„Baby-Gangs“ terrorisieren Italien

Neapel  Minderjährige ziehen durch die Viertel und schlagen wahllos Gleichaltrige zusammen.

Gewalt in den Straßen Neapels – ausgelöst durch Banden von kriminellen Jugendlichen.

Gewalt in den Straßen Neapels – ausgelöst durch Banden von kriminellen Jugendlichen.

Foto: imago stock

Gaetano, ein 15-jähriger Junge aus Neapel, will nur einen entspannten Nachmittag mit seinen Cousins verbringen. Doch daraus wird nichts. An einer U-Bahn-Haltestelle wird er von gleichaltrigen Jungs krankenhausreif geschlagen. Einfach so. Die Gang will nicht sein Geld und nicht sein Handy. Sie will – so krank es klingt – einfach nur ihren Spaß. Durch die Gewaltorgie wird der Junge so schwer verletzt, dass ihm in einer Notoperation die Milz entfernt werden muss. Gaetano ist Opfer einer Serie, die auf das Konto der „Baby-Gangs“ geht – junge Kriminelle, die Italien in Angst und Schrecken versetzen.

Es sind Kinder und Jugendliche, die Nachbarn terrorisieren, auf Obdachlose urinieren, Gleichaltrige in die Bewusstlosigkeit prügeln, Handys stehlen und die Sicherheitskräfte provozieren. Nicht nur in Neapel, auch in Mailand, Rom oder Turin, zunehmend auch in kleineren Gemeinden. Noch nicht lange ist es her, da wird ein Schüler am helllichten Tag „aus Langeweile“ angegriffen: Eine Bande aus Jugendlichen umzingelt den 17-jährigen Arturo auf der eleganten Einkaufsstraße Via Foria. Die jungen Kriminellen fragen Arturo nach der Uhrzeit. Als er sich weigert, ihnen zu folgen, zückt einer ein Messer. Der erste trifft Arturo am Hals. Ein anderer sticht ihn in den Brustkorb. Zwölf Schnittwunden, dann sinkt Arturo schwer verletzt zu Boden. Seit Jahren patrouilliert das Militär an belebten Orten in Neapels Altstadt, doch gegen die neue Jugendgewalt sind die Soldaten machtlos. Am Hauptbahnhof verkaufen junge Männer vor aller Augen neben gestohlenen Handys für 500 Euro auch Pistolen. Der rege Waffenhandel nährt die „Baby-Gangs“, die für den drastischen Anstieg der Mordrate in Neapel von 44 auf 77 allein im Jahr 2016 mitverantwortlich gemacht werden.

Armut und Mangel an Bildung verantwortlich für die Misere

Die Situation ist gespenstisch: Minderjährige rasen auf dem Mofa durch die Gassen. Sie schießen nicht nur auf Mitglieder verfeindeter Banden, sondern nehmen bewusst auch den Tod Unbeteiligter in Kauf. „Wenn etwas passiert, gehen wir schnell nach Hause“, sagt eine ältere Dame in Forcella, dem heruntergekommenen Altstadtviertel hinter Neapels Dom.

Die Macht der „Baby-Gangs“ zeigt sich auch im Netz: Kleine Jungs posieren im Internet mit Pistolen, Messern und Baseballschlägern. Über den Kindergesichtern steht: „Wir machen Angst“. Von der Fernsehserie über die neapolitanische Mafia-Organisation Camorra inspiriert, zeigt ein anderes Foto die Jungen zwischen neun und zwölf Jahren stolz neben einer der Darstellerinnen von „Gomorrha“.

Ein Großteil der wachsenden Zahl an Gewalttaten geht auf das Konto von Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden. Während die Chefs der traditionellen Camorra-Clans größtenteils in Haft sind, oder bei Bandenkriegen erschossen wurden, machen sich nun junge Männer den Markt für Heroin und Kokain streitig.

„Von Baby kann bei diesen Kriminellen keine Rede sein“, sagt Neapels ehemaliger Polizeichef Guido Marino bitter, der heute Chef der Polizei in Rom ist. „Das sind Kriminelle, die sich mit der Pistole in der Hand den Drogenmarkt streitig machen“. Klein seien allenfalls die Strafen, die sie verbüßen müssten. Er macht Armut, Mangel an Bildung und Freizeitangeboten verantwortlich für die Misere in vielen Stadtteilen von Neapel.

Der jüngste Fall ereignete sich am Wochenende: In San Giorgio a Cremano, einem Vorort Neapels, fasste die Polizei drei Minderjährige, die seit einigen Tagen auf offener Straße Passanten bedrohten und ausrauben wollten. Bei den Jungen fanden die Beamten eine Platzpatronen-Pistole und zwei Klappmesser. Die Fahnder hatten die Gang 24 Stunden lang observiert. Als das Trio gerade wieder zuschlagen wollte, schnappte die Falle zu.

In Neapel tut man sich schwer mit den „Baby-Gangs“. Politiker überschlagen sich derzeit mit Forderungen nach Strafen. Der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, mahnte kürzlich „harte Entscheidungen“ an, wie die Herabsetzung der Strafmündigkeit von derzeit 16 Jahren. Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris hielt dagegen: „Einen Elfjährigen ins Gefängnis zu stecken, ist eine Bankrotterklärung.“

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