Immerhin ist Deutschland das Land der sauberen Hintern

Berlin.  In der Corona-Krise kann man viel lernen, zum Beispiel über Klopapier. Unser Autor fordert: Hamstern Sie weiter! Und knüllen Sie nicht!

Baden-Württemberg in der Corona-Krise am vergangenen Freitag: Ein Mann läuft nach erfolgreichem XXL-Toilettenpapier-Kauf über einen Supermarkt-Parkplatz.

Baden-Württemberg in der Corona-Krise am vergangenen Freitag: Ein Mann läuft nach erfolgreichem XXL-Toilettenpapier-Kauf über einen Supermarkt-Parkplatz.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

In Zeiten der Krise lernt man sich selbst und seine Mitmenschen besser kennen, die besten Seiten und die Abgründe. Und wenig Krisen lassen einem so viel Zeit zum Nachdenken wie die Coronavirus-Pandemie.

Um den Krisenmodus der Deutschen und ihre psychische Verfassung zu ergründen, braucht es allerdings gar nicht so viel Nachdenken. Denn es gibt da dieses eine Meme, eine Fotomontage, die durchs Netz geistert und die die komplexe Gemengelage entschlüsselt.

Eine Szene aus dem Katastrophenfilm „Outbreak“. Dustin Hoffman läuft als Colonel Sam Daniels auf der Suche nach dem Todeskillervirus mit Ganzkörperschutzanzug und düsterer Miene durch ein Dorf im afrikanischen Dschungel. Einer der Männer aus seinem Krisenteam sagt: „Oh mein Gott! Sie sind alle tot!“ Und Hoffman erwidert. „Ja, aber habt ihr gesehen, wie sauber ihre Ärsche sind?“

Deutsche kauften in der Corona-Krise siebenmal so viel Toilettenpapier wie sonst

Krisenzeit in Deutschland ist die Zeit, in der die Menschen sehr oft (und nicht selten zuerst) an Klopapier denken. Klingt überspitzt? Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) sagt etwas anderes: Nämlich, dass die Deutschen zuletzt siebenmal so viel Klopapier gekauft haben wie sonst. Eine Steigerung von 700 Prozent. Und das allein im Februar. Nur mal so: Die Schulen wurden erst in der zweiten März-Woche geschlossen.

Und nun ist das Klopapier überall, nicht nur in unseren Vorratskammern. Erste Konditoreien preisen öffentlichkeitswirksam ihre Klopapier-Torten an. Die Band Die Ärzte meldet sich mit einem Pandemie-Song in den sozialen Netzwerken und singt „Ich sitze zuhause und langweile mich, Klopapier und Nudeln sammle ich nicht.“ Und die Deutsche Presse-Agentur berichtet: „Merkel geht einkaufen – auch Toilettenpapier“. Ich kann Ihnen versichern: Um unseren Newsblog gefüllt zu bekommen, hat es diese Knallernachricht nicht gebraucht.

Apropos Nachrichten: Dass das mit dem Klopapier mitunter bizarre Ausmaße annimmt, kann man wunderbar anhand einer kleinen Presseschau erkennen. Im Februar ging es los mit den ersten Berichten über Hamsterkäufe, dazu ein paar Artikel über Beiträge in den sozialen Medien, die sich wiederum um die Hamsterkäufe drehten. Aber irgendwann schien das Ganze aus dem Ruder zu laufen. Ein paar Überschriften:

  • „Fünf Euro für eine Rolle – Verbraucherschützer warnen vor Klopapier-Abzocke“ (Berlin, 16. März)
  • „Jérôme Boateng zeigt Klopapier-Tricks“ (München, 18. März)
  • „Hunderte Rollen Klopapier aus Grundschule geklaut“ (Nürnberg, 19. März)
  • „Ein Verletzter in Supermarkt nach Streit um Klopapier“ (Mannheim, 19. März)
  • „Niederländischer Regierungschef über Klopapier: ‘Wir haben soviel, wir können zehn Jahre kacken’“ (Den Haag, 19. März)
  • „Streit ums Klopapier endet mit Faustschlägen“ (Bremen, 19. März)
  • „Einbruch in Gartenlaube: Täter klauen Gartengeräte – und eine Lage Klopapier“ (Dortmund, 20. März)
  • „Dieb schlägt Autoscheibe ein und klaut Klopapier“ (Kiel, 25. März)
  • „Einbrecher stehlen Klopapier aus Toilettenwagen“ (Gummersbach, 25. März)
  • „Polizeieinsatz wegen Klopapier: Kundin setzt sich auf Kassenband“ (Bergneustadt, 26. März)
  • „40 Rollen Klopapier aus Schloss Kapfenburg gestohlen“ (Lauchheim, 28. März)

Richtig peinlich wird es aber eigentlich erst bei der Meldung: „Deutsche horten Klopapier, Spanier und Italiener Wein“. Wird uns Europa am Ende der Krise tatsächlich nur als Land der sauberen Ärsche sehen?

Elektroschocker muss in der Corona-Krise Klopapier-Streit beenden

Immerhin: Die Australier drehen offenbar auch durch. Zu einem Streit in einem Supermarkt in der Stadt Tamworth im Bundesstaat New South Wales titelt die Nachrichtenagentur AFP bereits Anfang März: „Klopapier-Streit endet in Australien mit Elektroschocker-Einsatz“. So weit waren wir hier noch nicht.

Und beruhigenderweise sind wir auch nicht wirklich die einzigen Papierhamster auf der Welt. In Zeiten ohne Pandemie wird in den USA, in der Schweiz, in Finnland und in Hongkong noch mehr Hygienepapier verbraucht als in Deutschland. Und dort wird nun auch mindestens genauso schlimm gehamstert. Hygienepapier heißt übrigens: Klopapier, Taschentücher, Küchenrollen, wobei man davon ja auch alles auf der Toilette verwenden kann, wovon wiederum die Klärwerke dringend abraten, weil vieles davon die Abwasserrohre verstopft.

Diesen hochinteressanten internationalen Vergleich hat übrigens das European Tissue Symposium geliefert, eine Interessenvertretung der Hygienepapierindustrie in der EU. Die gibt es wirklich. Und sie sagt auch, dass wir in Deutschland das Klopapier eher falten, wobei im angloamerikanischen Raum eher geknüllt wird. Ja, man lernt viel in diesen Zeiten. Aber da wir das jetzt schon mal wissen, finde ich, wir sollten unbedingt beim Falten bleiben. Schließlich hamstern die, die knüllen, derzeit nicht nur Klopapier, sondern auch ohne Ende Waffen und Munition. Und sie haben Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt.

Ja, es gibt Wichtigeres in dieser Zeit als das Klopapier. Aber diese Experten, die uns dazu raten, mal wieder die großen Fragen zu stellen, sagen gleichzeitig, dass man der Krise, wann immer möglich, auch mit Humor und Lachen begegnen sollte. Also horten Sie weiter, falten Sie weiter. So lange es Ihnen Freude macht.

Und viel wichtiger: Bleiben Sie gesund – und zu Hause! Klopapier sollte ja ausreichend da sein.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)