Mit dem Bagger in die Atommüllkammer

Remlingen.  Das lang erwartete Konzept der BGE zur Bergung des Asse-Mülls sieht auch ein Zwischenlager am Betriebsgelände vor.

Screenshot aus einer früheren Computeranimation des Bundesamtes für Strahlenschutz zum Thema Rückholung mit ferngesteuertem Gerät.

Screenshot aus einer früheren Computeranimation des Bundesamtes für Strahlenschutz zum Thema Rückholung mit ferngesteuertem Gerät.

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Die offizielle Präsentation in der Asse-Begleitgruppe war wegen Coronas abgesagt worden. Doch in einem 146-Seiten-Papier, das unserer Zeitung vorliegt, hat der Asse-Betreiber Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) die Grundzüge der sogenannten Rückholung der radioaktiven Abfälle aufgeschrieben. In einer Entwurfsfassung vom Februar 2020 erläutert die BGE die entscheidenden Bausteine („Meilensteine“) des Projekts, den möglichen Ablauf der eigentlichen Bergung und auch die Frage der Zwischenlagerung. Die Kosten werden – mit einer Ungenauigkeit von 30 Prozent – auf insgesamt 3,35 Milliarden Euro geschätzt.

Keine vorgezogene Teilrückholung

Der erste „Meilenstein“ ist laut eines Schaubildes mit einer Zeitachse die „Inbetriebnahme Schacht 5“ und das neue „Rückholbergwerk“. Dieses Rückholbergwerk soll als „neuer qualifizierter Zugang“ im Osten des sogenannten Bestandsbergwerks entstehen und bis Ende 2028 in Betrieb gehen. Dem folgen als weitere „Meilensteine“ die Betriebsbereitschaft von Abfallbehandlung und Zwischenlager, das Herstellen der Notfallbereitschaft und schließlich die Rückholung selbst. Die „Durchführung der Rückholung“ solle bis zum Jahr 2033 begonnen werden, heißt es. Die vorhandenen Schächte 2 und 4 für die Rückholung einzubinden, bringe keinen Sicherheitsgewinn, so die Studie - vorausgesetzt das Rückholbergwerk werde innerhalb von acht Jahren fertig. Die Verfasser weisen auch darauf hin, dass es mit Kern um eine Bergung geht - denn mit „Rückholbarkeit“ werden bei der Endlagerung eigentlich geplante konzeptionelle Möglichkeiten zum Entfernen eingelagerter Atombehälter beschrieben. Davon kann in der Asse keine Rede sein. Was das geplante Herausholen der Fässer aus den 13 Kammern angeht, spricht die BGE daher von einer Bergung. Die Botschaft ist klar: Man betritt Neuland.

Die Planungen der Rückholung bezogen auf die einzelnen Sohlen des Bergwerks (511/725/750-Meter) seien „unterschiedlich weit fortgeschritten“, heißt es weiter. So seien die Angaben zur 511-Meter-Sohle mit den mittelaktiven MAW-Abfällen „belastbarer“ als jene zur 750-Meter-Sohle. „Für die Durchführung der Rückholung der 750-m-Sohle wird weiterhin von einem Zeitraum von mehreren Dekaden ausgegangen“, heißt es. Sinnvoll sei es, mit Kammern anzufangen, zu denen „günstigen Randbedingungen“ vorlägen, also Kenntnis der Atmosphäre und des Gebirgszustandes. Dies gelte nur für die Kammern 7 und 8a. „Deshalb ist es für einen frühzeitigen Start der Rückholung am aussichtsreichsten, mit einer dieser beiden Einlagerungskammern zu beginnen“, so die Studie. In einem „Ausblick“ spricht sich die BGE für eine parallele Rückholung an vielen Einlagerungskammern anstelle einer „sequenziellen Rückholung“ (also nacheinander) aus. Dazu seien aber zusätzliche Filteranlagen nötig. In jedem Fall gelte es aber die „gesetzlich zulässigen potenziellen Strahlenexpositionen für die Bevölkerung“ einzuhalten. Der limitierende Faktor bei dem Projekt liege unter Tage, heißt es. Insbesondere das Umverpacken der Abfälle und das Schleusen seien zeitintensiv. Das Konzept enthält auch Varianten der konkreten Bergung, so etwa in Kammer 7 mit sogenannten „Tripod-Baggern“. Für die Kammer 8a werden zunächst drei Varianten vorgehalten, je nach Grad der Befahrbarkeit. Die 11 Kammern auf 750 Meter werden in drei Kammergruppen („Süd“/“Ost“/“Zentral“) unterteilt, „Süd“ gilt als am schwierigsten. Bei den Techniken stützt sich die BGE auf einschlägige bergbauliche Abbauverfahren.

