Warum in Corona-Zeiten sogar Deutschlehrer cool sind

Berlin.  Was Homeschooling in Corona-Zeiten offen legt: Deutschlehrer sind heutzutage echt keine Spaßbremsen mehr, sondern ziemlich gut drauf.

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Wegen der Cornavirus-Pandemie lassen immer mehr Betriebe ihre Mitarbeiter die Arbeit zu Hause erledigen. Wer ein paar Tipps beherzigt, dem wird die Umstellung nicht schwer fallen.

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Schon mal einen Deutschlehrer gesehen, der in der Berliner Altbauwanne ein Bücherbad nimmt? Oder eine Deutschlehrerin, die in der Playmobilvilla Figuren hin und her zieht, um zu zeigen, was das Schulkind in diesen Tagen alles machen kann/soll/darf? Berliner Lehrer machen so was, das zeigt sich in Zeiten der geschlossenen Schulen.

Mich wundert das, offenbar werden Deutschlehrer auch nicht mehr ihrem Ruf gerecht, sie hätten nichts weiter im Sinn als im verknöcherten, endlos zähen Unterricht Fontane zu interpretieren oder in die Dialekttiefen eines Dramas von Gerhard Hauptmann einzudringen.

Auch ohne Corona: Ich hatte früher immer ein Buch in der Hand

Ich bin mit Deutschlehrern nie warm geworden, sie waren mir zu trocken, zu uncool – dabei gehörte ich zu den wenigen Schülerinnen, die einen Adalbert Stifter zu Ende lasen (Brigitta war’s, habe aber keine Ahnung mehr, worum es da ging) und die wussten, wie der Hund von Effi Briest hieß (Rollo).

Ich hatte früher immer ein Buch in der Hand, bin sogar auf dem Nachhauseweg vom Bücherbus (die fuhren damals die westdeutschen Vorstädte ab) vertieft in die Lektüre von Johannes Mario Simmel so heftig vor die Straßenlaterne gelaufen, dass ich mir tagelang die Haare ins Gesicht frisieren musste, um das Horn auf der Stirn zu kaschieren.

„Was für ein Schund“, schrie die Lehrerin und ihre Spucke tropfte

Den Simmel nahm ich auch mit in die Schule und deponierte ihn während der Deutschstunde aufgeschlagen auf meinen Knien, als Gegenstück zu Adalbert Stifter.

Natürlich fiel er runter. Die Deutschlehrerin, gewichtig, alterslos, bückte sich danach und riss die Augen auf. Simmel, was für ein Schund. Trivialliteratur, rief sie, dabei spuckte sie zwei Tropfen auf das Heft einer Klassenkameradin (Lehrer spuckten früher oft, hat sich das eigentlich geändert?).

Sie legte das Buch auf ihr Pult, verschränkte die Arme über ihrem gewaltigen Busen und sagte mit hoher Stimme: „Birgitta, das Fässchen ist bald zum Überlaufen voll“. Ich fand das lustig, konnte mich nur schwer beherrschen und ich merkte mir das das Wort „Trivialliteratur“.

Wie kann eine gute Geschichte trivial sein?

Ich las Simmel, weil es gute Geschichten waren, Geschichten, die mich nicht mehr losließen. Das ging mir mit Effi Briest eigentlich auch nicht anders oder den Buddenbrooks. Oder gar dem neuesten Asterix-Heft. Ich las einfach alles, und dafür konnte ich nicht genug Zeit haben.

Aus der Sicht der heutigen Deutschlehrer habe ich damals also alles richtig gemacht. Lesen, lesen, lesen, rufen sie in diesen C-Tagen. Die Deutschlehrer eines Berliner Gymnasiums haben allein für den Zweck der Motivation kleine Videos gedreht, die sie an die Smartphones ihrer Schülerschar schickten.

Corona ist: Wenn Lehrer ein Bücherbad nehmen – und sich dabei filmen

Die meisten Clips sind ganz unterhaltsam, finde ich, mit viel Liebe zum Buch, zum Comic. Die Videos haben uns alle hier zu Hause gut unterhalten. Mein Favorit ist der erwähnte Lehrter, der in seiner Badewanne ein Bücherbad nimmt. Ich meine, er hält sogar einen Werner-Comic hoch. Und die Lehrerin, die Ringelnatz zitiert („und gab dem Reh einen Stipps, und da war es auch Gips“ – dafür hätte meiner Deutschlehrerin schlicht der Esprit gefehlt).

Mit ein wenig professionellem Support und einfachen Tipps (Hände weg aus dem Gesicht) könnte man daraus eine prima Literatursendung machen.

Beim Homeschooling zeigt sich, welcher Lehrer seinen Job ernst nimmt

Ich bin mal gespannt, ob die Mathelehrer in Sachen Kreativität mithalten können. Und ich frage mich, warum Physiklehrer immer nur Arbeitsblätter schicken, Geschichtslehrern eine Din-A4-Seite über die 68er-Revolte reicht und Ethiklehrer ihre eigene Videoschalte verschlafen („sorry, ich habe die Zeitumstellung vergessen“).

Wie auch immer: Bei uns kommt eine ganze Menge an von den Lehrerinnen und Lehrern. Sie kümmern sich, halten Kontakt, informieren, fordern – dabei haben die meisten ja ihren eigenen Alltag mit ihrem gelangweilten Nachwuchs. Ich glaube, die meisten von ihnen nehmen ihren Beruf ganz schön ernst, das legen diese Pandemie-Tage tatsächlich offen.

Physikunterricht? Da war so ein Zausel im weißen Kittel

Abgesehen von diesen Krisen-Tagen: Ich glaube auch, die Kinder lernen ganz schön viel, also mehr als wir früher. Ich kann mich zum Beispiel gar nicht mehr an Physik-Unterricht erinnern. Nur an einen alten Zausel im weißen Kittel, der ins Zwiegespräch mit der Klassenbesten vertieft war, während der Rest das Partywochenende verbal verarbeitete.

Wenn es ihm zu laut wurde, schlug er mit dem Klassenbuch aufs Pult. Wir zuckten zusammen und redeten weiter. Die ausreichenden Noten bekamen wir, weil wir das Heft der Klassenbesten abschreiben durften.

So etwas funktioniert heute nicht mehr, ist mein Eindruck – wohl auch, weil die Schülerinnen und Schüler ganz schön emsig dabei sind, gute Noten zu kassieren.

Liebe Lehrer: Es ist Zeit, dass ihr mal gelobt werdet

Liebe Deutschlehrer: Euer Video hat mir gefallen. Es stimmt mich milde. Ich glaube, ihr seid ganz gut drauf.

Liebe Lehrer, ihr alle in euren Wohnungen: Es ist an der Zeit, dass ihr mal gelobt werdet, denn ihr sorgt dafür, dass unser Teenagerkind kaum quengelt. Und das ist wirklich kein leichter Job.

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