. Wir sind alle gefordert, Rassismus und Antisemitismus in den konkreten Situationen des Alltags vehement zu widersprechen. Und es muss klar sein: Wer Rechtsextremen in einer Partei Deckung gibt, trägt Mitverantwortung dafür, wenn deren Ideologien Gehör finden.“

Landesbischof Christoph Meyns, Gastgeber im Dom, zitierte die Seligpreisung aus der Bergpredigt, laut Meyns sozusagen dem „christlichen Grundgesetz“. „Damit ist alles gesagt, was diese Tage zu sagen ist zum Anschlag in Hanau und anderen Mordtaten. Damit ist alles gesagt zu Menschen, die gegen Minderheiten hetzen, Vorurteile verbreiten, Sündenböcke suchen, nationalistisches und völkisches Gedankengut vertreten, frauenfeindliche Parolenverbreiten,ernsthaft darüber diskutieren, ob es richtig sei, Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten.“

EKD-Vorsitzender sieht nicht allerorts nur Egoismus

In seiner Festrede hob Bedford-Strohm das Engagement vieler Bürger hervor. Es stimme nicht, dass Gemeinschaft in unserer Gesellschaft immer mehr verschwinde und allerorts Egoismus herrsche. Auch heute blieben Menschen nicht unberührt davon, wenn andere Menschen in Not gerieten, nannte er die Flüchtlingskrise als Beispiel für ehrenamtliches Engagement. „Was aber stimmt, ist, dass Gemeinschaft sich heute verändert. Es ist wahr: die alten Formen von Gemeinschaft, die starke Verbindlichkeit und oft lebenslanges Engagement implizierten, verlieren an Bedeutung. Aber das heißt eben nicht, dass die Menschen automatisch nur auf dem Ego-Trip sind.“ Er verwies auch auf die „Fridays for Future“-Bewegung. Das Bild von der Jugend sei schon zu anderen Zeiten falsch dargestellt worden, sagte Bedford-Strohm und zitierte in dem Zusammenhang Aussagen von Sokrates und Aristoteles „Die jungen Menschen, die für das Klima auf die Straße gehen sind mitnichten privatorientiert, sondern sehr politisch“, erklärte der Gast aus Bayern.

Bedford-Strohm: „Kirche muss wieder Ort werden, wo sich unterschiedliche Menschen begegnen“

Die Kirchen in Deutschland müssten sich den gesellschaftlichen Herausforderungen von Individualismus und Pluralisierung stellen. Diese Trends stünden jedoch auch für etwas Positives, denn sie zeugten von der Freiheit, die in der Gesellschaft herrsche. Und die Kirche dürfe „starke Beziehungen“ wie die der Familie nicht mit „schwachen Beziehungen“, die immer öfter im Alltag der Menschen entstünden, gleichsetzen. „Auch schwache Beziehungen haben ihre Berechtigung und schaffen etwas, was wichtig ist: das Kennenlernen anderer Milieus. Kirche muss wieder stärker ein Ort werden, wo sich viele unterschiedliche Menschen begegnen.“

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