„Strahlenexposition sehr niedrig“

Nach dem Bergen folgen noch das Umverpacken in einer Schleuse für den innerbetrieblichen Transport über den Schacht 5, die Abfallbehandlung über Tage mit einem „Pufferlager“, dann Messungen und bei Bedarf Proben zur Charakterisierung und Deklarierung der jeweiligen Abfälle. Dabei geht es unter anderem um den Kernbrennstoffgehalt. Das Pufferlager soll aus mehreren Hallenschiffen bestehen. Schließlich folgt die Konditionierung, also Behandlung des Mülls für Zwischenlagerung oder theoretisch sogar Endlagerung - falls die Kriterien eines Endlagers schon klar sein sollten: Verpressen, verbrennen, trocknen, zementieren gehören zu den Techniken. 80 bis 100 Gebinde pro Tag sind in dem Konzept vorgesehen, die über drei bis vier „Arbeitsorte“ kommen. In der öffentlichen Diskussion dürfte ein anderer Punkt eine entscheidende Rolle spielen. „Vorplanungen sehen die bauliche Zusammenfassung der Einrichtungen zur Abfallbehandlung (...) und zur Zwischenlagerung vor“, heißt es. Als Zwischenlagergelände wird „Standort 1“ nördlich der Schachtanlage favorisiert. Neben der Nähe und technischen Eignung gebe es wegen des Forstbestandes „kaum Sichtbeziehungen und Einsehbarkeiten“. Die Strahlenexposition für Anwohner bezeichnet die Studie als „sehr niedrig“. Die Unerheblichkeitsschwelle (De-Minimis-Dosis) werde bereits bei einem Abstand von rund 170 Metern unterschritten. Bei Transporten in ein Asse-fernes Zwischenlager werde es dagegen eine „um mehrere Größenordnungen“ höhere Exposition für das Betriebspersonal geben, heißt es zu den Modellrechnungen.

Langwierige Verfahren

Ebenso erheblich wie die technischen dürften aber auch die administrativen Herausforderungen sein. „Wie sollen Atommüllfässer aus der Asse geborgen werden, wenn bereits der Austausch einer Kamera einen jahrelangen Papierkrieg zwischen den Behörden auslöst?“, fragte jüngst der Bundestagsabgeordnete der Linken, Victor Perli. Konkret ging es 2017 um den Einsatz einer Videokamera in der Kammer acht, um erhöhten Radioaktivitätswerten nachzugehen. Für Verzögerungen wurde das Bundesamt für Entsorgungssicherheit (BfE) – inzwischen „Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) – verantwortlich gemacht. Dieses habe verfügt, dass der Kamera-Austausch genehmigt werden müsse, so die BGE. Das Bundesamt erklärte nun in einer Mitteilung, die kritisierten Zeitabläufe lägen in der Hand des Betreibers BGE. Das Bundesamt ist Atomaufsicht. Genehmigungsbehörde ist allerdings das Landesumweltministerium. Ein Sprecher der Behörde erklärte unserer Zeitung zu dem BGE-Antrag, der im September 2018 kam, nötig seien „vollständige und zeitnah eingereichte„Unterlagen. Die BGE wiederum verweist auf Gesetzesänderungen, die berücksichtigt werden mussten.

Die Rückholungs--Skizze sei „Grundlage für Abstimmungen“ zwischen Betreiber und Genehmigungsbehörden, heißt es ausdrücklich. Dazu zählen auch die Naturschutzbehörde des Landkreises Wolfenbüttel und der Regionalverband Großraum Braunschweig. Auch für den Dialog mit Bürgerinitiativen, der Begleitgruppe und anderen soll es Grundlage sein.

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